Lasso werfende Fresspilze

Die Natur schreibt eben doch die besten Horrorgeschichten: "Killerpilz fängt harmlosen Wanderer mit dem Lasso, um ihn zu verspeisen" könnte diese hier heißen

Die Geschichte spielt, wie es in diesem Genre oft üblich ist, vor langer, langer Zeit (nämlich ungefähr 100 Millionen Jahren), aber immerhin nicht in einem anderen Universum, sondern auf der Erde, gleich um die Ecke, in Südwestfrankreich. Die Hauptrollen besetzen der besagte Fleisch fressende Pilz und sein ahnungsloses Opfer, das hier von einem Fadenwurm gespielt wird. Am Ende, das müssen wir ausnahmsweise vorwegnehmen, erleidet der Böse natürlich seine verdiente Strafe - er wird, zur Bewegungslosigkeit verdammt, in einem Tropfen Harz eingeschlossen.

Denn nur dadurch wurde es möglich, dass die Geschichte von Killerpilz und Fadenwurm heute überhaupt zu erzählen ist. Und zwar beruhend auf Zeugenaussagen, die drei Forscher der Humboldt-Universität Berlin und der Martin-Luther-Universität Halle in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science veröffentlicht haben. Als Indiz benutzen sie Bernsteine aus einem Gebiet im Südwesten Frankreichs, die sich im Alb gebildet haben müssen - der obersten Stufe der geologischen Epoche der Unterkreide. Sprich: vor rund 100 Millionen Jahren. Sie enthalten sämtliche Entwicklungsstadien des Pilzes in ungewöhnlich gutem Zustand.

Zumindest, wenn man genau hinsieht, denn die Zellfäden, aus denen etwa das Pilz-Mycel besteht, haben nur einen Durchmesser von 1,5 bis 2 Mikrometern. Diese Hyphen formten sich offenbar auch zu Ringen, wobei jeder Ring aus nur einer Zelle bestand. Ausgewachsen hatten diese Ringe einen Innendurchmesser von acht bis zehn Mikrometern. Wie anhaftende Teilchen zeigen, bildeten die Ringe zusätzlich eine klebrige Oberfläche aus. Die Ringe konnten sich recht gut vom Rest des Pilzes trennen. Form und Oberfläche genügten anscheinend, zufällig vorbeikommende Wanderer (wenn sie, wie manche Fadenwürmer, die passende Größe hatten), für ausreichend lange Zeit festzuhalten.

Fangring des Fleisch fressenden Pilzes in einem 100 Millionen Jahre alten Bernstein aus Südwestfrankreich. (Bild: Science/AAAS)

Genug Zeit nämlich, dass andere, die so genannten Infestations-Hyphen, in sie eindringen und mit der Zeit verdauen konnten. Auch die Opfer, rund 100 Mikrometer lange Nematoden, wurden schließlich im Bernstein eingeschlossen. Was das versteinerte Baumharz ebenfalls erzählt: An einem anderen Punkt ihres Lebenszyklus haben sich die Fleisch fressenden Pilze anscheinend in Form von Hefekolonien fortgepflanzt. Dieser Modus, vermuten die Forscher, könnte den Pilzen den Übergang von feuchten in trockenere Umgebungen erleichtert haben.

Als Wanderer von einem Hyphen-Ring eingefangen zu werden, kann übrigens Nematoden noch heute passieren. Zoophagus tentaclum und weitere Arten der Abteilung der Jochpilze setzen die beschriebene und andere Fangmethoden auch in der Jetztzeit sehr erfolgreich ein. Wenn diese Pilzarten auf Fadenwürmer spezialisiert sind, nennt man sie passenderweise nematophage Pilze. Sogar dreidimensionale Fangnetze gehören zum Inventar dieser Horrorgeschichten der Natur.

Die exzellente Erhaltung aller Entwicklungsstadien des Fleisch fressenden Pilzes erlaubte die Rekonstruktion seines kompletten Lebenszyklus. Der Teil des Motivs oben links zeigt die Herausbildung der Fangringe. In der Mitte verfängt sich ein Fadenwurm, der sich durch das Erdreich bewegt, in solch einem Hyphen-Ring. Sobald er derart festgehalten war, wurde er von Infestations-Hyphen penetriert und verdaut (Mitte). An den Hyphen bilden sich Sporen bilden sich zunächst an den Hyphen, später formen sie Hefekolonien (rechts). (Bild: Science/AAAS)

(Matthias Gräbner)

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