Lawine der Langeweile

Olympia verdirbt das Fernsehprogramm. 1972 fiel das allerdings weit stärker auf als 2008

Vergleicht man Programmzeitschriften von 1972 und heute, drängt sich zwangsläufig die Einschätzung auf, dass zu Anfang der 1970er auf nur zwei Sendern im Allgemeinen mehr Qualitätsauswahl geboten wurde als heute auf dreißig. Auch 3sat und arte sind gegenüber dem damaligen Programm von ARD und ZDF klar im Qualitätsrückstand. Lediglich BR alpha und Phoenix können in manchen Momenten noch mithalten – aber auch nur dann, wenn sie altes Material senden – beispielsweise ein 2008 wiederholtes Historiendrama über den Röhm-Putsch mit Helmut Fischer und Gustl Bayrhammer.

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Abends, zur "besten Sendezeit", liefen – heute undenkbar - neben Episoden aus Loriots Serie Cartoon Filme von Rainer Werner Fassbinder und Rosa von Praunheim. Nicht als Ausnahmen, sondern regelmäßig. Und wer immer die Auswahl aus den zahlreichen britischen und amerikanischen Serien und Spielfilmen traf, der tat dies offenbar mit mehr Bedacht als heute, wo nicht einmal The Wire in Deutschland läuft.

Zu Anfang des Jahres 1972 brachte das ZDF beispielsweise die britische Serie UFO, später dann Alpha Alpha, eine deutsche Produktion, die in mehrerlei Hinsicht die X-Files vorwegnahm - mit Udo Wachtveitl in einer Kinderrolle. Und vor allen Dingen gab es Raumschiff Enterprise, gesendet am Samstag um 17 Uhr 35 im ZDF und von der Münchner Abendzeitung seinerzeit als "Weltall-Schwachsinn" eingestuft. Die Serie war etwas Neues - nicht nur, was die darin antizipierte Technologie betraf. Viel wichtiger waren die Rezeptionsmöglichkeiten, die sie bot. Die Fernsehzeitschrift Gong wunderte sich über die "kindliche Begeisterung für Leonard Nimoy als computerähnlich handelnder Mr. Spock": "Denn", so das damals unter Führung von Helmut Markwort stehende Blatt, "das 'Riesen-Ohr' ist weder ein kräftiger Hüne, wie Tarzan, noch ist er besonders lustig oder lieb wie andere Kinderhelden. Der eher abschreckend aussehende Mr. Spock ist nichts weiter als außergewöhnlich klug. Und das imponiert den jungen Zuschauern.1 Isaac Asimow wurde dazu mit den Worten zitiert: "Die Welt scheint sich zu ändern: ein smarter Intelligenzler als Kinderschwarm – das wäre früher undenkbar gewesen."

Die filmische Umsetzung der Weisheit von Norbert Elias, dass Zivilisation ein Prozess zunehmender Affektkontrolle ist, tauchte nicht nur bei Raumschiff Enterprise auf, sondern auch in Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt. Die Serie zeigte Kindern, dass Information durch mehrere Personen geteilt, Fortschritt ergibt und trug so dazu bei, dass eine Generation heranwachsen konnte, in der Phänomene wie Open-Source-Software und Wikipedia funktionieren: Als der Roboter Robbi ihm die Pläne für das Fliewatüüt entwendet, ein Gefährt, mit dem man sich zu Wasser, zu Lande und in der Luft fortbewegen kann, holt der Drittklässler Tobbi nicht den Abmahnanwalt, sondern freut sich, weil nur so seine Ideen in die Tat umgesetzt werden.

Neben solchen Serien gab es aber auch schon die andere Seite des Fernsehens, die nach dem Event-Prinzip funktionierte und später das Medium fast ganz übernehmen sollte. Im August 1972 bekamen deutsche Fernsehzuschauer einen Vorgeschmack davon: In Heft 33 hatte der Gong bereits angedroht, dass "alle Fernsehkameras auf die Olympischen Spiele gerichtet" seien. Danach gab es der Zeitschrift zufolge insgesamt "230 Stunden olympischen Sport", für den sogar die Tagesschau verschoben wurde. Sechzehn Tage lang lief – abwechselnd auf ARD und ZDF – nichts anderes als Sport. 17 Disziplinen an einem Tag. Selbst im Radio gab es von 6 bis 24 Uhr die "Olympiawelle".

Ganz im Unterschied zu heute überrollte diese Lawine der Langeweile die Bevölkerung aber in einer Zeit der Informationsarmut. Während 2008 nur jene von den immergleichen Bewegungsabläufen belästigt werden, die noch fernsehen, kam dem Medium damals eine ganz entscheidend andere Rolle zu: Es bot tatsächlich so etwas wie eine "Grundversorgung" mit Information – gerade auch für Schichten, die keine Zeitung abonniert hatten und in Gegenden, wo es keine öffentlichen Bibliotheken gab. So unglaublich es angesichts des heutigen Programms klingen mag: Damals konnten sich Kinder aus bildungsfernen Schichten nicht nur mittels Telekolleg-Sendungen "hochfernsehen."

Die Übertragungsorgie endete schließlich mit einem Kater und einer Blamage: Nach dem Ende der olympischen Sommerspiele von 1972 kam auch in Fernsehzeitschriften die Kritik an der großen Langeweile, an der Selbstverständlichkeit, mit der Politiker als "Gäste" die vielen Sportsendungen für kostenlose Wahlwerbung genutzt hatten - und vor allem an der Tatsache, dass das Fernsehen sein Programm am 5. September peinlicherweise mit der Meldung einer angeblich geglückten Befreiung der israelischen Geiseln beendete. In der Realität war genau das Gegenteil passiert. Auch ein Vorgeschmack darauf, was öffentlich-rechtliche Sender später, etwa im Kosovo-Krieg, noch alles liefern sollten. (Peter Mühlbauer)

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