Leben wir in einer neuen Spätzeit?

Jan Styka: Nero at Baiae. Bild: Public Domain. Bild Boris Johnson: Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres / CC BY 2.0

Dekadenz oder Transformation: Flüchtlinge, Autokraten und innere Schwäche - der Untergang Roms und unsere Gegenwart

"Spätrömische Dekadenz" - es war eines jener wenigen Schlagworte, mit denen ein Politiker sich im kollektiven Gedächtnis verewigt. So wie "Mehr Demokratie wagen" (Willy Brandt) und "Wir schaffen das" (Angela Merkel). In diesem Fall war es Guido Westerwelle (1961-2016). Seinerzeit gerade zum Bundesaußenminister gewählt, sprach der FDP-Politiker vor knapp zehn Jahren über Hartz-IV-Empfänger und deren angeblichen Liegekomfort in der "sozialen Hängematte".

Die Bemerkung lenkte in ihrer schrillen Übertreibung sofort von dem ab, worüber es sich vielleicht zu diskutieren lohnte, und leitete nicht den Untergang der Bundesrepublik, sondern den Westerwelles und seiner Partei ein, die 2013 aus dem Bundestag flog. In Westerwelles Kosmos hatte der Vergleich Methode. Denn bereits 2005 hatte er in der "Welt" die krude These gewagt: "Eine der Ursachen für den Untergang des Römischen Reiches war die Tatsache, dass Rom seinen Bürgern das anstrengungslose Einkommen versprochen hat."

Durch Tatsachen nicht gedeckt

Postfaktische Historie, die durch Tatsachen nicht mal oberflächlich gedeckt ist. Mit ihr rief Westerwelle allerdings das klassische Motiv auf, das bereits von Autoren des frühen Römischen Kaiserreichs entwickelt wurde: Dass Rom nämlich durch zu viel Wohlleben alle Römertugend verloren habe.

Bereits der Historiker Sallust geißelte um 40 v. Chr. die "Verdorbenheit" seiner Zeitgenossen, die der Luxus verweichlicht habe. Der Satiriker Juvenal schrieb ein Jahrhundert später: "Jetzt leiden wir an den üblen Folgen eines lange dauernden Friedens: Schwelgerei hat uns erfasst."

Ein paar Jahre nach Westerwelle war es dann der ehemalige CDU-Politiker Alexander Gauland, inzwischen Vizevorsitzender der AfD, der im November 2015 vor einer neuen Völkerwanderung warnte und die Flüchtlingsbewegungen mit dem Untergang des Römischen Reiches gleichsetzte, "als die Barbaren den Limes überrannten".

"Ausharren ohne Hoffnung, ohne Rettung, ist Pflicht"

Derartige Vergleiche zwischen Gegenwart und Spätantike mögen im Einzellfall krude wirken, sie haben aber immerhin lange Tradition. Der französische Staatsdenker Montesquieu (1689-1755) führte das Motiv des "Niedergang Roms" 1749 in die geschichtsphilosophische Debatte der Aufklärung ein.

Das inspirierte den englischen Historiker Edward Gibbon zu seiner klassisch gewordenen sechsbändigen "History of the Decline and Fall of the Roman Empire", die er 1776 bis 1789 veröffentlichte und auf über 3.000 Druckseiten die Geschichte des Römischen und dann Ost-Römischen ("Byzantinischen") Reichs bis zur Einnahme Konstantinopels 1453 schildert. In beiden Fällen besaß das skizzierte Imperium irgendwann auffällige Ähnlichkeiten mit dem Ancien Regime der Monarchien des 18. Jahrhunderts.

Im Fahrwasser solcher Parallelisierungen und diese zugleich zu historischen Grundgesetzen verallgemeinernd, entwickelte der deutsche Gelehrte Oswald Spengler 1918 seine Thesen zum "Untergang des Abendlandes", die pünktlich zum Ende des Ersten Weltkriegs erschienen und zum Bestseller wurden - auch weil sie die deutsche Niederlage und Revolution durch den diskreten Charme historischer Notwendigkeit abmilderten.

