Langes Leben mit und ohne Diät

In den Spamordnern wird uns bald ein neuer Begriff begegnen: Rapamycin, haben Forscher gezeigt, verlängert das Leben signifikant - und zwar auch bei Säugetieren

50 Milligramm längeres Leben sind derzeit für 32 Euro zu haben. 99-prozentig reines Rapamycin, leicht zu finden, da sogar per Google-Textanzeige beworben vom Hersteller, der Firma LC Laboratories in Woburn, MA – dass die Substanz in der Lage ist, das Leben zumindest von Mäusen signifikant zu verlängern, haben die Spammer seit dieser Woche schriftlich.

In der Online-Ausgabe des renommierten Wissenschaftsmagazins Nature erschien da eine Studie, die vom amerikanischen National Institute of Aging (NIA) beauftragt worden war. Das NIA betreibt ein so genanntes "Interventions Testing Program" mit dem Ziel, potenziell lebensverlängernde Therapien ausfindig zu machen – zunächst im Mausversuch.

Im Prinzip kann jedermann eine solche Therapiemethode vorschlagen. Wird sie für aussichtsreich erkannt, testen drei unabhängige Labore in einem Langzeitversuch die Substanz. Bisher hat es allerdings kein Stoff geschafft, in allen drei Testzentren das Leben von männlichen wie weiblichen Mäusen auf robuste und signifikante Weise zu verlängern – bis auf Rapamycin.

Die organische Substanz ist für einen Mythos wie geschaffen. Schon ihre Entdeckungsgeschichte ist spannend: Rapamycin, auch Sirolimus, leitet seinen Namen von den Osterinseln, Rapa Nui, ab – es wurde zuerst in Bodenproben von diesem geschichtsträchtigen Eiland identifiziert. Wo bald tausend nach wie vor rätselhafte Moai-Steinfiguren aufs Inselinnere blicken, entsteht Rapamycin als Stoffwechselprodukt der im Erdboden lebenden Bakterienart Streptomyces hygroscopicus.

Moai-Figuren auf Rapa Nui (Osterinseln). Bild: Rivi Das Bild "Ahu Tongariki.jpg" und steht unter der Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 ..

Ganz neu ist Sirolimus in der Medizin allerdings nicht: Die ringförmigen organischen Moleküle (Makrolide) setzt man etwa nach Organtransplantationen zur Unterdrückung der Immunreaktion ein. Zudem versucht man, mit der Substanz das Wiederverschließen von Herzkranzgefäßen nach Einsetzen eines Stents zu verhindern – und schließlich zeichnen sich auch mögliche Anwendungen in der Tumortherapie ab.

Dass Rapamycin bei niederen Lebewesen lebensverlängernd wirkt, wusste man ebenfalls schon. Bei Wirbeltieren ist diese Anwendung allerdings ein echtes Novum – und zudem eines, das in einem wirklich überzeugenden Prozess nachgewiesen wurde. Die Forscher in den drei Labors mussten nämlich zunächst einen Weg finden, den Versuchstieren Rapamycin so zu verabreichen, dass es auch seine Wirkorte erreichen kann. Das dauerte so lange, dass die für den Versuch reservierten Mausstämme bei Versuchsbeginn schon 600 Tage alt waren – das entspricht beim Menschen einem Alter von 60 Jahren.

Die Wirkung war trotzdem noch erstaunlich: im Vergleich zur Kontrollgruppe verlängerte sich das Leben von Weibchen um 38 Prozent, von Männchen um 28 Prozent. Derzeit läuft eine weitere, später gestartete Versuchsreihe – die Tiere waren bei Beginn des Experiments hier 270 Tage alt, also noch in den allerbesten Jahren. Die Versuchsreihe ist noch nicht abgeschlossen, doch es zeigt sich schon jetzt, dass die Sterblichkeit unter Rapamycin-Einfluss deutlich verringert wurde.

Wie der Stoff wirkt, darüber machen sich Forscher natürlich ebenfalls Gedanken. Rapamycin verhindert unter anderem die Reifung von Immunzellen (T-Zellen). Die Substanz zielt auf ein anderes, körpereigenes Protein, passenderweise TOR (Target of Rapamycin) genannt, das gleich bei mehreren Prozessen der Zellreifung und –alterung eine Rolle zu spielen scheint. Rapamycin beeinflusst und beschränkt dabei die Funktion von TOR.

Interessant dabei ist, dass auch eine andere, als lebensverlängernd bekannte Maßnahme genau dies bewirkt: Eine strikt kalorienreduzierte Diät. Gelingt es, die Schwelle zur Mangelernährung nicht zu unterschreiten, ließ sich im Versuch das Leben etwa von Rhesusaffen schon deutlich verlängern. Im Vergleich zur täglichen Gabe von Rapamycin, das mit seiner immunsuppressiven Nebenwirkung einem künstlich induzierten AIDS-Leiden vergleichbar wäre, ist der Diät-Weg für Menschen mit dem Wunsch nach Unsterblichkeit sicher der empfehlenswertere.

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