Lernen durch Lob

Hat sich im Netz unversehens eine andere Pädagogik entwickelt?

Viel hat man gehört über das Web 2.0 - ein Begriff, der mittlerweile nur noch in Ermangelung eines besseren benutzt wird - so viel, dass man zeitweise glauben konnte, es bestünde nur aus Diskussionen über sich selbst. Aber ein Aspekt der veränderten sozialen Beziehungen im sozialen Web wird selten beleuchtet: die Bedeutung der "Intelligenz der Schwärme" für die Lernprozesse der Schwarmmitglieder.

Dabei ist schon die Frage, ob Lernen im Netz überhaupt stattfindet, nicht trivial. Nach wir vor hat die Behauptung viel für sich, dass das Internet eine einzige riesige Zeitverschwendung ist, also Zerstreuung statt Konzentration, das Gegenteil von Bildung - nämlich ein gigantischer, entropiesüchtiger, kollektiv angerührter Mindfuck. Manche meinen, das sei auch genau gut so, denn in einer Gesellschaft ohne Arbeit sei nichts wichtiger, als gigantische, entropiesüchtige, kollektiv angerührte Mindfucks, weil sich sonst die User gegenseitig vor Langeweile auffressen würden.

Aber es gibt ja Orte im Netz, an denen tatsächlich gelernt wird - zweifellos sind das auch die Orte, die man irgendwie mit dem einst so hippen Web 2.0 in Verbindung bringen würde, dem sozialen Netz, das dann der asozialen Monetarisierung durch die Risikokapitalgeber verfiel, und dessen nicht verwertbare, geduldete Reste von den Risikokapitalgebern garantiert als Zeitverschwendung angesehen werden. Die Foto-Communities, die Blogs, all der Kram, der nach dem Abgeschöpftwerden immer noch weiterlebt, als sei er den Usern tatsächlich etwas wert auch nach der Inwertsetzung.

Wenn man sich länger in diesen Ecken herumtreibt, gar Mitglied bleibt, wenn der Hype vorbei ist, wenn man auf diese etwas lächerliche Art Veteran einer entfallenen "Revolution" wird, stößt man unweigerlich auf die Frage, ob dieses Veteranendasein nur ein Verharren im alten Sud ist, oder ob es noch etwas bringt. Nach Lehrer Lämpel liegt der Wert einer Sache vor allem in ihrem pädagogischen Nutzen. Und wie sieht der Klassenraum im Web 2.x aus? Und wo ist Lehrer Lämpel? Nehmen für den Moment einmal doch dieses Gerede von der "Intelligenz der Schwärme" ernst. Lassen wir einmal all die Hotspots des Web 2.x aus, wo die Wadenbeißer, die krankhaften Trolle und Nerds das Sagen haben. Was bleibt dann übrig? Orte, an denen viel gelobt wird.

Zum Beispiel die Foto-Communities wie Flickr oder auch JPGmag. Während in den projektbegleitenden Foren gestritten und gezofft werden kann wie überall sonst, sind die Kommentare unter den einzelnen Bildbeiträgen in aller Regel positiver, affirmierender Natur, mit starker Tendenz zum Ein-Wort-Lob: "Wow!" "Awesome!" "Cute!" Das kann man jetzt als blödes Gekuschel unter Fremden begreifen, als einen Geistertanz mit den immer gleichen, sinnentleerten Tanzfiguren, ebenso fragwürdig wie die "free hugs"-Bewegung.

Und der Verdacht liegt nahe, dass die meisten "Wow"-Sager im Grunde hauptsächlich selbst gelobt werden wollen. Aber man kann das auch als eine andere Art des sozialen Lernverhaltens begreifen. Man tut dem anderen nicht weh, weil man weiß, dass er in gleicher Art austeilen kann, und weil die Wadenbeißerei die eigene Community blitzschnell in eine Kopie des Usenets verwandeln wird, wo die wilden Trolle herrschen. Und so lobt man entweder, man schweigt oder äußert allenfalls milde Geschmacksurteile subjektiver Natur, die von vornherein keine Allgemeingültigkeit beanspruchen.

Ergebnis einer verinnerlichten Abschreckungsdoktrin oder der gelebte kategorische Imperativ? Schwer zu sagen. Auf jeden Fall ist es in dieser sozialen Breite neu. Die abendländische Pädagogik (und nicht nur die) ist trotz aller Reformanstrengungen eine des Schmerzes. Es geht im Kern um eine Meister-Schüler-Beziehung, bei der ein Meister vielen Schülern den Weg zeigt, hauptsächlich durch das Mittel der Kritik. Dass diese Form der Pädagogik wirksam ist, wird niemand bestreiten, aber demokratisch ist sie unter keinen Umständen. User-Cluster, die sich in einer Art "Palaverdemokratie" durch Lob (oder eben die Abwesenheit von Lob) selbst erziehen, sind in diesem Modell nicht vorgesehen.

Die Methode wird immer dem Verdacht der Wirkungslosigkeit verfallen, weil das Züchtigungsmittel der konkreten Kritik fehlt. Geäußert wird dieser Verdacht in der Regel von den Schulmeistern, die in der Palaverdemokratie arbeitslos sein würden. Wer auf diese Weise entmachtet wird, kann ganz schön ans Rotieren kommen. Wenn Elfriede Jelinek zum Beispiel einen Roman ausschließlich im Internet veröffentlicht, und sogar das Zitieren aus dem Text verbieten will, dann verursachen die Schulmeister schon mal einen Sturm im Wasserglas.

Und es ist noch gar nicht lange her, da war allen professionellen Textern und Fotografen völlig klar, dass Blogs und Foto-Communities nur Mist enthalten. Aber jetzt, nachdem all der Hype verflogen ist, stellt sich heraus, dass die Frage, ob man denn so fotografieren oder schreiben lernen könne, mit "Ja" beantwortet werden muss. Wer ein wenig Geduld mitbringt, wer immer wieder hinschaut, der entdeckt, dass unter den Umständen der Palaverdemokratie, des Lernens durch Lob Qualitätssprünge möglich sind. Freilich stellen sich die nicht gesetzmäßig ein, und sie brauchen ihre Zeit. Was auch genau der Grund dafür ist, dass diese Form des Lernens nicht auf die Fälle übertragen werden kann, in denen die Gesellschaft möglichst schnelle, prüfbare und normierte Ergebnisse haben will.

So gern man auch über "life-long learning", Schulreformen und Ahnliches diskutiert - das sind viele Fälle. Die Macht der Normierung ist ungebrochen, ob man sich nun die Schulen, die Berufsausbildungen oder die Universitäten (siehe Bologna-Prozess vorerst gescheitert?) ansieht. Am Ende wollen die Verantwortlichen einen bestimmten Schnitt, Kniff, ein Set von prüfbaren Kenntnissen sehen. Aber wer wissen will, wie Lernen wirklich anders funktionieren könnte, der kann sich einmal das Lernen durch Lob in den letzten Reservaten des Web 2.x anschauen.

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