Langweilige Planeten

Als das Weltall aus der Mode kam - Teil 3

Die Leute, die dort miteinander redeten, waren Marsmenschen. Warning konnte sie nicht verstehen. Deshalb benutzte er die Gelegenheit, sich umzusehen. Sie standen in der Eingangshalle eines riesigen Gebäudes. Säulen eines blanken Metalls trugen ein Dach aus klarem Glas. In allen Richtungen ging es in andere Räume, und dauernd kamen blaue spinnenbeinige Marsleute vorbei.

W. Brown: Das Zeithirn des Mars. Zukunftsroman, Bd. 15

Von den Planeten des Sonnensystems waren es vor allem die Venus und der Mars, der die Fantasie von Science-Fiction-Autoren beflügelte. Nick, unser Weltraumfahrer aus den 1950er Jahren, machte auf der Venus schon mal die Entdeckung eines ungeheuer großen, fremden und vor langer Zeit abgestürzten Raumschiffes. Die Venus seiner Comic-Welt ist ein Planet der dampfenden Dschungel, der speienden Vulkane, der tierfressenden Pflanzen und der fliegenden Drachen. Es ist eine junge Welt, ähnlich der Erde vor Millionen Jahren, und es ist eine heiße Welt wegen der Nähe zur Sonne.

Rock Spire im "Spirit of St. Louis Crater" auf dem Mars. Bild vom 30. April 2015: NASA/JPL-Caltech

Demgegenüber wird der Mars in der utopischen Literatur gerne als alter Planet beschrieben, auf dem wir gerade noch die Reste und Ruinen vergangener Zivilisationen im Wüstensand finden. Exemplarisch steht dafür jene Erzählung über ein Mars-Tal, in dem noch immer das Echo von Stimmen aus der Vergangenheit zwischen den Felswänden hin und her schallt. Das hochfragile akustische Gleichgewicht zerbricht natürlich, als die Erdlinge es entdecken und selbst Geräusche verursachen.

Der Mond hingegen ist schon zu nah und zu erforscht, als dass er die tragfähige Folie für außerirdische Zivilisationen abgeben könnte. Mit jedem Fernglas bei Nacht gut zu beobachten, ist er zu real, um fantastische Welten auf ihm anzusiedeln. Einzig die dunkle, von der Erde abgewandte Rückseite des Mondes trägt noch ein gewisses Potenzial in sich, immerhin entdeckt dort Perry Rhodan das außerirdische Raumschiff, mit der seine intergalaktische Karriere beginnt.

Seit der Marssonde Mariner 4 und durch alle nachfolgenden Raumsonden bis hin zu der auf der Marsoberfläche herumfahrenden Blechkiste namens "Curiosity" wissen wir, auf dem Mars gibt es Sand, Steine, Bodensenken, Ergebungen, Krater, Berge, Steine. Vielleicht auch Wasser, und das war's.

Seit der sowjetischen Raumsonde Verena 4 und seit dem Orbiter Venus Express wissen wir, die Venus ist kein Dschungelplanet, sondern an die 470 Grad Celsius heiß. Statt der Venusianer gibt es unterhalb der Schwefelsäurewolken weite Ebenen und rasende Stürme.

So wurden die blauen, spinnenbeinigen Marsianer und die in tropischer Vegetation lebenden Venusianer abgelöst durch die Zahlenreihen von Gesteinsproben, die chemische Analyse von Bestandteilen der Atmosphäre, dem Registrieren von Temperaturschwankungen und anderen physikalischen Messungen. Das uns durch Sonden zugängliche Weltall entpuppte sich als ein Raum mit vielen toten Gesteinsklumpen.

Aber es gab längst Ersatz für das verlorene Reich der Fantasie - und was eignete sich besser als das Internet, um der von den Gesteins- und Gasklumpen im All ausgehenden Trostlosigkeit zu entgehen. Wo draußen nichts ist, lebt das Innere auf. Man muss den Mars nicht mehr besiedeln, es gibt doch "second life".

Kleine Jungs wollen schon lange nicht mehr Raumfahrer werden, sondern Mark Zuckerberg. Farbige Bilder von der Marsoberfläche sind schön, wirklich wichtig aber ist die neueste Version des iPhone. Damit gibt es so viel zu bereden: Wo man ist, wo man war und wo man hingehen wird. Es gibt so viele Websites zu besuchen, so viele Mails zu schreiben und zu lesen, so viele Blogs einzurichten, so vielen Hashtags zu folgen.

Wo sich die interstellaren Räume als so was von leer herausgestellt haben, ist ein neues Universum entstanden, und das ist nicht leer, sondern von überbordenden Fülle. Es braucht keine Sprünge durch den Hyperraum mehr, mit Lara Croft dringen wir ein in die seltsamsten und geheimnisvollsten Orte und hinter jeder Kammer und hinter jeder neuen Felsenhalle öffnen sich auf wundersame Weise unendliche Flure und Gemächer. Und was ist ein blauer spinnenbeiniger Marsianer gegenüber der Möglichkeit, sich als Avatar zu geben, sich in virtuellen Räumen und Träumen zu bewegen, aber gleichzeitig sich real mit Anderen zu unterhalten.

Gucky, der Mausbiber (aus "Perry Rhodan") und seine Fähigkeit zur Teleportation? Lächerlich, fast jeder Ort dieser Erde ist inzwischen über Google maps oder per Webcam einsehbar. Was sollen wir denn noch ins All fliegen? Der Mond ist nach dem kurzen Hype, den die erste Mondlandung auslöste, wieder der alte Himmelskörper, der er früher war. Nur noch leerer, kälter und langweiliger.

Teil 2: Warum Pininfarina nicht bis zur Mondbasis kam.

Es folgt: Die Flucht auf den Planeten Anarres.

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