Leiche des Amerikaners, der unkontaktiertes Volk missionieren wollte, soll nicht geborgen werden

Die nördliche Sentinel-Insel. Foto: Medici82. Lizenz: CC BY-SA 4.0

Survival International befürchtet Risiko einer Ausrottung durch Krankheiten

Die zehn Kilometer breite und zwölf Kilometer lange nördliche Sentinel-Insel, die zu den indischen Andamanen gehört, haben bislang nur wenige Menschen betreten, die dort nicht geboren wurden. Noch weniger verließen sie lebend. Zu ihnen gehört der indische Ethnologe Vishvajit Pandya, der die gewaltsame Abwehr von Eindringlingen durch die dort lebenden Ureinwohner gegenüber der Frankfurter Allgemeine Zeitung mit den Worten verteidigte, "sich vor Fremden schützen zu wollen" sei im Gegensatz zur Vorstellung, die Sentinelesen müssten "uns mit offenen Armen begrüßen, singend und tanzend", "ein menschlicher Instinkt".

Pandyas Einschätzungen sind aktuell gerade auch außerhalb der Fachwelt gefragt, weil die Sentinelesen am 17. November mit Pfeilen einen Amerikaner erschossen, der sie im Auftrag der protestantischen All-Nations-Kirche aus Kansas City missionieren wollte - und zwar entgegen eines 1996 erlassenen Kontaktverbots der indischen Regierung. Dieses Kontaktverbot hat keine religiösen Gründe, sondern soll das Selbstbestimmungsrecht des Volkes schützen, das auch bei anderen Gelegenheiten recht unmissverständlich zum Ausdruck brachte, dass es keinen Wert auf Besuch legt.

Leichen von Fischern auf Bambusstöcke gespießt und am Strand ausgestellt

Zum Beispiel nach dem Tsunami von 2004, als sie einen Rettungshubschrauber der indischen Küstenwache mit Pfeilen beschossen. Zwei Jahre darauf töteten die Sentinelesen zwei Fischer, die in die Drei-Kilometern-Sperrzone um die Insel eingedrungen waren. In dieser Zone fischen die Insulaner mit stangengesteuerten Auslegerkanus. Die Leichen der Fischer spießten sie auf Bambussstöcke und stellten sie zur See gewandt aus.

Die Besatzung des Frachters MS Primrose, der 1981 an einem Korallenriff havarierte, wurde ebenfalls mit Pfeilen beschossen, konnte aber durch einen Hubschraubereinsatz gerettet werden. Im Jahrzehnt davor spickten die Sentinelesen auch Geschenke wie ein Schwein und eine Puppe, mit denen die indische Regierung Kontakt aufnehmen wollte, mit Pfeilen und verscharrten sie anschließend am Strand. Aufgeschlossener reagierten sie 1991 lediglich auf Kokosnüsse, die sie kennen und schätzen. Beim Beobachten der Bergung dieser Kokosnüsse gewann der an der Expedition teilnehmende Ethnologe Pandya den Eindruck, dass die Sentinelesen Mengen mit mehr als zwei Objekten kognitiv mit anderen Konzepten als Zahlen erfassen.

Immunsystem nicht für die Zivilisation gerüstet

Der Organisation Survival International nach würde ein Kontakt der Sentinelesen mit der Außenwelt erst einmal zu einem Massensterben führen, weil dem Volk ein Immunsystem fehlt, mit dessen langsamer Entwicklung sich andere Völker in zehntausenden von Jahren nach und nach vor Krankheiten schützten, die anderswo zum Alltag gehören. Das schließt die Organisation unter anderem daraus, dass einige Sentinelesen, die 1880 von den Briten gefangen genommenen wurden, sehr bald erkrankten und starben.

Die Vorfahren der kleinwüchsigen, sehr dunkelhäutigen und kraushaarigen Ureinwohner kamen nämlich wahrscheinlich schon vor fünfundfünfzigtausend Jahren mit Bambusflößen auf die Insel. Zu einer Zeit, als in Europa noch Neandertaler lebten. Das Wenige, was man bisher über ihre Sprache weiß, deutet nämlich darauf hin, dass sie sich stark von denen der Ureinwohner auf den anderen Andamandeninseln unterscheidet.

Anklagen gegen Helfer

Den bisherigen Ermittlungserkenntnissen nach hatte der Missionar (der sich seinen Notizen nach des Sterberisikos durchaus bewusst war) Fischer bezahlt, damit sie ihn innerhalb des Sperrgebiets mit einem Kajak absetzen. Mit diesem Kajak fuhr er erst mit einer Bibel auf die Insel zu, musste aber nach Pfeilbeschuss umkehren. Ein weiterer Versuch, bei dem er einen Fußball mit sich führte, endete tödlich. Wegen dieses unbefugten Eindringens in das Sperrgebiet müssen sich nun fünf Fischer und zwei andere Komplizen des Missionars vor Gericht verantworten.

Anklagen gegen Sentinelesen sind nicht vorgesehen. Allerdings gab es einen Versuch, die Leiche zu bergen, der jedoch abgebrochen wurde, nachdem sich bewaffnete Sentinelesen versammelten, um das dafür geschickte indische Polizeiboot in Empfang zu nehmen. Stephen Corry, der Direktor von Survival International, forderte gestern, keine weiteren solchen Versuche zu unternehmen. Diese seien "sowohl für die indischen Beamten als auch für die Sentinelesen, die von eingeschleppten Krankheiten ausgelöscht werden könnten […], unglaublich gefährlich". Deshalb solle man die Leiche des Missionars "genauso in Ruhe lassen wie die Sentinelesen". Außerdem gab er der indischen Regierung eine Mitschuld an der Tötung des Amerikaners, weil diese kurz zuvor durch die Lockerung von Schutzvorschriften ein "falsches Signal" ausgesendet habe. (Peter Mühlbauer)

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