Lernen im Lockdown: Etwas fehlt beim Online-Studium

Kommt nach der Pandemie das Präsenzstudium wieder?

Die Antworten fallen differenziert aus zwischen "Hoffentlich Rückkehr zum status quo ante" bis "Vollständige Rückkehr zum alten Level ist nicht möglich". Die meisten der Befragten haben hybride Unterrichtsformen im Sinn: Die Nutzung digitaler Medien wie Online-Vorlesungen und Lehrvideos sollte beibehalten werden, aber praktische Übungen und Gruppenarbeiten in Präsenz durchgeführt werden.

Ein Student im siebten Semester:

Ich würde mir wünschen, dass einige Professoren durch die Pandemie mehr Zugang zu digitalen Medien gefunden haben und die auch im "alten neuen" Level nutzen werden."

Generell:

Es ist Zeit geworden, die Lehre unserer technischen Entwicklung anzupassen.

Der Wunsch nach Rückkehr zur gewohnten Präsenz bei den Laborübungen und Werkstattarbeiten ist deswegen dringlich, weil die Räumlichkeiten nicht den Bedingungen der Pandemie gerecht werden oder gerecht gemacht werden können. Die Anpassung wird nach Aussage einer Studentin auch durch zu rigide Landesverordnungen zum Infektionsschutz erschwert. Zur Zeit gibt es keine Alternativen.

Verlängert sich das Studium durch die Corona-Semester?

Überwiegend bekunden die Befragten, im Zeitplan bleiben zu wollen, auch wenn ihr Leistungsantrieb herabgesetzt ist. Wenn die Hochschule nicht mehr so "präsent" ist, rücken andere private Verpflichtungen in den Vordergrund.

Zwar ist meine Motivation deutlich gesunken, meine Noten auch teils schlechter geworden, aber ich möchte mein Studium trotzdem pünktlich abschließen, auch weil studieren ohnehin nicht mehr so viel Spaß bringt wie zuvor und viele Vorteile schlicht wegfallen.

Studentin, drittes Semester

Einerseits bietet die Hochschule großzügige Regelungen zur Verschiebung von (Abschluss-)Prüfungen an, aber auf der anderen Seite geht das von der Lebenszeit ab.

Abschließend sei der Wunsch eines Erstsemesters vermerkt, etwa durch ein Video über die Möglichkeiten und Modalitäten des Studiums aufgeklärt zu werden. Auch seien organisatorische, verwaltungstechnische Dinge "irgendwie umständlicher geworden".

Fazit der Umfrage

Die Digitalisierung ist vorangekommen und die Übernahme der neuen Techniken durch die Studierenden verläuft weitgehend problemlos. Aber abgesehen vom groben Trend ergibt sich kein einheitliches Bild. In manchen Bereichen sind die Defizite erst im zweiten Digitalsemester richtig zum Vorschein gekommen.

Die Situation bleibt angespannt. Der zwiespältige Eindruck liegt nicht nur an den Tücken der Technik, sondern viel hängt vom "menschlichen Faktor" ab. Es wird auf Seiten der Lehrenden wesentlich darauf ankommen, wie souverän sie mit den für sie zusätzlichen Stressoren umgehen.

Der menschliche Faktor ist auch auf der studentischen Seite virulent. Das A und O der Lehre ist, seit es sie gibt, die Begegnung von Angesicht zu Angesicht, der Dialog, die Kooperation untereinander. Der Wegfall wird durch die Virtualisierung der Arbeits- und Begegnungsräume nicht ausgeglichen. Mit Nachdruck haben die Befragten auf die zunehmende soziale Isolation hingewiesen, die frustriert und die Motivation herabsetzen kann.

Der Berücksichtigung dieser psychischen Disposition sollte seitens der Lehrkörper ebenso viel Aufmerksamkeit gezollt werden wie der bloßen Bemühung, "den Laden am Laufen" zu halten. Wo gibt es Knotenpunkte, an denen sich Studierende wenn auch virtuell begegnen, wie sind diese vernetzt mit anderen Knotenpunkten, an denen sich dieselben Personen in Schnittmengen wieder begegnen können?

Aus virtuellen Begegnungen in kleinen Gruppen könnte sich bei der richtigen Ansprache die Beständigkeit persönlicher Bekanntschaften entwickeln. Unter neuen Bedingungen gilt es, Anreize zur Selbstorganisation der Studierenden zu schaffen.

Die Krise erhöht den Leidensdruck. Ist die Krise vorbei, sollte auch endgültig Schluss sein mit dem Paukstudium, das heute noch im Kern darin besteht, die Studierenden als Prüflinge zu individualisieren, zu isolieren und von der Gemeinschaft der Lernenden – und Lehrenden – abzugrenzen, die ihrerseits in Auflösung begriffen ist. (Bernhard Wiens)