Lehrer wie alle anderen auch?

Der rechtsextreme Front National ist auf der Erfolgsspur. Nun will die Partei auch die nationale Schulerziehung mit der Wiederherstellung von Autorität und Disziplin und der Ablehnung von Laxheit und Experimenten neu ausrichten

Ein Provinzereignis stand heute Morgen ganz oben in den französischen Medien. Die Wahl im südfranzösischen Kanton Brignoles dans le Var. Gewonnen hat der Kandidat des Front National. Damit bekommt die Wahl, die eigentlich niemand außerhalb der Provence groß interessiert hätte, landesweite Bedeutung. Denn Laurent Lopez hat gegen die "republikanische Front", gegen ein Wahlbündnis der sozialdemokratischen PS und der konservativen UMP, gewonnen. Früher galt, wer außerhalb des Bündnisses steht, steht außerhalb des Wertekanons der Republik und soll keine Chance haben. Jetzt wird neu sondiert.

Der Erfolg der Le Pen-Partei kommt nicht unerwartet, schon gar nicht im Süden des Landes. Nationale Relevanz bekommt er, weil er als weiteres Signal dafür gewertet wird, dass sich "eine neue Wirklichkeit des politischen Lebens in Frankreich" zeigt (vgl. Europawahl-Umfrage sieht den Front National als stärkste Partei Frankreichs).

Den Sozialdemokraten gibt die Abwanderung besonders zu denken, da viele Stimmberechtigte aus ihrem Lager zum FN abwandern, eine Tendenz, die auch Gewerkschaften beunruhigt (Französische Gewerkschaften in Panik). Für die UMP, wo Sarkozy jahrelang versuchte, dem FN mit ordungspolitischer Härte gegenüber Einwanderern, mit Heraufbeschwören des nationalen Stolzes und mit der Ablehnung eines soften, "linken" Umgangs mit schwierigen Jugendlichen, das Wasser abzugraben, ist der Erfolg ebenfalls gefährlich. Weil die FN von ihren Anhängern als die bessere Rechte verstanden wird, ist die UMP doch wirtschaftspolitisch klar auf Seiten der Konzerne und der Reichen.

Der Ärger über Privilegien der oberen Klassen, der Wirtschaftseliten und ihrer politischen Unterstützer, und dazu das Gefühl manipuliert oder zum Narren gehalten zu werden von einer Matrix, die von Interessen einer internationalen Finanzmafia durchwebt ist, bilden die Schnittmenge zwischen linken und rechten Milieus, die nun die FN als Alternative zum republikanischen Perteiensortiment entdecken.

Der Treibstoff des latenten Antisemitismus, der auf Webseiten des nationalistische Milieus, das den FN umgibt und belebt, sehr klar zu Tage tritt, und die weitaus deutlicher ausgesprochene Fremdenfeindlichkeit verbinden sich gut mit einer antimodernen Tendenz, die sich daraus nährt, dass sich viele von den augenblicklichen Erfolgsgeschichten und Karrieremöglichkeiten ausgeschlossen oder gar nicht angesprochen fühlen. Auch hier finden sich nicht wenige Anknüpfungspunkte zwischen Linken und Rechten.

Der FN ist eine kleine Leute-Partei, mit prägnanten Mentalitätsverwandtschaften zum Poujadismus. Analysen und Bemühungen, den Front National auf der rechtsextremen Seite zu verankern, die zur Sondierung der neuen Lage als eine Art Rückversicherung und Vergewisserung öfter zu lesen sind, sind nicht falsch. Aber sie machen den Zulauf nicht verständlicher und verstellen durch den kategorisch gebannten Blick die Sicht auf jüngere Entwicklungen. Die Auseinandersetzung mit den Themen des FN, die nicht im Sinne einer besseren Wahltaktik geführt wird, findet nur am Rand statt. In der Mitte herrscht Gefühlspolitik.

Bislang handeln die PS wie die UMP doppelzüngig: Sie stellen den FN außerhalb des republikanischen Konsens, paktieren aber doch indirekt oder versteckt mit FN.Kandidaten, wie dies die UMP praktiziert hat, oder sie übernehmen in der politischen Rhetorik deren Härte-Vorgabe, wenn es etwa um ökonomisch schwache Einwanderer geht.

"Eine neue Struktur der Hoffnung im Herzen der französischen Schulausbildung"

Dabei lässt der FN unter dem pseudo-modernen Anstrich, den ihm die blonde Vorsitzende Marine Le Pen mit geschicktem Marketing verpasst hat, viel Rost erkennen, wenn es um konkrete Problemstellungen geht und nicht nur um die Befriedigung von Retro-Sehnsüchten. Das zeigt sich beispielhaft in einer neuen Initiative der Partei, bei der es darum geht, ein traditionell linkes Milieu zu erobern: das der Schulerziehung.

So hat Marine Le Pen am Wochenende das "Collectif Racine" ausgerufen, eine "Vereinigung von Patrioten", die Frankreich über die Schule "neu ausrichten" will. An großen Worten fehlt es wie immer nicht: Es gehe um "eine neue Struktur der Hoffnung im Herzen der französischen Schulausbildung", wird verkündet.

Die Schlagworte und Schlüsselreize, die vom FN in die Schulausbildungsdebatte geworfen werden, kennt man aus jeder Diskussion mit "Rechtschaffenen": Die neue Schulerziehung ist gegen Laxheiten gerichtet, nimmt die Autorität wieder ernst, die Disziplin und die Auswahl.

Dazu kommt Banales vom Breitensport: "Die Auswahl der Besten geschieht über das Fördern der vielen" sowie aus Kasernen und Mönchstudierstuben alter Zeiten: "Lernen verlangt Anstrengung und Askese", "Schluss mit den Experimenten" - soweit Marine Le Pen in ihrer Auftaktrede. Was in der Neuausrichtung mitschwingt, schließlich kennt man den FN, kann man in den Kommentaren dazu unter den Medienberichten konkret lesen: Der Fortschritt der Besseren solle nicht von Ausländern gebremst werden, die nicht richtig mitkommen. Außerdem: "Schluss mit den Männer-Frauen-Quoten" .

Es sind nur Schlagworte, die populäre Reizthemen einer Debatte; ein neuer Vorschlag findet sich im Programm nicht, stellen Beobachter mehrerer Medien unisono fest. Es geht rein ums Gefühl, um eine neue Kulturpolitik, die rückwärts schaut, in das Schulsystem der III.Republik.

Neu ist aber, dass es zum ersten Mal Lehrer gibt, die sich öffentlich bei einer Versammlung der FN zeigen und sich zu ihr bekunden. Das, so deutet ein Mitglied einer Lehrergewerkschaft an, zeige die Eroberungsstrategie des FN, wozu auch die Banalisierung der Inhalte gehört. Man lasse glauben, dass es sich um eine normale Lehrervereinigung handele. Aber das sei falsch. (Thomas Pany)

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