Lebenszeit zwischen Ankommen und Abreisen

Tiny-Tea-House "Lemon Loft", von Jan Körbes/Refunc. Raum der Kontemplation. Bild: Ishka Michoka / Refunc/Silocity.space

Die Tiny-House-Bewegung wandelt auf den Spuren des "Bauhaus"

"Unsere Häuser sind ein derart belastender Besitz, dass sie uns häufig eher Gefängnis als Behausung sind." Sagte Henry David Thoreau, der sich 1845 in die Wälder von Massachusetts zurückzog, um in einer selbsterbauten Hütte ein möglichst autarkes Leben als Asket zu führen. Heute kehren die Einsiedler aus den Wäldern zurück, um sich als "urbane Nomaden" an städtischen Orten zu Gemeinschaften zusammenzuschließen, die sich ebenso schnell wieder auflösen. Es sind Orte, die dem städtischen Zivilisationsnormen nicht mehr gewachsen sind und neu programmiert werden können.

Im aktuellen Fall haben sich Anhänger der Tiny-House-Bewegung mit ihren mobilen Gehäusen auf Resten der Moderne niedergelassen. Sie sind bis nächstes Frühjahr zu Gast auf dem Freigelände des Berliner "Bauhaus-Archiv", das den Nachlass des in Dessau epochemachenden und 1933 aufgelösten "Bauhaus" sammelt und museal aufbereitet.

Auf diesem "Bauhaus Campus" reihen sich die Holzhäuser in lockerer Formation aneinander und gruppieren sich abschließend zu einem kleinen Dorfplatz, auf dem "Teilen" angesagt ist. Die Aktivitäten gehen bis zu gemeinsamem Essen. Die gängige Grundfläche der Wagen beträgt knapp 10 m2, gängig allein deswegen, weil eine Firma Vorfertigung anbietet und diese Größe auf einen Anhänger passt. Der passt wiederum auf einen Parkplatz.

Lebenszeit zwischen Ankommen und Abreisen (26 Bilder)

Bauhaus Campus. Links Café "Grundeinkommen". Bild: Bernhard Wiens

Die Bewohner der Häuschen widmen sich verschiedenen Themen rund um Nachhaltigkeit und antikapitalistische Selbstgenügsamkeit. Die einzelnen Wagen sind zugleich Laboratorien auf die Zukunft der Stadt. Das ist, leicht überspitzt, der Forschungstrakt der "Tiny-House-University", die jedermann offensteht. Die Häuser haben einem alteuropäischen Brauch entsprechend Namen. Katrin Hoffmann vom "House of Tiny Systems" experimentiert mit verschiedenen Techniken der ökologischen Wasseraufbereitung. Ein schon eingespieltes Open-Source-System ist "Shower Loop", eine Instant-Reinigung des Brauchwassers. Katrin Hoffmann nimmt sich vor, ihr Häuschen mit einem Pick-up durch europäische Landen zu ziehen, um ihre Themen zu verbreiten und sich mit Gleichgesinnten zu treffen. Eine Frage reicht weit über Europa hinaus: Wem gehört das Wasser?

Haus "Tiny 100" enthält auf 6,4 m2 eine "100-Euro-Wohnung". Dieses Wohn-Experiment ist von einer Fragestellung geleitet: Auf wie kleinem Raum kann man zu erschwinglichen Preisen menschenwürdig leben? "Tiny 100" hat sogar eine obere Etage und erfüllt alle Lebensfunktionen. Zur Klientel könnten Flüchtlinge und Studenten gehören, zumal das Haus auch als Modul funktioniert, wenn es mit anderen zu einem Mietshaus zusammengefasst wird. Architekturstudent(inn)en der Hochschule Rosenheim spitzten die Frage zu: Wie viel Raum, brauchen wir, damit es Heimat wird? Ihre Antwort ist: "35 Kubik Heimat", ein Holzhaus, in dem alle Einrichtungen im Fußboden und in den Wandpaneelen versteckt sind. Ihr Objekt vermittelt ein japanisches Raumgefühl. Sogar eine Bühne hat es.

Weitere Themen sind der Nahrungskreislauf ("Holy Foods") mit Kompostierung nach dem "Terra-preta-Prinzip", das den Indios abgeschaut wurde, und das Mindesteinkommen. Das gleichnamige Haus beherbergt ein Café, in dem mit einer eigenen Kryptowährung bezahlt wird. Tee lässt sich gut im Tiny-Tea-House alias "Lemon Loft" trinken. Ein altes Futtersilo wurde upgecycelt und bietet Raum für Kontemplation. Es ist außen nicht aus Holz, steht aber für den Beitrag der Kunst zur Nachhaltigkeit durch Umnutzung des Vorgefundenen, Weggeworfenen.

