Leben im Worst-Case-Szenario

Tornado. Bild: NOAA/Unsplash

Die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit ist laut Wissenschaftlern weiter vorangeschritten, als es den Anschein hat

Beim Klima kommt es immer schlimmer, als mensch denkt. Wenn es eine Konstante bei der Erforschung des Klimawandels gibt, dann ist es die Tendenz der Wissenschaft, dessen Dynamik zu unterschätzen. Die Geschwindigkeit, mit der klimatische Veränderungen insbesondere in der Arktis und Antarktis ablaufen, übertraf die entsprechenden wissenschaftlichen Prognosen, etwa wenn es um das Auftauen der Permafrostböden im hohen Norden geht, mitunter um viele Jahrzehnte.

Jüngst veröffentlichte Studien messen den Abgrund zwischen Prognosen und Klimarealität nicht in Dekaden, sondern in Zentimetern. Demnach seien die in der Klimawissenschaft dominierenden Schätzungen bezüglich des Anstiegs des Meeresspiegels viel zu konservativ gewesen. Das durch die globale Erwärmung bedingte Abschmelzen von Eisflächen wie Gletschern und dem Eispanzer der Antarktis ist der wichtigste Faktor, der zum Anstieg des Meeresspiegels beiträgt. Einen weiteren Faktor bildet die Erwärmung der Wassermassen der Weltmeere.

Eine im Fachblatt The Cryosphere veröffentlichte Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass der Verlust der globalen Eismasse bereits viel stärker ausfällt als ursprünglich angenommen. Zudem beschleunigten sich diese Vorgänge immer weiter, warnen die Studienautoren. Der Planet habe demnach zwischen 1994 und 2014 rund 28 Billionen Tonnen Eismasse verloren. Diese Eismenge würde genügen, um die gesamte Fläche Großbritanniens mit einem hundert Meter hohen Eispanzer zu bedecken.

Mehr noch: Der globale Eisverlust beschleunigt sich immer weiter. In den 1990er Jahren gingen durchschnittlich 0,8 Billionen Tonnen verloren, während es 2017 schon 1,3 Billionen waren. Hieraus resultiere eine Beschleunigung der globalen Eisschmelze um 65 Prozent in dem untersuchten Zeitraum von 23 Jahren. Alle größeren Eisflächen hätten Verluste verzeichnet, doch wären die Eispanzer Grönlands und die Gebirgsgletscher besonders stark betroffen, hieß es weiter.

Etwas mehr als die Hälfte der Eisverluste ist auf den klimabedingten Rückzug der Seeeisflächen in der Arktis (7,6 Billionen Tonnen) und Antarktis (6,5 Billionen Tonnen) zurückzuführen. Dieser Vorgang sei zwar nicht direkt für den Meeresanstieg verantwortlich, doch beschleunige das Abschmelzen der Eisflächen auf den arktischen und antarktischen Meeren den Klimawandel in diesen sensiblen Regionen immer weiter.

Die geschlossenen Eisflächen reflektieren die Sonnenstrahlung im arktischen und antarktischen Sommer, während das offene Wasser als ein Wärmespeicher dient, der einen positiven Rückkopplungseffekt auslöst, bei dem die Erwärmung zu einem Selbstläufer wird. Das weitgehende Auftauen der Eispanzer in den Polregionen der Erde - wo der Klimawandel besonders schnell voranschreitet - gilt folglich unter Wissenschaftlern als ein Kipppunkt des Weltklimasystems.

Die Schmelzprozesse bei Landeis, die zu einem Anstieg des Meeresspiegels um 35 Millimeter beigetragen haben, umfassten rund die Hälfte der Eisverluste im Untersuchungszeitraum. Gebirgsgletscher haben demnach 6,1 Billionen Tonnen Eis verloren, in Grönland waren es 3,8 Billionen Tonnen, in der Antarktis 2,5 Billionen. Neben der sich rasch beschleunigenden Eisschmelze, die in der besagten Untersuchung durch die Auswertung von Satellitenbildern ermittelt wurde, haben weitere Studien das Abschmelzen der Gletscherzungen in Grönland eingehend untersucht.