Dies erst recht, weil Spengler gleichzeitig "prophezeihte", dass aus der Niederlage ein Deutschland hervorgehen würde, das "für ein paar Jahrhunderte" den unausweichlichen Niedergang aufhalten könne - mit den "preußisch-römischen" Tugenden des letzten römischen Soldaten am Vesuv, der beim Untergang Pompeijs auch im Angesicht heranrollender Lavamassen treu auf seinem Posten ausgeharrt habe. Spengler formulierte es prägnant 1931 in "Der Mensch und die Technik" so:

Wir sind in diese Zeit geboren und müssen tapfer den Weg zu Ende gehen, der uns bestimmt ist. Es gibt keinen andern. Auf dem verlorenen Posten ausharren ohne Hoffnung, ohne Rettung, ist Pflicht. Ausharren wie jener römische Soldat, dessen Gebeine man vor einem Tor in Pompeji gefunden hat, der starb, weil man beim Ausbruch des Vesuv vergessen hatte, ihn abzulösen. Das ist Größe, das heißt Rasse haben. Dieses ehrliche Ende ist das einzige, das man dem Menschen nicht nehmen kann.

Oswald Spengler

Im Zentrum von Spenglers vielen Vergleichen steht die von ihm postulierte Parallele zwischen europäischer Gegenwart und "dem" Untergang des Römischen Reiches. Dieser begann nach Spenglers Ansicht übrigens lange vor Beginn irgendeiner Völkerwanderung - mit der Schlacht bei Actium im Jahr 31 vor Christus, in der Octavian das Ägypten unter Marc Anton und Cleopatra besiegte und damit das Ende der Römischen Republik besiegelte.

Unsere Gegenwart entspricht aus dieser Sicht, nimmt man sie einmal ganz genau, der römischen Kaiserzeit, etwa der Herrschaftsjahre von Vespasian, Titus, Domitian. Noch ein paar Jahrhunderte Zeit gibt es also bis zum Barbarensturm.

Neue Autokraten wie Orban, Erdogan, Trump als Nachfahren von Tiberius, Caligula und Nero?

Aber wie seriös ist überhaupt die Gleichsetzung von Antike und Moderne? Leben wir überhaupt in einer neuen Spätzeit? Und wenn ja: in einer neuen Spätantike? Falls ja: Was heißt das genau? Was kennzeichnet die Spätantike? Und was ist von der populären Vorstellung vom Untergang des Römischen Reichs zu halten?

Ernsthafte Historiker sehen diese Vergleiche und Nachfragen naturgemäß weitaus differenzierter. Blicken wir also ganz post-postfaktisch ein bisschen genauer hin.

Die erste Grundfrage lautet: Wenn das Römische Reich "zugrunde" ging, woran lag es dann? An außenpolitischem "imperial overstretch" und der Neigung mächtiger Staaten, ihre Kräfte zu überfordern, wie es 1987 der Historiker Paul Kennedy in seiner großangelegten Untersuchung zum "Aufstieg und Fall großer Mächte" beschrieb?

Man könnte darauf kommen, die USA als das "neue Rom" zu beschreiben, das sich heute in Kriege, Krisen und Konflikte verzettelt - von Afghanistan zum immerwährenden Nahostkonflikt, über die Ukraine, Mexiko, Venezuela bis nach Nordkorea - und schon lange den politischen Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht und überdies längst in einer unentrinnbaren Schuldenfalle steckt. Überdies drohen die USA bald in ihre eigenen, schon für Athen, Rom und Byzanz ruinösen Perserkriege zu stolpern.

Oder begann alles schon mit dem Ende der römischen RepubIik und den Bürgerkriegen, auf die das Kaisertum folgte? Sind neue Autokraten wie Orban, Erdogan, Trump, dann als Erben einer an innerer Lähmung zerborstenen Republik Nachfahren von Tiberius, Caligula und Nero? Dann zielte der Römervergleich auf den gesamten Westen. Aber widerlegen nicht "gute Kaiser" wie Hadrian und Marc Aurel sowieso die Idee des kaiserlichen Roms als des schlechteren?

Vielleicht muss man für den Anfang vom Ende nicht politische Wasserscheiden, sondern Mentalitätswandel verantwortlich machen, wie das ständige Streben nach Wirtschaftswachstum und neuen Steuerquellen, das manchen Zeitgenossen bekannt vorkommen dürfte.

Oder lag es doch eher umgekehrt am geistigen Beharren auf dem Erreichten, am schwindenden Mut, die politische und wirtschaftliche Macht zu gefährden? An der Konzentration auf der Verteidigung der Grenzen des Reiches gegenüber allen Menschen und Einflüssen jenseits des Limes. Also an der Unfähigkeit zu Fortschritt, Wandel und sozialer Mobilität?

