Leben im All: Wer sucht und wer findet?

Zwei amerikanische VLA-Teleskope. Bild. NRAO/AUI

Wie wahrscheinlich ist ein Erstkontakt mit extraterrestrischen Lebensformen überhaupt oder sogar noch zu unserer Lebenszeit? Und wer bereitet sich überhaupt auf ein solches Szenario vor? So viel sei schon einmal verraten: Nicht die deutsche Bundesregierung.

Ob "E.T.", "Star Trek", "Independence Day" oder "Per Anhalter durch die Galaxis" - die Begegnung zwischen Menschen und außerirdischen Lebensformen ist zentrales Thema unterschiedlichster Kulturgüter wie Bücher, Filme, Theaterstücke, Musicals, Fernsehserien oder Computerspiele. Ein beliebter Plot: Die Erde bekommt Besuch von ihr nicht besonders wohlgesinnten Außerirdischen in Raumschiffen und verfällt in Panik und Chaos, während fiktive US-amerikanische Präsidenten für solche Fälle vorgesehene Notfallpläne aus den Schubladen ziehen und zügig schlagkräftige Sondereinheiten mit mindestens einem bühnentauglichen Helden zusammenstellen.

So interessant ein derartiges Szenario aus subjektiver Sicht im Sinne einer unterhaltsamen Abendgestaltung sein kann, so wenig ist es aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse für realistisch zu erachten.

Und weil leider gerade im Bereich der Raumfahrt und Weltraumbeobachtung unzählige Verschwörungstheorien die Runde machen, kann man die Erkenntnis dieses letzten Satzes gar nicht genug betonen: Die Angst vor Invasionen durch intelligente und übermächtige Aliens ist irrational. So hält der ehemalige Leiter des Max-Planck-Instituts für extraterrestrische Physik in München, Gerhard Haerendel, den Besuch intelligenten außerirdischen Lebens auf der Erde schon für rein physikalisch unmöglich. Für die Überwindung der beinahe unvorstellbaren Entfernungen könne keine Spezies ausreichend Energie aufbringen. Alien-Attacken funktionieren also super im Film, aber nicht in der Realität. Die Frage ist nur, gilt das für alle denkbaren Formen eines Erstkontaktes mit extraterrestrischer Lebensformen? Und welche sind das eigentlich?

Wenn man sich die Entstehung des Lebens vor mutmaßlich rund 3,77 Milliarden Jahren auf der Erde anschaut, liegt es nahe, sich auch unter außerirdischem Leben vielleicht zunächst eher Mikroben vorzustellen als menschenähnliche Wesen. Bereits Mitte der 90er Jahre gab es eine öffentliche Debatte um vermeintliche Überreste fossiler Bakterien auf dem sogenannten Allen-Hills-Meteoriten, der in der Antarktis gefunden wurde.

Hinweise auf Mikroorganismen auf dem Mars sind seitdem immer wieder diskutiert worden, ein Beweis für die Existenz von Leben auf dem Mars ist bisher aber nicht erbracht worden. Nichts desto trotz rechnet die NASA damit, in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren extraterrestrisches Leben in Form von Mikroben zu finden. Wissenschaftlich wäre das eine Sensation - und ob diese Prognose so zutreffen wird oder nicht, sollten die meisten von uns noch persönlich miterleben können.

Für den Fall eines tatsächlichen Erstkontaktes spricht also vieles dafür, dass uns außerirdisches Leben in eher subtileren Erscheinungsformen als in Form anderer intelligenter Spezies begegnet. Gilt Letzteres aber für ausgeschlossen? Laut einer YouGov-Umfrage aus dem Jahr 2015 glaubt eine knappe Mehrheit der Menschen in Deutschland daran, dass es intelligentes außerirdisches Leben gibt. Zwar stellt uns die Definition des Begriffes "intelligent" bereits in den vielfältigen Diskussionen um maschinelles Lernen und künstliche "Intelligenz" vor einige Herausforderungen. Die Befragten mögen sich darunter unterschiedliche Dinge vorgestellt haben.

Zunächst ist die Annahme, dass außerhalb des Planeten Erde Leben existiert, allerdings mehr als begründet. Auch der Astrophysiker Gerhard Haerendel hält es wie die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen für unwahrscheinlich, dass wir Menschen allein im Universum sind. Die Existenz weiterer hoch entwickelter Spezies neben den Menschen konnte bisher aber nicht erwiesen werden.

