Laut Michael Müller (SPD) sind Ungeimpfte jetzt schon ein "Risiko"

Wie damals, vor Corona: Konzert von "Minds of 99" in Kopenhagen. Bild: @tullemich

Das sagte Berlins Regierender Bürgermeister in der ARD. Aber ist die Aussage überhaupt haltbar und motiviert sie gar zur Immunisierung?

Mit Druck und Anreizen wollen Bund und Länder vor dem Herbst die Impfquote noch nach oben drücken. Obwohl fraglich ist, wie groß deren Mobilisierungspotenzial ist, soll dabei nun auch die Deutsche Bischofskonferenz helfen: Sie ruft mit der Bundesregierung zusammen im Rahmen der Kampagne #HierWirdGeimpft zur Immunisierung gegen den Corona-Virus Sars-CoV-2 auf.

Zugleich erhöhen einzelne Länderregierungen den Druck auf Ungeimpfte deutlich. Allgegenwärtig ist die optionale Einführung der sogenannten 2-G-Regel. Demnach wird nur noch Geimpften oder Genesenen der Zugang zu bestimmten Räumlichkeiten gewährt.

Bislang ist diese Möglichkeit für Kulturveranstaltungen und die Gastronomie im Gespräch. Die 2-G-Regel soll immer auch nur optional angeboten werden, von einer obligatorischen Einführung ist bislang keine Rede.

Dies wäre in einigen Bereichen auch verfassungsrechtlich fragwürdig. Den Zugang zu Bereichen der Grundversorgung oder auch zu staatlichen Einrichtungen kann Bürgerinnen und Bürgern schließlich nicht per se verwehrt werden.

In der Diskussion um die 2-G-Regel hat Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) nun Vorwürfe zurückgewiesen, es handele sich um eine Impfpflicht durch die Hintertür.

Im Interview mit der ARD sagte der Sozialdemokrat, es stehe auch angesichts der Zahlen in der Bundeshauptstadt nach wie vor jedem frei, sich gegen eine Corona-Impfung zu entscheiden.

Müller fügte hinzu:

In einer Solidargemeinschaft wächst der Druck, das ist richtig, das kann man nicht wegdiskutieren. Ganz einfach deswegen wächst der Druck, weil eben jeder Nichtgeimpfte in unserem Zusammenleben für andere auch ein Risiko darstellt.

Und deswegen ist es auch richtig, dass jetzt natürlich schon überlegt wird, wie man einerseits diese Risiken minimieren kann, wie man andererseits immer mehr und bessere Angebote auch machen kann, damit die Ungeimpften sich doch noch impfen lassen.

Oder, wie eben auch deutlich wird, dass jede Nichtimpfung dann auch Konsequenzen hat. Das ist eine natürliche Diskussion aus unserem Zusammenleben, wo wir uns ja nicht nur selbst, sondern auch andere mit der Impfung schützen.

Michael Müller (SPD), Regierende Bürgermeister von Berlin

Oxford-Studie: Auch Geimpfte sind Virusträger

Ungeimpfte jetzt schon als Risiko für die Gesellschaft? Die These ist zumindest diskutabel.

Telepolis hatte unlängst über eine Preprint-Studie aus Oxford berichtet, die darauf ausgerichtet war, die Virus-Last von Geimpften und Ungeimpften in Großbritannien zu vergleichen. Das Ergebnis schilderte Studienleiterin Sarah Walker, Professorin für medizinische Statistik und Epidemiologie, so.

Die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung ist (…) geringer, wenn Sie zwei Dosen (eines Impfstoffes) erhalten haben. Aber (im Fall einer Ansteckung) haben Sie eine ähnliche Viruskonzentration wie jemand, der überhaupt nicht geimpft wurde.

Sarah Walker, Studienleiterin, Universität Oxford

Die vollständige Impfung mit Biontech/Pfizer, Astrazeneca oder einem anderen zugelassenen Vakzin bieten dieser Untersuchung zufolge also den wirksamsten Schutz vor der hochansteckenden Delta-Corona-Variante, erklärte Telepolis-Autor Arno Kleinebeckel: "Die Wirksamkeit nimmt mit der Zeit jedoch ab - eine Infektion mit Delta kann selbst bei Vollgeimpften dann eine ähnlich hohe Virus-Last auslösen wie bei Nichtgeimpften."

Simon Clarke, außerordentlicher Professor für Zelluläre Mikrobiologie an der University of Reading, fügte mit Blick auf die dominierende Delta-Variante hinzu:

Während Geimpfte sich seltener mit Corona infizierten, sei auch zu bedenken, dass eine Impfung keine Garantie gegen die Virus-Last (speziell dieser Variante) bedeutet, also die Menge betreffend, wie sie zum Beispiel durch Husten oder Niesen verbreitet wird.

Mikrobiologe Simon Clarke

Eine wissenschaftliche Klarheit in der Corona-Politik gibt es, wie es also scheint, nach wie vor nicht. Das zeigt sich auch im unterschiedlichen Umgang mit der Pandemie in Europa.

Denn während Michael Müller in Berlin warnte, sind einige hundert Kilometer nördlich in Dänemark alle Corona-Bestimmungen aufgehoben worden. Zu einem der ersten Großkonzerte, in diesem Fall der Band The Minds of 99, strömten knapp 50.000 Menschen.

Allerdings ist in Dänemark die Impfquote im europäischen Vergleich auch sehr hoch. Nach offiziellen Angaben haben sich dort 83 Prozent aller Bürgerinnen und Bürger über zwölf Jahre vollständig impfen lassen. (Harald Neuber)