Der Untergang hat nie stattgefunden

Nicht nur diese These wird durch neuere Autoren und ihre Forschungen widerlegt. Das Rom der 200 Jahre bevor der Gote Alarich in die Stadt einfiel und noch einmal über 60 Jahre vor dem Ende des weströmischen Kaisertums, so belegen etwa die Arbeiten des Briten Peter Heather, der sich in zahlreichen Büchern mit dem ersten Jahrtausend nach Christus befasst hat, litt mehr daran, dass die Verteidigung der Grenzen vernachlässigt wurde, weil die Armeen bei den bürgerkriegsähnlichen Zuständen im Innerem gebraucht wurden. Doch gerade in den letzten Jahrzehnten vor den erfolgreichen Invasionen durch Goten und Barbaren, steigerten die Kaiser die Stärke und Effizienz der Grenzsicherung.

Die Ursachen für die barbarische Eroberung ("das Ende") der weströmischen Reichshälfte lag tiefer.

Vor allem aber war die Zeit zwischen 200 und 800 n.Chr. keineswegs eine Zeit des eindimensionalen Niedergangs, sondern vielmehr der globalen Verflechtung und als dessen Folge des rasanten sozio-kulturellen Wandels - einer Transformation, die man nicht schönfärben muss, um zu erkennen, dass sie Zeitgenossen ganz anders erschien als einer Moderne, die sich seit dem 15.Jahrhundert als Wiedergeburt ("Renaissance") der Antike und ihrer imperialen wie geistigen Größe versteht.

Der Untergang hatte nie stattgefunden. Jedenfalls nicht so, wie man sich das heute gern vorstellt. Das Römische Reich war zwar zusammengebrochen, doch an dessen Stelle waren mit Ostrom, später Byzanz und dem weströmischen Reich mächtige Nachfolge-Imperien getreten. Zugleich traten neue politische Akteure auf den Plan, die nur aus europäisch-bornierter Perspektive als Untergangsphänomen gedeutet werden können, wie das ab 630 blitzartig neu entstehende Weltreich der Araber.

Im Gegenteil erscheinen manchen Autoren die Jahrhunderte zwischen 200 und 800 als Epoche einer ersten Globalisierung: Fernhandelsrouten liefen durch Innerasien und auf dem Indischen Ozean bis nach Fernost, selbst Luxusgüter wie Seide und Gewürze konnten sicher transportiert werden. Auch Sportarten waren global: Ausgerechnet Polo, heute Inbegriff eines elitären britischen Adels-Spleens, verband Byzanz mit China.

Und die Migration? Römer wurden Hunnen, Goten wurden Römer

Und die Migration? Sie konnte beides sein: feindliche Invasion und friedliche Integration ins römische Reich. Nationalitäten im modernen Sinn gab es nicht, sondern Bürgerrechte: Römer erfanden sich als Hunnen neu, Goten wurden Römer. Die heute "Völkerwanderung" genannten Prozesse waren jedenfalls weitaus komplexer und widersprüchlicher, als dieser Begriff suggeriert.

Gewandert ist seinerzeit nicht ein Volk, sondern verschiedene Gruppen, die Macht im Imperium erforderte große Zusammenschlüsse, die sich nach mehrfachen Brüchen immer wieder neu bildeten und dabei an ethnische Traditionen anknüpften. Mit den Invasionen des 4. bis 6. Jahrhunderts, den Goten, Vandalen, Hunnen und Langobarden und dann den Persern und Arabern im Osten, hat das alles sowieso nichts zu tun.

Heather betont, dass "Völkerwanderung" ein Kunstwort ist, weil die Migranten keine Völker, sondern Zweckgemeinschaften waren. Selten "Ströme" und Armeen, meist gewaltlos vordringende Kleingruppen. Es gab den "Elitetransfer" kultureller Oberschichten, heute vergleichbar mit indischen Computerspezialisten und syrischen Chirurgen. Es gab aber auch ungelernte Arbeiter und zukünftiges Kanonenfutter in den Kolonialkriegen der Imperien.

Es war dann vor allem das weströmische Reich. das dann irgendwann zusammenbrach. Der Osten konnte sich stabilisieren. Er konnte dies durch wirtschaftliche Ressourcen, dadurch, dass die Kornkammern in Ägypten und Syrien dem Zugriff der Hunnen entzogen waren.