Als die britischen Forscher Jocelyn Bell-Burnell und Anthony Hewish im Jahr 1967 regelmäßige Pulse einer Radioquelle im Kosmos entdeckten, hielten das viele bereits für das Signal einer außerirdischen Zivilisation, bevor es sich als die Entdeckung des ersten Pulsars und damit natürlichen Ursprunges entpuppte. Wer könnte heute solche Signale auffangen? Und was würde dann passieren?

Das SETI-Institut (Search for Extraterrestrial Intelligence) in Kalifornien sucht bereits seit 1984 nach außerirdischem Leben. Zu seinen Geldgebern gehören unter anderem auch die US-amerikanische Raumfahrtbehörde NASA sowie die National Science Foundation (NSF), eine der nationalen Forschungsförderungseinrichtungen der USA. Und auch China widmet der Suche nach extraterrestrischen Lebensformen neue Aufmerksamkeit. In der offiziellen Aufgabenbeschreibung der Anlage in der südwestlichen Provinz Guizhou, in der seit kurzem das größte Radioteleskop der Welt arbeitet, steht auch die Suche nach möglichen Signalen anderer Zivilisationen.

Darüber hinaus könnte es weitere Programme und Institutionen dieser oder anderer Staaten geben, die ähnliche Fähigkeiten und Beobachtungskapazitäten entwickelt haben, ohne dass die Suche nach extraterrestrischem Leben zur definierten Zielbeschreibung gehört. Wären diese Institutionen bereits heute in der Lage, entsprechende Signale aufzufangen und diese auch als Muster intelligenten Kommunikationsverhaltens zu interpretieren? Und wenn ja, wann und wie würden die europäischen Regierungen und auch die Öffentlichkeit über solche Funde informiert werden?

Bisher scheinen Deutschland und Europa in diesem Bereich selbst keine eigenen Ambitionen entwickelt zu haben. Selbst bei Kollisionswarnungen und Wiedereintrittsvorhersagen, die vor allem Objekte im erdnahen Orbit betreffen, war man bisher auf die verfügbaren Bahndaten der US-amerikanischen Kataloge angewiesen. Ab diesem Jahr soll nun das deutsche Weltraumlagezentrum (WRLageZ) in Uedem mit dem Überwachungs- und Bahnverfolgungsradar GESTRA und einem Teleskop über eigene Sensorik verfügen, womit es auf Grundlage eigener Daten Objekte erfassen und katalogisieren kann. Ferner wird erwartet, dass weitere Beobachtungsdaten durch die Sensoren anderer europäischer Staaten im Rahmen des Programms EU-SST der Europäischen Union verfügbar sein werden.

Auf Anfrage betont die Bundesregierung, wie wichtig es ihr ist, über den Auf- und Ausbau nationaler Fähigkeiten wie beispielsweise des Weltraumlagezentrums ebenso wie durch die federführende Beteiligung an einem operationellen EU-Weltraumlage-Dienst eine eigenständige Fähigkeit zur Beurteilung der Weltraumlage aufzubauen. In diesem Bereich haben wir also zunächst einen Rückstand aufzuholen. Dass europäische Institutionen kurz- oder mittelfristig diejenigen sein werden, die als erstes Signale außerirdischen Lebens auffangen könnten, scheint eher unrealistisch.

Allerdings stellt sich hier die zentrale Frage: Will man das überhaupt? Strebt man ähnliche Projekte an wie in den USA und China oder verzichtet man darauf bewusst? "Wer sucht, der findet", sagt man ja. Wir wissen alle, dass dieser Satz meistens nicht zutrifft. Aber sollte, wer sucht, nicht zumindest eine gewisse Idee davon haben, was im Falle des Findens passieren soll?

Die Frage, ob die Institution, die möglicherweise zuerst Signale vermeintlich intelligenten außerirdischen Ursprungs auffängt, andere darüber informiert, die Signale ignoriert wie eine ungewünschte WhatsApp-Nachricht oder aber überlegt, Kontakt aufzunehmen und damit quasi einen ersten Eindruck von uns Menschen für andere lesbar in den Weltraum zu schreiben, scheint ja nicht unbedingt trivial. Waren solche Fragen jemals Gegenstand eines bi- oder multilateralen Gesprächs zwischen Staaten? Welche Vorkehrungen, Protokolle oder Pläne für einen möglichen Erstkontakt mit außerirdischem Leben gibt es eigentlich bei den verschiedenen Regierungen und wer bereitet sich auf ein solches Szenario vor?