Der Spiritus rector der Tiny-House-Agglomeration ist der quicklebendige Architekt Van Bo Le-Mentzel, ein Architekt, der nicht so gerne feste Häuser baut, weil er die Straße liebt, die Straße als Ort temporärer Begegnungen. Sie wäre auch der geeignete Raum, sich kursorisch und ohne Bindung an Grundbesitz niederzulassen, wenn nicht der Automobilverkehr diesen in Städten einst freien Raum okkupieren würde.

Bekannt wurde Le-Mentzel 2010 durch "Hartz-IV-Möbel" zum Selberbauen. Die kleine Möbelserie ist an Entwürfen der klassischen Moderne orientiert. Über den Hocker heißt es: 10 Euro, 10 Schrauben, 10 Minuten. Ein Jahr später folgte das "Ein-Quadratmeter-Haus" und schließlich das Anhänger-taugliche "Unreal Estate House", das auf 5 m2 alles hat, was der Mensch zum Wohnen braucht, Schlafetage inbegriffen. Ganz schnell mutiert es zum Pop-up-Store oder zur Galerie. Die Baupläne gibt es gratis. Zum Bauhaus-Campus gehört eine offene fahrbare Werkstatt aus Holz, die auch vor Ort Hartz-IV- Möbel baut.

Haus "Tiny 100". 6,4 m2 mit Gästezimmer. Bild: Bernhard Wiens

"Unreal Estate" ist Le-Mentzels Anti-Begriff zur fortschreitenden Privatisierung des öffentlichen Raums, was sich auch in zunehmender Überwachung bemerkbar macht und in der Einhegung von Gated communities. Die Tiny-House-Bewegung hat weltweit viele Varianten, aber in Deutschland rückt sie in die Städte vor und ist keine Fluchtbewegung, wie Le-Mentzel betont. Sie geht offensiv mit dem öffentlichen Raum um und mit dem Bauplanungsrecht, das provisorische Lösungen zur Nutzung von Lücken und zum Upcycling segregierter Stadträume torpediert. Diese Räume situationsbedingt, flüchtig, zu füllen, ist für die "Tiny-Häusler" erfüllte Lebenszeit. Die Frage lautet: Wie sind Nachbarschaften in einer Einwanderungsgesellschaft zu gestalten?1

Le-Mentzel: "Die Stadt kann weder aus steinernen Fundamenten heraus gedacht werden noch können Masterpläne als Vorgabe der Stadtentwicklung dienen. Wir machen uns mit unseren Tiny Houses auf den Weg, die Stadt neu zu organisieren. Wir produzieren Gemeinschaft, gute Nachbarschaft." Die Tiny-Hausbauer legen den Finger in offene Wunden, machen aufmerksam auf das, was in der Stadt nicht geschieht.

Im "Haus der Menschenrechte" steht nicht nur der Paragraph des Grundgesetzes im Mittelpunkt, der da lautet: Eigentum verpflichtet, sondern das Holzhaus bietet auch einen Schlafplatz für Obdachlose. Flüchtlinge waren an der Aufbauphase beteiligt, und seinen Ausgang nahm der Tiny-House-Zug am berüchtigten LAGeSo, der damals ersten Anlaufstelle für die Flüchtlingstrecks. Van Bo Le-Mentzel redet gern und gut in Sprachbildern, und es mag seine beste Befähigung zur Architektur sein, Bilder und Zeichen zu schaffen.

"Gemeinschaft" ist ein mit rechter Ideologie aufgeladener Begriff, und das bewahrheitet sich auch heute, wenn sich Milieus voneinander abgrenzen und diskriminieren. Das führt zur Segregation in der Stadt. Le-Mentzel unterstreicht jedoch, dass die Gemeinschaft der Tiny-House-Bewegung sich gerade durch den Einschluss heterogener Elemente bildet. Das Experiment auf neue Formen des Miteinanders war auch schon der Ansatz der Ausbildung im "Bauhaus". Das Bauhaus hatte zudem einen demokratischen Anspruch, sofern es für den "Volksbedarf" plante.

Leonardo Di Chiara ist mit seinem selbstgebauten Minihaus aus Italien angereist. An der Tiny-House-University gibt er Anleitungen zum Hausbau. Nicht nur muss die Konstruktion stimmen, sondern es soll vermieden werden, dass Gartenzwerg-Häuser herauskommen. Der junge Architekt weist auch auf die Gefahr zu starker Sonneneinstrahlung hin. Aber die Häuser können je nach Sonnenstand gedreht werden.

Di Chiaras eigenes Haus hat seitlich keine Fenster. Er denkt städtebaulich. Tiny Houses können aus allen Himmelsrichtungen zusammenströmen und Seite an Seite zusammenrücken. Für Höfe, kleine Plätze und Gassen können Zwischenräume gebildet werden. Das neue Städtchen pulsiert. Einer verlässt die Häuserreihe, ein anderer kommt. Di Chiara spricht von "Migratory Neighbouhoods" und hat ganz nebenbei kompakte europäische Kleinstädte, von denen es in seiner Heimat noch so viele gibt, aus mobilen Häusern nach mittelalterlichem Vorbild rekonstruiert.