Die größte Gefahr: Populisten und Elitenfeinde

Die wichtigste Einsicht, die sich sogar schon bei Gibbon und Spengler findet: Die Invasionen selbst destabilisierten das Reich weniger als innere Usurpationen und populistische elitenfeindliche Umsturzbewegungen. Also doch Dekadenz und Elitenversagen?

Michael Grant, gleichfalls eine Koryphäe der Römischen Geschichtsschreibung, sah es in seinem in den 1970er Jahren veröffentlichten Werk "Der Untergang des Römischen Reiches" genau so: Rom "ist nicht deswegen untergegangen, weil es von außen angegriffen wurde, sondern weil es durch seine innere Zerrissenheit gelähmt war, durch ähnliche innere Gegensätze, wie sie heute das Überleben der westlichen Zivilisation bedrohen".

Grant nennt auch die durch das Steuersystem mehr und mehr verschärften Klassengegensätze.

Wenn man heute die folgende Passage eines Essays des Rhetoriker Libanius aus dem 4. Jahrhundert liest, drängen sich Parallelen zur Gegenwart auf:

Während die Kaufleute ihre Verluste durch Spekulationen wieder ausgleichen können, werden diejenigen, die sich durch die Arbeit ihrer Hände kaum den Lebensunterhalt verdienen können, unter den Lasten erdrückt. ... Die Armen werden ausgeraubt, ... sodass viele und sogar Personen aus guten Familien, die eine ausgezeichnete Erziehung genossen haben, Zuflucht beim Feinde suchen ... Wir nennen sie Rebellen und bezeichnen sie als Verworfene, obwohl wir sie selbst gezwungen haben, Verbrecher zu werden. Denn wodurch sind sie zu Rebellen geworden, wenn nicht durch unsere Ungerechtigkeit, durch die böswilligen Entscheidungen der Beamten, durch die Beschneidung ihrer Rechte und die Ausplünderung durch diejenigen, die sich bei dem Eintreiben öffentlicher Forderungen selbst bereichert haben und ihr Recht, Steuern einzuziehen, als die beste Gelegenheit ansehen, zu plündern?

Libanius

Wutbürger der Antike. Grant hält auch fest, dass die Staatsloyalität vor allem in Ober- und Mittelschicht sank. "Wie viele Menschen heute so waren auch sie der Auffassung, die Politik sei ein schmutziges Geschäft, aus dem man sich am besten heraushält. Damit haben die Reichen gegen Ende des 4. und zu Beginn des 5. Jahrhunderts ihre Pflicht gegenüber dem Imperium versäumt."

Politische Wunschphantasien

So kann man das sehen - und sich unter Historikern auch darüber streiten. Aktualistische Kurzschlüsse sind aber verboten, und gerade wenn man nicht ausschließen mag, dass die Geschichte Lehrmeisterin der Gegenwart sein könnte, muss man genau hinschauen und Mut zur Differenzierung haben.

Der Rest ist politische Wunschphantasie. Ein interessantes Beispiel für das Aufeinanderprallen von derart euphorisierter, überdrehter Untergangshoffnung und nüchterner Geschichtschreibung bietet ein Interview, das die neurechte "Junge Freiheit" einst mit Peter Heather aus Anlass der deutschen Übersetzung seines Buches "Der Untergang des Römischen Weltreichs" geführt hat."Werden wir noch regiert? Oder ist Berlin das neue Rom?", lautet die Leitfrage.

Und es ist interessant zu verfolgen, wie Autor Moritz Schwarz da einen Anlauf nach dem anderen nimmt, um Heather zu einer plumpen Aktualisierung seiner Untersuchungen auf die Verhältnisse im einstigen Germanien und den barbarischen Gebieten der von Sachsen, Langobarden, Vandalen und Markomannen kontrollierten unzivilisierten Teile des heutigen Deutschland zu bewegen. Und wie Heather den Fragesteller ein ums andere Mal mit derartigen Invektiven abprallen oder ins Leere laufen lässt.

Die Fragen sind als Unterstellung formuliert: "Der derzeitige Frust der Regierten, die Unlust der Regierenden - erinnert Sie das alles nicht an die Endzeit des Römischen Reiches? Das Ende Roms als multikultureller Erfolg statt eines Invasionsdesasters? Manche halten die Transformations-Theorie auch für ein Mittel, um das Wort 'Untergang' als mächtige Waffe im Arsenal konservativer Kulturkritik unschädlich zu machen."

