Laschets Ruhe und Söders Beitrag

Symbolbild(Kein Tai Chi): Mohamed Hassan/Pixabay

Die Selbstzerstörung der Union: CDU/CSU zwischen politischem Tai-Chi und Todestrieb

Ein Jahr lang hat Markus Söder an diesem Schritt gebastelt. Ein Jahr lang hat er vorbereitet, was er in den letzten Tagen tut. Er hat die Pandemie ausgenutzt, um sich aufzustellen, sich als "Entscheider" und "Krisenmanager" zu inszenieren, als General des "Team Vorsicht".

Er hat dabei beobachtet, hat wie ein Schachspieler die Zweikampf-Situation und jeden möglichen Schritt seiner politischen Gegner antizipiert; vielleicht hat er lange nicht geglaubt, dass ausgerechnet Armin Laschet sein Hauptkontrahent werden könnte, aber dass Angela Merkel und Wolfgang Schäuble gegen ihn stehen würden, damit konnte er schon sehr früh rechnen.

Er hat sich nicht beirren lassen. Er hat geübt. Und doch wird ihm das alles am Ende nichts nützen.

Söder versucht gerade, der CDU die Nerven zu rauben

Denn sein Gegner ist geschickter. Armin Laschet betrieb schon im Kampf mit Friedrich Merz um den CDU-Vorsitz politisches Tai-Chi: "Nutze die Kraft des Gegners." Fern aller Sprunghaftigkeit und des auftrumpfenden politischen Aktionismus, an den man sich bei Markus Söder schon gewöhnt hat, kommt bei Laschet vor dem Handeln die innere Sammlung und das Nachdenken: Bei allem Respekt vor seinem Gegner ist er ruhig und furchtlos. In dieser Ruhe liegt Laschets Stärke. Das, unter anderem, verbindet ihn mit Angela Merkel - auch einer ewig Unterschätzten.

Laschet drängt nicht, sondern er hat eine Haltung. Er macht ein Angebot. Und er kann warten, er hält dem Druck stand, ohne sich erkennbar verunsichern zu lassen oder mit Gegendruck zu reagieren. Das wäre reine Energieverschwendung. Söder versucht dagegen gerade, mit allen Mitteln der CDU die Nerven zu rauben. Sie durch Druck zu verunsichern. Und bei manchen gelingt ihm das.

Antiintellektueller Affekt und der Gestus des "Terminators"

So hat der politisch-mediale Komplex der deutschen Hauptstadt auf Laschets Satz, er werde über Ostern nachdenken, mit Häme reagiert. Es sagt viel und nichts Gutes über die deutsche politische Landschaft und über unsere politische Kommunikation, dass man es einem Politiker zum Vorwurf macht, wenn er sagt, dass er mal ein Wochenende lang nachdenken möchte.

Dass Zeit zum Nachdenken nicht zugestanden wird, weil sie nicht dem heroisch-aktionistischen Modus entspricht, den die Gesellschaft mit der populären Vorstellung eines guten Politikers verbindet, die sich aus "Tatkraft" und "Härte" zusammensetzt, zeigt einen tiefer liegenden antiintellektuellen Affekt der politischen Öffentlichkeit.

Das medial erzeugte Primat der Geschwindigkeit wird zu einer Qualität erklärt. Und die unterbewusste Vorstellung von Politik ist noch immer dem Gestus des "Terminators" verhaftet, dem Stil des "Basta!"-Kanzlers Schröder.

Was 15-jährigen Schülern das neueste Selfie, ist Söder die nächste Pressekonferenz

Armin Laschet widersteht diesem Zeitgeist. Er ist im besten Sinne ein konservativer Politiker, er ist old school. Söder dagegen ist ein Revolutionär von rechts mit populistischen Tendenzen. Er ist bereit, alles aufs Spiel zu setzen und auch den Staat und die Institutionen, die Partei sowieso zu opfern, um der eigenen politischen Karriere willen. So wie noch nie zuvor hat er dies in den letzten Tagen unter Beweis gestellt.

Damit ist Söder ganz ein Kind seiner Zeit. Des Zeitalters des Narzissmus, dessen, was der amerikanische Soziologe Richard Sennett einst als "Tyrannei der Intimität" beschrieben hat. Nicht mehr um Ideen, um die öffentliche Sache (res publica) geht es, sondern um die Karriere des Ich, dessen Ego im Zentrum seiner Welt steht.

Was 15-jährigen Schülern das neueste Selfie, ist Söder die nächste Pressekonferenz - die Befriedigung einer Sucht. "Tyrannei der Intimität" bedeutet für die Politik nämlich, dass Gefühle und Leidenschaften nicht nur nach außen in die Öffentlichkeit gestülpt werden, anstatt sie dezent im Privaten auszuleben, sondern dass sich Politiker von diesen Gefühlen und Leidenschaften auch selbst im öffentlichen Handeln leiten lassen.

Hier liegt das Paradox der medialen Persona des Markus Söder: Er möchte als kühler Vernunftmensch erscheinen und der politischen Konkurrenz als moderner Condottiere Angst einjagen: "Aut Cesar, aut nihil" ("Caesar oder nichts"). Dabei ist er doch erkennbar vor allem an narzisstischer (Selbst-)Befriedigung und -Erfüllung interessiert und von ihr abhängig.

Wahlversager Söder auf den Spuren von Donald Trump

Dieser radikalisierte Populismus auf den Spuren eines Donald Trump zeigt sich auch daran, wie Söder zurzeit gerade Umfragen und den angeblichen Willen der Parteibasis gegen CDU-Gremien und gegen das sogenannte "Partei-Establishment" in Stellung bringt. Als Führer einer Art Bewegung gegen die klassische Parteiraison will er nun in der K-Frage doch noch reüssieren.

Die Strukturen der CDU dürften einstweilen noch stabil genug sein, um derartigen Attacken zu widerstehen. Sie sind noch nicht wie die CSU in einem 16-jährigen Sperrfeuer aus Wutbürgern, AfD, freien Wählern und verbürgerlichten Grünen sturmreif geschossen. Und die CDU hat ein paar kühle Köpfe, die sie - wie Wolfgang Schäuble und jetzt sogar Friedrich Merz - daran erinnern, dass es kein anderer als Markus Söder war, der 2018 mit nur 37,2 Prozent das schlechteste CSU-Ergebnis seit 1950 einfuhr.

Angesichts dieses praktischen Versagens muss man Söders Handeln einen gewissen politischen Todestrieb unterstellen. Er will die funktionierenden Strukturen zerschlagen, weil er glaubt, nur auf den Trümmern dieser Zerstörung Erfolg haben zu können. So antwortet Söder in diesen Tagen auf die boshafte, aber griffige und unwiderlegte, im Einzelnen erstaunlich treffsichere "Zerstörung der CDU" des YouTubers Rezo mit ihrer Selbstzerstörung.

Armin Laschet hat vier Tage lang nachgedacht. Vielleicht hätte Markus Söder das auch tun sollen. Stattdessen hat er vier Tage lang geredet, ohne an die Folgen zu denken. Man darf gespannt sein, welchem Politikertypus in der letzten verbliebenen Volkspartei der Bundesrepublik mehr Erfolg beschieden sein wird. (Rüdiger Suchsland)