Bauhaus-Archiv, Haus "35 Kubik Heimat" und "Lemon Loft". Bild: Ishka Michoka / Refunc/Silocity.space

Aus der Vergangenheit, die noch nicht das ständige Mehr aus der Verwertung des sachlichen Kapitals und des menschlichen Bewusstseins kannte, werden auf dem Bauhaus-Campus Elemente der Zukunft geschöpft. Die Tiny-House-University erschließt "Dritte Orte" erläutert Le-Mentzel. Der erste Ort ist der, wo man aufwacht. Der zweite Ort ist der, wo man tags hingeht. Der dritte Ort ist alles, was nicht erstens und zweitens ist. Er hebt die getrennten Funktionen von Wohnraum und Arbeitsraum auf. Das "gemeinsame Dritte" kann ein Café sein, eine Bibliothek, ein Museum, der Strand oder ein beliebiger städtischer Begegnungsraum für Coworking. Die Arbeit der Zukunft findet am Dritten Ort statt.

Der Dritte Ort bietet ebenso die Möglichkeit, uns aus der Dauererreichbarkeit auszuklinken und in analoge Begegnungen, aber auch unberührte Räume einzutauchen. Gemeinschaft ist ein Wechselspiel aus physischer Annäherung und Entfernung. Die neue migratorische Mobilität ist ein Drittes aus Ankommen und Verschwinden. Die traditionelle Lebensweise ist zur Last geworden: Je größer die Wohnung ist, desto länger müssen wir im Büro arbeiten, und wenn wir uns schließlich "nach Hause" zurückziehen, steht das Büro leer.

Aus dem Teufelskreis ist der Rentner Joachim Klöckner ausgebrochen. Er ist dem Bauhaus-Campus verbunden und sagt: "Wenig tote Dinge erlauben mir viel Zeit, Energie und Raum für Lebendiges". Er hat den Minimalismus, auch des Einkommens, für sich entdeckt und genutzt. Er lebt in asketischem Komfort. Small is beautiful. Man kann auch die Häuser besser machen, indem man sie kleiner macht. Die Verbesserung zeigt sich schon beim Energieaufwand.

Tiny Houses auf Rädern sind eine Mischung aus Vehikel und Haus. In der harmlosen Mischung steckt eine Anklage gegen den größten städtebaulichen Sündenfall des 20. Jahrhunderts: die autogerechte Stadt. Sie beruht auf der Arbeitsteilung zwischen Wohnen, Arbeit und Freizeit. Um die räumliche Trennung zu überwinden, bedurfte es des automobilen Verkehrs, der außer Kontrolle geriet.

Der Bauhaus-Campus muss sich einer Reihe von Einwänden stellen:

  1. Der Zwang zu kleineren Wohnungen ist aus der Wohnungsnot geboren. Die Wohnungsbauindustrie springt gern auf diesen Zug auf, indem sie mit den Quadratmeterzahlen zugleich den Wohnstandard absenkt. Sie verzichtet auf intelligente Lösungen, die gerade der Clou des Neuen Bauens (Bauhaus usw.) waren.

  2. Die Abreise pseudoreligiöser Gruppen aus der bestehenden Gesellschaft und die Gründung neuer kleiner Kolonien etwa in Amerika ("New Harmony", Ikarien) ist ein Merkmal des utopischen Sozialismus, der im Gefolge der Französischen Revolution entstand. Hängen die neuen Reisenden des Bauhaus-Campus mit ihren ökologischen Thematiken jenem alten Eskapismus nicht lediglich ein Nachhaltigkeitsmäntelchen um?

  3. Saugt die Kulturindustrie nicht spielend solche kleinen ideellen Bewegungen auf und nutzt sie als Antrieb für eigenes Marketing? Kommerzialisierungseffekte haben bereits eingesetzt. Die bekannteste österreichische Firma für "Wohnwagons" aus Holz nimmt für Modelle zwischen 15 und 33 m2 zwischen 50.000 und 123.000 Euro. Und unter dem Label Tiny House oder "Nano House" werden inzwischen edle und gar nicht so kleine Designer-Villen in den Schweizer Bergen platziert, womöglich mit Ausnahmeregelung.

Die Argumente treten mit dem Anspruch logischer Konsequenz auf und enthalten doch einen Fehler: Sie sind eine Vorverurteilung. Gegen alle Voraus-Urteile kann das Völkchen des Bauhaus-Campus erst durch Handeln herausfinden, wie groß der Spielraum wirklich ist. Den Spielraum des Widerstandes zu nutzen und zu weiten, empfahl auch Hannah Arendt, die jedwede Konsequenz-Logik ablehnte. In ein paar Jahren könnte man nachschauen und die Tiny-Bauhäusler fragen: Wo steht Ihr? Wohin geht die Reise?

Anzeige