"Lass sie mit Smartphones herumspielen, dann kommen die Drogen erst später"

Foto: Takashi Hososhima / CC BY-SA 2.0

Drogen und Heranwachsende: Die Statistiker der französischen Beobachtungsstelle für Sucht haben einen interessanten Zusammenhang entdeckt

Heranwachsende Kinder auf den richtigen Umgang mit Drogen vorzubereiten, ist schwierig. Vieles hängt damit zusammen, das eigene Vorbild, wie sich Freunde verhalten, die gesellschaftliche Bewertung - Alkohol hat in unserer Kultur einen anderen Status als Cannabis - und auch, wie viel Raum man Kindern für eigene Erfahrungen gibt oder gelassen hat, mit wie viel Eigenständigkeit die Kinder ihr Gefühl dafür aufbauen, was gut für sie ist oder schlecht.

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Der Einfluss der Eltern ist begrenzt, die vollkommene Kontrolle gibt es nicht, sie könnte auch zu ganz unerwünschten Resultaten führen. Belehren kommt auch nicht immer gut. Aber es ist auch nicht jedermann ein Künstler, der sich auf Schädlichkeiten als gesundes Anti-Therapeutikum so gut versteht wie der Schriftsteller Wolf Wondratschek, der die Krankheit unserer Zeit weniger im Rauchen oder Trinken, sondern in der Angst vor allem sieht und der die Neugier hochhält.

Sein Rat, gegeben anlässlich eines Interviews zur "Lebenskunst des Rauchens", lautet:

Kinder sind neugierig. Lass sie hinausrennen in die Dunkelheit. Lass sie qualmen und billigen Fusel trinken. Sie sollen die Sünden umarmen, dann kommen sie heil heraus.

Wolf Wondratschek

Das gehört sich so für einen poète maudit, wobei das früher auf dem Land auch unter nicht dichterisch beseelten Menschen keine so selten anzutreffende Einstellung war. Der Tipp dürfte aber im achtsam lebenden Mitte-Bürgertum auf wenig Begeisterung treffen, sobald es sich um die eigenen Kinder handelt.

Für dieses Milieu hält die französische Beobachtungsstelle für Drogen und Sucht (l’Observatoire français des drogues et des toxicomanies - OFDT) möglicherweise eine bessere Inspiration bereit - zumal sie eine Brücke zu einem anderen Problemfeld der Erziehung schlägt, nämlich der Hingabe Jugendlicher an Smartphones. Auf eine Formel gebracht könnte der Tipp der Beobachtungstelle so lauten: "Größere Kinder lieben Smartphones. Lass sie damit herumspielen, so lange es geht, denn dann kommen sie erst später mit Drogen in Berührung."

Ob das in jedem Fall garantiert ist, ist allerdings nicht sicher. Unsicher ist auch, ob die oder der Jugendliche, wenn sie oder er erst später mit Drogen in Berührung kommt, dann klüger damit umgeht, aber die Erkenntnis sei originell, schreibt Le Monde zur neuen Veröffentlichung des OFDT.

Die mit wissenschaftlichen Hintergrund erstellte Publikation "Jugend und Süchte" wird auf der Webseite etwas plakativ und unübersichtlich dargeboten - ein Versuch, mit auf Barhockern platzierten Experten langwierige Erklärungen näher an die Jugend zu bringen?

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Aber einige statistische Ergebnisse hat die Arbeit des OFDT auch in petto. Darunter fällt Offensichtliches - "jetzt nutzen 83 Prozent der Jugendlichen täglich das Internet, vor zehn Jahren waren es 23 Prozent" -, aber eben auch der "vorsichtig geäußerte Zusammenhang" zwischen Smartphone-Nutzung und Drogenkonsum, den der Le Monde-Bericht herausstreicht:

Der jüngst beobachtete Rückgang unter den Jüngeren besonders beim Konsum von Tabak und Alkohol könnte daraus hervorgehen, dass die Gelegenheiten zum Konsum nicht genutzt werden, weil die Zeit, die vor den Bildschirmen verbracht wird, wichtiger ist.

OFDT

Dem wird eine Erklärung des OFDT-Direktors François Beck beigegeben: Die Generation der zwischen 2000 und 2005 Geborenen verbringe sehr viel mehr Zeit vor den Bildschirmen als noch die Generation zuvor.

Das führe dazu, dass diese Jungen von einer Reihe an Gelegenheiten zum Konsum entfernt sind, die sich außerhalb des Blickfelds der Erziehungsberechtigten befinden. Noch freier übersetzt: Solange die Jugendlichen zuhause über Smartphones mit Freunden kommunizieren, gehen sie nicht auf Parties oder stehen in irgendwelchen dunklen Ecken oder Parks herum oder bei McDonald's.

Allerdings begrenzt sich die Verspätung, mit der die Jugendlichen dann letztlich doch die Gelegenheiten entdecken, nur auf ein paar Monate. Für die Statistik ist das ein signifikanter Unterschied: Im Vergleich zu den Ergebnissen von 2015 zeige sich, dass die Jugendlichen im Durchschnitt nun 8 Monate später mit Zigaretten starten. Beim Cannabis-Konsum liegt der Beginn 4 Monate später.

Das erste Glas Wein wird von französischen Jugendlichen im Durchschnitt mit 15,2 Jahren konsumiert, der erste Joint mit 15,3 Jahren geraucht. Diese Ergebnisse stammen allerdings aus der Studie von 2014.

Hinzugefügt werden sollte noch, dass das OFDT die Nutzung von Smartphones und anderer internettauglicher Geräte nicht ohne Bedenken empfiehlt. Ausdrücklich wird vor den Gelegenheiten gewarnt, die sich dort in punkto Drogenbeschaffung bieten. (Thomas Pany)

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