Lenin zum Selberbasteln

Isaak I. Brodski: Der II. Kongress der Komintern ("Kommunistische Internationale"), eröffnet 1920 in Petrograd. Bild: Staatliches Historisches Museum, Moskau

Die Revolution von 1917 hat alle Gewissheiten gekippt. Aber selbst das ist ungewiss

Gregor Gysi ist zwischen Utopie und Realität hin und hergerissen: "Ich hoffe, dass einmal ein Versuch gelingt", sagt er - nicht nur - zur russischen Oktoberrevolution. Wolf Biermann ist von weniger Zweifeln geplagt: Lenin war erklärter Menschheitserretter. Menschenretter sind Terroristen, schließt Biermann den Zirkel kurz und begründet es biblisch: Jeder Versuch, das Paradies auf Erden zu realisieren, endet in Dystopie. Er sagte es auf einer der begleitenden Veranstaltungen zu der Ausstellung, mit der das Berliner "Deutsche Historische Museum" an den hundertsten Jahrestag der Russischen Revolution erinnert. Die Erinnerung hat Sprengkraft.

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Ganz so eindeutig sieht es Biermann nicht. Die vorhergehende Revolution im Februar 1917, die zur Abdankung des Zaren führte und von der Duma, dem ständisch geprägten Parlament, gestützt wurde, brachte bürgerliche Freiheiten auf den Weg. Das war nach Biermann die große Chance, die mit der Oktoberrevolution vertan wurde. Die Bolschewiki unter Lenins Anleitung scherten sich nicht um bürgerlich-repräsentative Mehrheitsverhältnisse und eroberten putschartig die Macht. Damit haben sie alle anderen Fraktionen gegen sich aufgebracht und die gemeinsame politische Basis gesprengt. Die Spaltung des Landes führte zum Bürgerkrieg, und die Spaltung Europas zum Zweiten Weltkrieg. Bevor es so weit war, entdeckte der eine totalitäre Herrscher, Stalin, auch noch seine Sympathien für den anderen totalitären Herrscher, Hitler. So kam es jedenfalls den Beherrschten in der Sowjetunion vor.

Wolf Biermann liegt mit seiner Präferenz für die Februar-Revolution sogar noch in der politischen Mitte, bei den heutigen russischen Liberalen. Für National-Konservative und Ultra-Rechte sind sowohl die Februar- als auch die Oktoberrevolution Teufelswerk. Revolution ist Herrschaft des Pöbels, ist eine nationale Schande. Solschenizyn lässt grüßen. Die Kommunisten schließlich erkennen ausschließlich die Oktoberrevolution als ihren Gründungsmythos an, während die politische Geschichtsschreibung des jetzigen Regimes sämtliche Ereignisse vor und nach der Oktoberrevolution zu einer "Großen Russländischen Revolution" verrührt, die alle Kontrahenten und auch Nationalitäten unter der Fahne des ruhmreichen Imperiums vereinen soll. Putin zieht es dabei mehr zu Stalin als zu Lenin, und er wird in dieser Auffassung von Umfragen gestützt.

Die Sowjetunion ist zerfallen und mit ihr die Meistererzählung von der "Großen Sozialistischen Oktoberrevolution". Sie wurde spätestens seit der Ära Jelzin zum Putsch, zum Staatsstreich abgewertet. Dieser war der Startschuss zum Terror. Liegt hier, an dieser Stelle, an der auch Wolf Biermann mit seiner Betrachtung einsetzte, eine Verdrängung vor, ein willkürlicher Bruch, der die Vorgeschichte ausblendet, um sie zu verklären?

Folgerichtig wandte eine Zuhörerin der Podiumsdiskussion ein, der Zar sei ihr zu kurz gekommen, und das war doch ein guter Mensch, wie dem Film "Mathilde" zu entnehmen sei. Die Zuhörerin bildet das, was sie sieht, geistig ab. Sie weiß, was sie sieht. Auf alle konträren Sichtweisen und divergenten Legenden der russischen Revolution dürfte eher die Umkehrung zutreffen, die Theodor Fontane formuliert hat: Man sieht, was man weiß. Er könnte ergänzen: Was man wissen will. Und obwohl "Mathilde" ein kitschiger Kostümfilm ist, hat er es dennoch geschafft, in Russland heftige Kontroversen auszulösen.

Es liegt auf der Hand, Revolutionen als Brüche der Geschichte zu interpretieren. Doch der Schein trügt. Die Geschichte ab der Zeit des Zarismus über die Revolution bis zum Großen Terror Stalins kann mit ebenso viel Beglaubigung unter dem Gesichtspunkt der politischen Kontinuität betrachtet werden, unbeschadet von Vor- und Rücksprüngen. Dann hätte die kommunistische Herrschaft trotz technischen Fortschritts autokratische Strukturen des Zarismus übernommen oder wieder etabliert. Diesen Verlauf hatte schon Tocqueville für die Französische Revolution konstatiert.

So betrachtet sind die Ursprünge des Terrors in der Zarenzeit zu suchen. Geheimpolizei und Lager sind zaristische Herrschaftsinstrumente, und die jahrhundertelange Knechtschaft der Bauern wurde erst 1861 mit dem Ende der Leibeigenschaft aufgehoben. Besser ging es dadurch nur einigen, denn das kleinbäuerliche Land kümmerte neben dem Großgrundbesitz. Landflucht führte zu neuem proletarischem Elend in den großen Städten. Demokratische Ansätze wurden bald vom Zaren zurückgenommen, und es waren Erhebungen wie die von 1905 am Ende des russisch-japanischen Krieges, welche die Revolutionen von 1917 vorausahnen ließen.

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