"Lemmings hat mich radikalisiert - seitdem laufe ich dauernd anderen hinterher"

Lemmings-Cosplayer. Foto: Luca Mascaro. Lizenz: CC BY-SA 2.0

Muss sich Retrogamer Horst Seehofer nun selbst "stärker in den Blick nehmen"?

Weil der Hallenser Livestreamterrorist für seine Tatversuche und Taten letzte Woche den bei Gamern beliebten Dienst Twitch nutzte, kündigte Bundesinnenminister Horst Seehofer am Sonntag an, er werde nun "die Gamer-Szene stärker in den Blick nehmen" (vgl. Nach Halle-Attentat: CDU fordert umfangreiches Überwachungspaket fürs Internet und Es sind die Gamer!). Renate Künast von der Opposition widerspricht ihm da nicht, sondern will sogar das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) trotz seiner fragwürdigen Auswirkungen auf Computerspiele ausgeweitet sehen.

In Sozialen Medien reagiert man darauf mit Galgenhumor und versucht, durch möglichst haarsträubende Beispiele für die anscheinend dahinterliegenden Annahmen der Politiker darauf aufmerksam zu machen, dass man solche Maßnahmen weder für geeignet noch für erforderlich oder angemessen hält.

So meint beispielsweise ein Musikalischer Baumpflanzer & Mammutflüchter auf Twitter, Sid Meiers Computerspielklassiker Civilization (vgl. Geschichte live erleben) habe ihn "radikalisiert" und seitdem versuche er "die Weltherrschaft zu erringen". Dass das sarkastisch gemeint ist, zeigt auch ein anderer seiner Tweets, in dem er möglicherweise auf Schwarmeffekte in Medien und Politik anspielt, wenn er behauptet:

Lemmings hat mich radikalisiert. Seitdem laufe ich dauernd anderen hinterher. (Musikalischer Baumpflanzer & Mammutflüchter)

Archie Duke weckt dagegen Assoziationen an die Politik, indem er an etwas erinnert, über das sich viele Spieler des alten Aufbauklassikers anfangs wunderten: "Civilization", so der Twitter-Nutzer, habe ihn "gelehrt, dass gebrochene Friedensverträge und nukleare Erstschläge einen weiterbringen: "Und jetzt kann ich nicht mehr damit aufhören." Andere indirekte Kritik an Machthabern übt Roman Richter mit seinem "Bekenntnis" Civilization 2 habe ihn radikalisiert, weshalb er nun ständig versuche, "durch Wissenschaft und Forschung technologisch allen anderen weit voraus zu sein [und] [s]ich dadurch gegen die Barbarenstämme verteidigen und letztlich den Weltraum erobern zu können".

Auch Tweets wie die von Grumpy Margash sollen Politiker möglicherweise nicht nur als Protest gegen Computerspielzensur lesen:

Cities: Skylinies hat mich radikalisiert. Seither mache ich Zonenpläne für meine Stadt, baue Straßen, achte auf die Existenz von ÖPNV und einen ausgeglichenen Staatshaushalt. Und ab und an lass ich Meteoriten vom Himmel fallen. (Grumpy Margash)

Andere Kommentatoren machen vor allem darauf aufmerksam, dass die Vorstellung, Spieler würden Spiel und Realität nicht auseinanderhalten können, gewissen Schwächen in der Beweiskette haben könnte: Oha Klarname weiblich twitterte beispielsweise, sie sei "von Pac Man radikalisiert" worden und "esse seither Gespenster" (vgl. Invasion der Paketfresser). Die Master-Mandarine versucht seit ihrer angeblichen Radikalisierung durch Monkey Island (vgl. Spiel mit Charme, Witz und Einfallsreichtum) "ständig, völlig random Dinge zusammen zu verwenden, in der Hoffnung, dass dann etwas ganz Unerwartetes passiert".

"Verkleide mich jetzt auch immer als Waschbär und presse jungen Menschen ihren angeblichen Hauskredit ab"

Panthenola dagegen wurde nach eigenen Angaben von Neues von Pettersson und Findus radikalisiert (vgl. Die besten Spiele für Kinder und die ganze Familie). Seitdem, so die Twitter-Nutzerin, "pflanze [sie] regelmäßig Fleischklößchenbäume, mache Schubkarrenwettrennen mit kriminellen Hühnern und renne durch die Unterwelt, um [ihren] Gärtner zu befreien".

Nintendos Animal Crossing (vgl. Fakten fürs Leben) hat Acte Clairname ihren eigenen Worten nach dagegen "krass aggressiv gemacht": Sie, so die Twitter-Nutzerin, verkleide sich "jetzt auch immer als Waschbär und presse jungen Menschen ihren angeblichen Hauskredit ab". Instrumentum Sceleris, God of Mischief quält dagegen nach eigenen Angaben "Tiere in spezialisierten Kämpfen", weil ihn Pokemon radikalisiert hat (vgl. Pokemon Go ist ungefährlich).

Ähnlich brutale Auswirkungen beklagt Wine Gurl, der sich durch Hugo radikalisiert fühlt: "Seitdem kidnappe ich Frauen, breche in Bergwerke ein, stehle Motorräder und fliege mit dem Heißluftballon zur Uni." Auf diese Weise kann er wenigstens nicht mit Flo(h)rian Kohler zusammenstoßen, der seit seiner Radikalisierung durch Mario Kart (vgl. Genussvoll im Kreis fahren) "mit dem Auto nur noch seitwärts über die Autobahn [rutscht], mit Schildkröten-Panzern [wirft] und Littering mit Bananenschalen [betreibt]".

"Versucht seitdem, alle Probleme mittels Wave rod zu lösen"

All das wirkt jedoch blass, wenn man es mit dem Schicksal des Computerspielveteranen Jürgen Kaiser vergleicht: Er will vom Adventure auf dem 8080-SDK radikalisiert worden sein (vgl. MS-DOS-Games: Internet Archive veröffentlicht 2500 weitere Spieleklassiker) und versucht seitdem "alle Probleme mittels Wave rod zu lösen".

Die Bandbreite an Spielern, die gut 40 Jahre Computerspielgeschichte inzwischen abdeckt, lässt manche Social-Media-Nutzer mutmaßen, ob es bei den aktuellen Plänen der Politik vielleicht nur darum geht, "möglichst viele Bürger unter Generalverdacht zu stellen". Der würde dann auch für Horst Seehofer selbst gelten: Beim CSU-Netzkongress 2011 überraschte der damalige bayerische Ministerpräsident im Gespräch mit Telepolis nämlich mit der Information, dass er mit dem DosBox-Emulator alte PC-Games spiele (vgl. "Amiga, nicht Amigo!"). (Peter Mühlbauer)