Heather kontert solche Fragen cool. Die Terminologie "spätrömische Dekadenz" sei "so falsch, wie sie alt ist.

"Heute wissen wir, Rom ist nicht an sich selbst zugrunde gegangen. ... Wie gesagt ist die Vorstellung, die Römer seien durch inneren Verfall untergegangen, falsch. Die Transformations-Theorie hat recht, wenn sie betont, dass die Gesellschaft bis zuletzt funktioniert hat. ... Alle Gesellschaften gründen auf einer bestimmten Entwicklung. Wenn die Zeit dafür vorbei ist und neue Entwicklungen entstehen, verlieren sie diese Grundlage. Rom zerbrach an einer veränderten Umwelt, nicht am inneren Zerfall. Solche Bezugnahme auf Dekadenz ist ein beliebter Topoi von Politikern, aber tatsächlich lässt sich diese in der Geschichte nicht finden."

"Ist Erwerb moralisch besser als der Genuss? Wie wollen Sie das begründen?"

Die Dekadenz-Theorie sei eher ein allzumenschlicher, psychologischer Fluchtmechanismus, so Heather: "Die Menschen wollen nicht akzeptieren, dass irgendwann auch ihre Stunde geschlagen hat. Deshalb flüchten sie sich in die Vorstellung von 'Dekadenz', womit es irgendwie in ihrer Hand liegt: Sie hoffen so, die Geschichte überlisten zu können."

In einem letzten Versuch flüchtet sich der Interviewer dann in die Westerwelle-These und macht das, was die Neuen Rechten bei anderen immer ganz schrecklich finden - er moralisiert: "Reichtum erwerben ist etwas anderes, als ihn zu genießen - der Unterschied ist: Dekadenz."

Aber damit kann er gerade bei einem Briten nicht landen. Heather hält sehr typisch britisch mit einer Mischung aus Utilitarismus und Hedonismus dagegen: "Das unterstellt, dass der Erwerb moralisch besser sei als der Genuss. Wie wollen Sie das begründen? ... ich kann nicht erkennen, warum die Epochen, in denen wir die Grundlagen unseres Reichtums gelegt haben, moralischer sein sollen? Damals haben wir mit Sklaven gehandelt, durch Ausbeutung unsere Industrie aufgebaut, haben mit Waffengewalt Kolonien, Rohstoffe und Märkte gewonnen. Ist das moralischer als sich einen überbordenden Wohlfahrtsstaat zu leisten? Ich finde nicht."

Christliche Fanatiker zerstörten Palmyra zuerst

Eines ist klar: Wo derartige Vergleiche und schlichte Parallelen bemüht werden, geht es jedenfalls immer um Gegenwartsdiagnose und pessimistisch grundierte Kulturkritik. Wenn "wir" das späte Rom sein sollen, ist immer eine überdehnte, dekadente Zivilisation gemeint, die keinen rechten Halt mehr findet, schon gar nicht in sich selbst.

Aber selten sind die frühen Christen gemeint, die bereits nach Gibbon das Römerreich zugrunde richteten. Jetzt hat die Historikerin Catherine Nixey diese These aufgewärmt. In ihrem Buch "Heiliger Zorn" betont die Britin die Ähnlichkeiten zwischen alten Christen und heutigen ISIS-Schergen. Es waren christliche Fanatiker, die Palmyra erstmals zerstörten.

Und nie gemeint sind jene, die den Übergang zu einem multikulturellen, religiös toleranten Rechtsstaat erfolgreich organisierten. Ob Julian Apostata, der versuchte, den konstantinischen Fehler zu revidieren, und zur Vielgötterei zurückzukehren oder Kaiser Justinian, der das Römische "neu aufstellte", die Transformation in das byzantinische Kaisertum einleitete und jenes "Römische Recht" in Schriftform goss, das das römische Recht bis heute in Europa weiterleben lässt - das alles um 530, also 120 Jahre nach dem "Untergang Roms".

Aufstieg, Verfall, Renovatio oder Neuanfang? Die zwei Zeitalter des Justinian

Das Zeitalter Justinians (527-565) erscheint aus heutiger Sicht besonders faszinierend und widersprüchlich: Einerseits gelang unter dem Banner der "Renovatio Imperii" (Wiederherstellung des Imperiums) binnen weniger Jahre eine Rückeroberung der vormals weströmischen Gebiete: Tatsächlich wurde das Vandalenreich in Nordafrika nach kurzem Krieg durch General Belisar unterworfen und auch im Krieg mit dem Ostgotenreich schien Belisar den raschen Sieg in Afrika wiederholen zu können.

