Lebenserwartung sinkt, wenn die Wirtschaft boomt

Niederländische Wissenschaftler haben den Zusammenhang der Mortalitätsrate der älteren Menschen mit Schwankungen im BIP während der letzten 50 Jahre untersucht - mit einem überraschenden Ergebnis

Man sollte eigentlich meinen, dass in Wirtschaftskrisen die Menschen aufgrund von Stress, schlechterer Versorgung und anderen Zwängen kränker werden und vielleicht früher sterben. Selbstmorde scheinen zwar zuzunehmen (Rezession treibt mehr Menschen in den Selbstmord, Die Wirtschaftskrise hat die Zahl der Selbstmorde in die Höhe getrieben), aber es gibt bei kurzfristigen Schwankungen das seltsame Phänomen, dass Menschen eher sterben bzw. die Mortalitätsrate höher ist, wenn die Wirtschaft boomt.

In den westlichen Ländern steigt seit der Industriellen Revolution die Lebenserwartung kontinuierlich an. Zunächst sank die Kindersterblichkeit, heute macht die längere Lebensdauer der alten Menschen den Großteil der steigenden Lebenserwartung aus. Allgemein wird angenommen, was auch langfristig zutrifft, dass wirtschaftliche Prosperität den Lebensstandard hebt und die Lebenserwartung erhöht, während eine Wirtschaftskrise wie die gegenwärtige, die in den betroffenen Ländern zu hoher Arbeitslosigkeit führt, den gegenteilige Effekt haben müsste. Tatsächlich steigt nach Studien mit sinkender Arbeitslosigkeit etwa die Zahl der Herz-Kreislauf-Erkrankungen, der Lungenentzündungen oder der Unfalltoten im Verkehr.

Niederländische Wissenschaftler haben, um die Mortalitätsrate der älteren Menschen in Zusammenhang mit makroökonomischen Daten zu untersuchen, die Entwicklung des BIP in 19 Industrieländern und die Mortalitätsraten von Menschen mittleren (40-44) und hohen (70-74) Jahren zwischen 1950 und 2008 verglichen. Sie kamen zu dem überraschenden Ergebnis, wie sie im Journal of Epidemiology and Community Health berichten, dass die Mortalitätsraten in diesen Altersgruppen bei den Männern um durchschnittlich 0,36 bzw. 0,38 Prozent höher pro 1 Prozent höheres BIP lagen, wenn die Wirtschaft wächst, als wenn sie in die Rezession rutscht. Das ließ sich allerdings nicht allen Ländern beobachten bzw. war in einigen der Anstieg nicht signifikant, bei den Frauen war er deutlich niedriger als bei den Männern. Die Wissenschaftler können aus der statistischen Analyse der Wirtschaftszyklen nicht erklären, warum in Zeiten des Wirtschaftswachstums die Mortalitätsrate in die Höhe geht und in Zeiten der Rezession absinkt. Mehr Stress, ein weniger gesunder Lebensstil und mehr Verkehrsunfälle aufgrund einer höheren Beschäftigungsrate seien für den Anstieg der Mortalitätsrate nicht hinreichend. Die Siebzigjährigen seien schließlich meist nicht mehr in Arbeit. Höhere Luftverschmutzung, die durch Wirtschaftswachstum entsteht, könnte ein Grund sein, aber damit ließen sich die Unterschiede zwischen Männern und Frauen nicht erklären.

Die Autoren vermuten, dass eine geringere Arbeitslosigkeit und mehr Beschäftigung ein Grund sein könnten, dass ältere Menschen weniger durch ihre Angehörigen versorgt werden, die gleichzeitig mehr gestresst seien, wenn die Arbeitsbelastung steigt. Aber das ist sehr spekulativ und kann auch nicht wirklich erklären, warum die Mortalitätsrate in beiden untersuchten Altersgruppen während des Wirtschaftswachstums steigt.

Möglich wäre auch, so die Autoren, dass die Menschen, die während einer Rezession nicht arbeitslos werden, ihren Alkoholkonsum und ihre "antisozialen" Verhaltensweisen reduzieren sowie vorsichtiger fahren, um fit zu bleiben. Aber es gibt auch Studien, die zeigen, dass bei höherer Arbeitslosigkeit mehr geraucht wird und die Fettleibigkeit ansteigt, die Menschen ungesünder essen und sich weniger bewegen. Aber auch ein durch die wirtschaftliche Situation bedingter ungesünderer Lebensstil würde nicht schnell zu einer höheren Mortalitätsrate führen.

Verzögerungseffekte könnten womöglich in Wirtschaftszyklen die Ursache sein, so dass nur scheinbar während des Wirtschaftswachstums die Mortalität ansteigt, während der Anstieg eigentlich eine Reaktion auf eine frühere Rezession ist. Und es könnte eine Ursache dafür verantwortlich sein, die man nicht kennt oder nicht bedacht hat. So ist das bei statistischen Korrelationen. (Florian Rötzer)

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