Leben unter null Prozent

Die Märkte haben, so EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Cœuré, die Einführung negativer Zinsen ohne nennenswerte Verwerfungen aufgenommen

Die nur scheinbar banale Feststellung, dass die Märkte die Einführung negativer Zinsen ohne nennenswerte Verwerfungen aufgenommen haben, machte das EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Cœuré in einer Rede am 9.9.2014 in Frankfurt am Main vor der Geldmarkt-Kontaktgruppe der Europäischen Zentralbank.

Eine Gesellschaft kann sehr wohl mit Zinssätzen unter null zurechtkommen, kann man die Botschaft von Benoît Cœuré auf den Punkt bringen. Aus dem Mund eines EZB-Direktoriumsmitglieds ist dies eine Sensation, noch dazu vor einem solchen Publikum: Die Geldmarkt-Kontaktgruppe der EZB (Money market contact group, MMCG) besteht aus rund 20 gewichtigen Vertretern großer europäischer Geschäftsbanken.

Noch vor wenigen Jahren galten negative Zinssätze für die allermeisten Ökonomen als Ding der Unmöglichkeit und wurden nicht einmal als eine denkbare Option in Erwägung gezogen. Und Benoît Cœuré geht in seiner Rede noch weiter: Er verweist auf die Freiwirtschaft und ihren Begründer Silvio Gesell und auf die Wertschätzung, die dieser nicht nur durch Irving Fisher, sondern auch durch John Maynard Keynes erfuhr, der ihn als einen "seltsamen, zu Unrecht übersehenen Propheten" achtete.

In fact, the idea of negative interest rates, or "taxing money", goes back to the late nineteenth century, to Silvio Gesell, the German founder of "Freiwirtschaft". The historic academic opinion on Gesell is divided. Irving Fisher supported him and John Maynard Keynes called him "a strange, unduly neglected prophet", others a "typical monetary crank".

Benoît Cœuré

Wie viel Spielraum bleibt der Notenbank?

Benoît Cœuré spricht über die Option negativer Zinssätze und wie viel Spielraum nach unten der EZB heute noch bleibt. Die Notenbank hat den Leitzins aktuell auf 0,05% und den Einlagenzins der Geschäftsbanken auf minus 0,2% gesenkt.

Cœuré sieht darin scheinbar noch keine absolute Untergrenze. Er stellt aber fest, dass das Bargeld mit seinen geringen Durchhaltekosten einer weiteren deutlichen Senkung im Wege steht. An dieser Stelle stößt der Zentralbanker die Türen auf für spannende Interpretationen. Cœuré weiß sehr wohl, dass Gesells Lebenswerk unmissverständlich darlegt, dass Bargeld mit Durchhaltekosten von circa 6% belegt werden muss (die genaue Höhe der Gebühr zu bestimmen, wäre Aufgabe einer modernen Notenbankpolitik). Nur so ließe sich spekulative Hortung und die Erzwingung positiver Zinssätze vermeiden und ein gleichmäßiger Geldumlauf gewährleisten. Außerdem könnte eine größere und somit wirksamere Zinsspanne zwischen Liquidität und langfristigen Einlagen realisiert werden, ohne dass die Guthabenzinssätze deutlich im positiven Bereich liegen müssen. Siehe hierzu den aktuellen Aufruf der INWO Deutschland: "Stabile Währung dank Durchhaltekosten!"

Die tendenzielle Sättigung der Warenmärkte und das weltweite Überangebot an Geldvermögen (gepaart mit einem Übermaß an Schulden) erfordern eine Währung, die Zinssätze um null dauerhaft möglich machen. Ein deutlicher Anstieg der Zinssätze würde heute sowohl die hoch verschuldeten Staaten als auch die meisten Industriebetriebe in den Ruin treiben. Ein Szenario, das selbst für hoch entwickelte und wohlhabende Länder wie Japan und Deutschland katastrophale Folgen hätte.

Die normative Kraft des Faktischen

Cœuré ist kein Ideologe. Er geht von der normativen Kraft des Faktischen aus. Als EZB-Direktoriumsmitglied benennt er die Durchhaltekosten in Form einer Geldgebühr nicht explizit.

Weiter und zu Ende gedacht lassen seine Ausführungen allerdings nur zwei Wege zu. Erstens eine Abschaffung des Bargeldes, um so den Zentralbanken den Weg frei zu machen, Leitzinsen deutlich in den negativen Bereich senken zu können (siehe dazu das von Cœuré erwähnte Papier des Harvard-Professors Kenneth Rogoff, der von 2001 bis 2003 Chefökonom des Internationalen Währungsfonds war: "Costs and benefits to phasing out paper currency", NBER Working Paper 20126 vom Mai 2014). Oder zweitens die Weiterentwicklung des Bargeldes mit einer Umlaufsicherungsgebühr, wie es beispielsweise die INWO vorschlägt, um so für einen kontinuierlichen Umlauf des herausgegebenen Geldes und somit für eine stetige Konjunktur zu sorgen. Beide Varianten müssen wissenschaftlich erörtert und entwickelt werden, um dann in einem gesellschaftspolitischen Diskurs abgewogen und zur Entscheidung gebracht werden zu können.

Let me conclude. Given the theoretical arguments for and against lowering some policy rates into negative territory, and given the practical experience so far, what is the verdict? Or, coming back to the opinions on Gesell: should he be considered a prophet or monetary crank?

Benoît Cœuré

Ist Silvio Gesell mit seinem Ansatz der Gebühren auf Geld ein Prophet mit einer bedeutenden Botschaft - oder ist er ein Geldspinner mit einer nicht realisierbaren Utopie? Benoît Cœuré macht ihn mit seinem Vortrag "Life below zero - learning about negative interest rates" zum Ideengeber der aktuellen ökonomischen Debatte. Die Europäische Zentralbank und die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich haben den Beitrag bereits verlinkt. Es ist zu hoffen, dass die notwendige Diskussion damit an Fahrt aufnimmt.

Klaus Willemsen ist freier Referent der Initiative für Natürliche Wirtschaftsordnung. Aktuelle Kommentare finden Sie hier.

(Klaus Willemsen)