Bis 540 wurde fast ganz Italien samt Rom und Ravenna erobert. Die Wiederherstellung der unmittelbaren Herrschaft des römischen Kaisers über die gesamte Mittelmeerwelt schien in Greifweite. Diese Erfolge stützen die These, dass es weniger Stärke des Gegners, als innere Schwäche war, an der Westrom untergegangen war.

Der Optimismus wich dann aber binnen weniger Jahre einer Weltuntergangsstimmung. Dieses "andere Zeitalter Justinians" (Mischa Meier) wurde in fast apokalyptischer Manier im Jahr 536 durch eine mehrere Monate andauernde Verdunkelung der Sonne eingeleitet - wohl eine durch einen großen Vulkanausbruch verursachte Trübung der Atmosphäre, die von Irland bis nach China beobachtet wurde.

Die damit einhergehende Abkühlung, die unter anderem in Wetterextremen und Missernten resultierte, erwies sich, wie auch die moderne Klimaforschung feststellt, als dauerhaft. Sie leitete die "spätantike kleine Eiszeit" ein, die schlagartig deutlich kühleren Klimabedingungen zwischen 536 und 660, die auch die über mehrere hundert Jahre anhaltenden ersten globale Pestepidemien nach 542 begünstigten.

Ab 540 erschütterte dann eine überaus überraschende Invasion der sassanidischen Perser die Ostprovinzen und gipfelte in der Eroberung Antiochias, der drittgrößten Stadt des Oströmischen Reiches. Das imperiale Versprechen der "Pax Romana" wurde somit auch im Osten brüchig.

Spätkapitalistische Dekadenz: Die plumpe These funktioniert

Trotz solcher Fakten funktioniert das postfaktische Narrativ des "Verfall von Kultur und Sitten" und "innerer Schwäche" aber ungebrochen - zuletzt im Brexit-Wahlkampf wo die Parteigänger des Austritts vor allem gegen die "römische" Dekadenz der Kontinentaleuropäer wetterten.

Als ob die Römer ihr Weltreich nur stärker hätten abschotten müssen, um es vor dem Untergang zu retten. Ein Beispiel spätkapitalistischer Dekadenz kann man darin schon sehen.

Wenn nun mit Boris Johnson einer der obersten Brexiteers zum britischen Premier ernannt wurde, bietet ihm die universale Erzählung des Römischen Reichs eine reiche Auswahl aus Mythen und Narrativen: Ein Nero, der sogar Rom selbst anzündet, um in dessen Feuerschein zu strahlen, ein Domitian, der es mit harter Hand konsolidiert, ein Diokletian, der alle überrascht, weil er sich als verbindlicher, seiner Grenzen bewusster Herrscher entpuppt?



Vielleicht aber ähnelt Johnson dann in ein paar Jahren im Rückblick eher einem jener heute nahezu namenlosen "Soldatenkaiser", die zwar unter Jubel auf den Schild gehoben, nach kürzester Zeit aber von den eigenen Gefolgsleuten fallen gelassen und ermordet wurden.

Literatur::
Alexander Demandt: "Untergänge des Abendlandes. Studien zu Oswald Spengler.", Köln 2017

Michael Grant: "Der Untergang des Römischen Reiches"; Vorwort von Golo Mann; Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1978 (antiquarisch)

Peter Heather: "Der Untergang des Römischen Weltreichs."; Stuttgart 2007

Peter Heather: "Invasion der Barbaren. Die Entstehung Europas im ersten Jahrtausend nach Christus."; Stuttgart 2011

Peter Heather: "Die letzte Blüte Roms. Das Zeitalter Justinians.", Darmstadt 2019

Paul Kennedy: "Aufstieg und Fall der großen Mächte" Frankfurt 1987

Mischa Meier: "Das andere Zeitalter Justinians. Kontingenzerfahrung und Kontingenzbewältigung im 6.Jhd. nach Chr."; Göttingen 2003

Catherine Nixey: "Heiliger Zorn: Wie die frühen Christen die Antike zerstörten"; München 2019

Johannes Preiser-Kapeller: "Jenseits von Rom und Karl dem Großen. Aspekte der globalen Verflechtung in der langen Spätantike, 300-800 n. Chr." Wien, 2018