Langsames Sterben - zufriedene Angehörige

Wie schnell darf ein Mensch ohne jede Chance auf Heilung auf den Tod zusteuern?

Auf der Intensivstation entschlafen Menschen in der Regel nicht ohne Zutun von Außen in die Ewigkeit: Die Ärzte schalten irgendwann die Maschinen aus oder sehen von Maßnahmen der Wiederbelebung ab. Wieviel Zeit sollten sich die Mediziner dafür nehmen?

Das ist keine ganz unwichtige Frage - die Chance, dass sie zur persönlichen Frage wird, ist beträchtlich. Denn ungefähr ein Fünftel aller Sterbefälle vollzieht sich zum Beispiel in den USA noch während des Aufenthalts in der Intensivstation oder kurz danach. Eine europäische Studie hat festgestellt, dass bei über drei Viertel der auf der Intensivstation Sterbenden medizinische Maßnahmen eingestellt wurden, amerikanische Zahlen gehen sogar von 90 Prozent aus. Ob die behandelnden (oder eben nicht mehr behandelnden) Ärzte damit richtig verfahren, ist sehr schwer zu untersuchen.

Die Patienten selbst können dazu keine Auskunft geben. Amerikanische Forscher haben deshalb in einer Studie die Angehörigen der Patienten befragt. Die Ergebnisse sind in der aktuellen Ausgabe des American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine zu finden. Ob und wie die nächsten Angehörigen mit dem Umgang mit den Patienten zufrieden sind, ist gerade in solchen Extremsituationen ein wichtiger Faktor, der sich auf die mentale und physische Gesundheit der Betroffenen auswirken kann.

Widerspruch von Patienten- und Angehörigen-Interessen

Die Forscher untersuchten dazu 2003 Sterbefälle auf den Intensivstationen von mehreren Kliniken. Überraschenderweise stießen sie dabei auf einen Widerspruch von Patienten- und Angehörigen-Interessen. Die Medizin betrachtet es normalerweise als suboptimal, den Sterbenden Schritt um Schritt verschiedene lebenserhaltende Maßnahmen zu entziehen. Ein solches Vorgehen verlängert den Prozess in der Regel unnötig und damit auch das Leiden der Betroffenen.

Die Angehörigen allerdings zeigten sich umso zufriedener mit der Behandlung, je schleichender die lebenserhaltenden Maßnahmen abgeschaltet wurden. Zugleich stellten die Forscher fest, dass eben diese Handlungsweise weiter verbreitet ist, als sie vermutet hatten, nämlich bei etwas weniger als der Hälfte der betrachteten Sterbefälle.

Dass die Familien mit dem unnötig verlängerten Sterben eines der Ihren zufriedener sind, erklären die Forscher aus der Schwierigkeit, sich von der Rettungs- auf die Sterbesituation umzustellen. Wurde eben noch jedes verfügbare Mittel zur Rettung eines Menschen eingesetzt, sollen nun plötzlich alle Maschinen abgeschaltet werden - das ist ein rapider Wechsel, der den Familien wie ein Verrat vorkommen könnte. Insofern kommt es gerade auch in dieser Situation auf eine andauernde Kommunikation zwischen Arzt und Angehörigen an.

Erst wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen

Erst wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen, so die These, kann man auch damit umgehen, Gestützt wird das von einer anderen aktuellen Untersuchung, die ein Forscherteam im Journal of the American Medical Association (JAMA) veröffentlicht hat. Oft herrscht ja die Annahme, klar und deutlich mit Patienten und Angehörigen zu sprechen, bereite diesen unnötigen Stress.

Das Gegenteil ist offenbar der Fall. Patienten, die mit ihrem Arzt ein Gespräch über ihren bevorstehenden Tod geführt hatten, fühlten sich im Mittel nicht trauriger, depressiver oder besorgter als andere. Sie konnten ihr nahes Ende leichter akzeptieren und entschieden sich eher für schmerzlindernde als für lebensverlängernde Maßnahmen. Dies wirkte sich auch direkt auf ihre Angehörigen aus. Wer einem Patienten beim Sterben in intensivmedizinischer Behandlung zusehen musste, hatte ein dreifach höheres Risiko, an einer Depression zu erkranken, als jemand, dessen Familienmitglied eines friedlichen Todes gestorben war.

Leicht sind solche Sterbegespräche allerdings weder für die Patienten noch für die Ärzte, so die Forscher. Etwa ein Fünftel der Patienten weigerte sich in dieser Untersuchung, eine solche Unterhaltung zu führen. (Matthias Gräbner)

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