Demnach sind diese Prozesse ebenfalls in den Prognosen des Weltklimarats "um mindestens den Faktor 2" unterschätzt worden, sodass sich die globale Eisschmelze nun entlang des "Worst-Case-Szenarios" bewege, hieß es in Medienberichten.

Aufruf zu weitreichender Umwälzung des globalen Kapitalismus

Die an Dynamik gewinnende Klimakrise bedroht auch den Zivilisationsprozess. Schon Mitte Januar haben etliche hochrangige Wissenschaftler einen dramatischen Bericht veröffentlicht, der vor einem erdgeschichtlichen "6. Massensterben" warnt, bei dem mehr als "75 Prozent aller Spezies" des Planeten in einer kurzen geologischen Zeitspanne aussterben würden, sollten nicht schnellstmöglich entscheidende Schritte zur Bekämpfung des Klimawandels unternommen werden.

Es drohe eine "furchtbare Zukunft" aus Massensterben und klimabedingt zunehmenden sozialen Konflikten, bei der das Überleben der Menschheit auf dem Spiel stehe, sollte der gegenwärtige Kurs aus Ignoranz und Tatenlosigkeit beibehalten werden, hieß es zusammenfassend in der britischen Zeitung The Guardian.

Die Öffentlichkeit habe demnach immer noch nicht die Dringlichkeit begriffen, mit der sowohl der global einbrechenden Biodiversität wie der Klimakrise begegnet werden müsse. Viele ökologische und klimatische Krisenprozesse würden demnach ineinandergreifen und sich wechselseitig verstärken

Der Planet befinde sich in einer weitaus schlechteren Verfassung, als es allgemein wahrgenommen werde, da es eine Verzögerung zwischen der Zerstörung der ökologischen "Grundlagen der menschlichen Zivilisation" und der Wahrnehmung der Folgen dieser Zerstörungsprozesse gebe. Das Problem werde selbst von vielen Experten unterschätzt, hieß es weiter.

Es gehe hierbei nicht um eine "Kapitalnation", hieß es in dem Aufruf der Wissenschaftler, sondern um eine "kalte Dusche" für die politischen Eliten, um diese zum Handeln und zur Ausarbeitung entsprechender Pläne zu bewegen, um diese "grässliche Zukunft" zu verhindern. Hierbei seien "weitreichende Änderungen am globalen Kapitalismus" unvermeidlich.

Hierzu zählten die Wissenschaftler unter anderem eine größere soziale Gleichheit, die "Aufgabe der Idee eines ewigen ökonomischen Wachstums", das Brechen der Macht unternehmensnaher Lobbyorganisationen, strikte Marktkontrolle sowie einen umgehenden Ausstieg aus der fossilen Wirtschaft.

Wie weit der gähnende Abgrund zwischen diesen drängenden wissenschaftlichen Appellen und dem politischen Alltag des real existierenden Spätkapitalismus bundesrepublikanischer Prägung ist, machen etwa die Vorgänge um den Braunkohleabbau in Nordrhein-Westfalen (NRW) deutlich.

Kurz nach der Wahl des NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet zum CDU-Vorsitzenden wurde das Dorf Lützerath von Polizeikräften geräumt, da es dem besonders klimaschädlichen Braunkohletagebau weichen muss, der eigentlich schon Geschichte sein soll.

Was ist vom neuen CDU-Chef klimapolitisch zu erwarten? Laschet sieht die Klimapolitik auf einem "guten Weg" - und er warnt vor "überzogenen Schutzmaßnahmen", die Deutschlands Wirtschaft bedrohen würden, berichteten die Klimareporter.

Zudem habe der "Kohlekönig" Laschet, wie er von Klimaaktivisten gerne tituliert wird, sich immer wieder für die Kohleindustrie in die Bresche geworfen, etwa bei der jüngsten Inbetriebnahme des Kohlekraftwerks Datteln 4.

Damit scheint die CDU auf einen guten Weg in die Klimakatastrophe - und die Realitätsverweigerung der kapitalistischen Funktionseliten erreicht somit absurde Dimensionen. (Tomasz Konicz)