Nicht die deutsche Bundesregierung. Sie bestätigt schriftlich (PDF-Dokument), dass es auf Seiten der Bundesregierung und der ihr unterstellten Behörden keine Pläne oder Protokolle für einen möglichen Erstkontakt mit außerirdischem Leben gibt, weil sie einen solchen "auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland nach heutigem wissenschaftlichen Kenntnisstand für äußerst unwahrscheinlich hält".

Wenn man den Begriff Erstkontakt so versteht, dass Außerirdische in der Lüneburger Heide landen, muss man ihr mit dieser Einschätzung auch uneingeschränkt Recht geben. Es scheint laut Antwort der Bundesregierung auch keine Fälle gegeben zu haben, in welchen die Möglichkeit eines solchen Kontaktes Gegenstand eines bi- oder multilateralen Gesprächs mit anderen Staaten war. Außerirdische haben bisher offensichtlich also keine Rolle in der internationalen Diplomatie.

Der im Jahr 1978 in einer Resolution der Vereinten Nationen ergangenen Einladung an interessierte Mitgliedsstaaten, "geeignete Schritte auf nationaler Ebene zur Koordination wissenschaftlicher Forschung und Untersuchung außerirdischen Lebens, einschließlich unidentifizierter fliegender Objekte zu unternehmen", scheint die deutsche Bundesregierung nicht aktiv gefolgt zu sein. Immerhin in einem Punkt scheint sich die Bundesregierung allerdings voll auf die internationale Zusammenarbeit zu verlassen: "Im Falle der Detektion eines künstlichen extraterrestrischen Radiosignals" durch das kalifornische SETI-Institut werde "die internationale Wissenschaftsgemeinde nach ausreichender Verifikation des Signals informiert" (PDF-Dokument).

Dass der äußerst unwahrscheinliche Fall einer Kommunikation mit intelligenten außerirdischen Wesen in der öffentlichen politischen Debatte so gut wie keine Aufmerksamkeit erfährt, erklärt sich - Verschwörungstheoretikerinnen und -theoretiker aufgepasst - selbstverständlich erst einmal durch die politischen Prioritäten. Die Dokumentation und die Bekämpfung des Klimawandels sowie der Ausbau der Kapazitäten zur Erdbeobachtung und der Aufbau einer leistungsfähigen Satelliteninfrastruktur nehmen darin zurecht einen viel höheren Stellenwert ein.

Schließlich erwarten wir von der Raumfahrtpolitik, dass sie bei der Auswahl ihrer Forschungsvorhaben den konkreten Nutzen für die Menschen in den Mittelpunkt stellt, sparsam und effizient mit Steuermitteln umgeht und auch mit Blick auf Sicherheitsrisiken zuerst die Projekte realisiert, die unter diesem Aspekt wichtiger und zeitkritischer sind. Kollisionen mit Weltraumschrott vermeiden beispielsweise. Zudem sind Raumfahrtpolitik und Weltraumforschung nur ein politischer Aufgabenbereich unter vielen, der allerdings angesichts der Tatsache, dass der Bund jährlich rund 1,5 Milliarden Euro in die zivile Raumfahrt investiert, vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erfährt.

Es gibt also gute Gründe, die Frage sowie die Suche nach außerirdischem Leben in der Prioritätenliste eher hinten einzuordnen. Sie fasziniert Menschen allerdings wie kaum eine andere Frage. Sie ist auch wissenschaftlich zu interessant, um dazu nicht zumindest einen bilateralen, europäischen oder internationalen Dialog zu suchen. Wenn nun mehr Staaten entsprechende Projekte initiieren, könnte dies zu einem verstärkten Abstimmungsbedarf und Austausch über gemeinsame Forschungsziele, gegenseitige Informationspflichten und auch Handlungsoptionen für den Fall eines Auffindens von Zeichen außerirdischen Lebens führen. Auch wenn wir das dann selbst nicht mehr erleben werden.

Dieter Janecek ist in der grünen Bundestagsfraktion u.a. für das Thema Raumfahrt zuständig, Mitglied im Wirtschaftsausschuss und Obmann im Digitalausschuss des Deutschen Bundestages.

(Dieter Janecek)

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