Lernen von Josef Schumpeter

Kapitalismus ist produktives Chaos, nach Schumpeter kann der Sozialismus aber selbstverständlich funktionieren

"Lernen von Joseph Schumpeter", empfahl der Autor eines SPIEGEL-Artikels über den "Unordnungspolitiker" Schumpeter vor einigen Jahren seiner Leserschaft. Mit seinem Gedanken "Kapitalismus ist Chaos" habe der schon vor hundert Jahren die Grundfesten der Ökonomie erschüttert, und diese seine Kernidee (Kapitalismus ist Chaos und Unordnung) sei im Lauf der Jahre "zum Standardthema in fast allen Unternehmen" und zur "Standardfloskel in den Sonntagsreden fast aller Wirtschaftsminister" geworden. Heute sei sein "Konzept der schöpferischen Zerstörung" durch Innovation aktueller denn je: "Nur Unternehmen, die sich fortwährend in Frage stellen", bleiben stabil.

Tatsächlich, wem - aus welchen Motiven auch immer - an einem Fortbestehen dieses kapitalistischen Chaos' gelegen ist und der es perpetuiert sehen möchte, der bedient sich mit Vorliebe der markanten Formulierungen und der Autorität Joseph Schumpeters und darf sich im Konsens wähnen mit der durchschnittlichen, in der Tat breit rezipierten und nur leicht vulgarisierten Lesart des Schumpeterschen Nachlasses: Kapitalismus ist schöpferisches Chaos, nur das innovative Unternehmen überlebt, und dieser Prozess von Zerstörung und Auferstehung durch Innovation im chaotisch wachsenden Kapitalismus währet ewiglich.

Weniger breit rezipiert ist dagegen wohl der folgende Satz Joseph Schumpeters: "Kann der Kapitalismus weiterleben? Nein, meines Erachtens nicht." Und welcher Verfechter des kapitalistischen Chaos' mag sich gar erst durch diesen Satz Schumpeters seine Gemütsruhe stören lassen: "Kann der Sozialismus funktionieren? Selbstverständlich kann er es."

Mit anderen Worten: Wer sich auf Schumpeter beruft und stützt, um ewiges Wachstum, Wettbewerb und Gewinne und ein kapitalistisches Ende der Geschichte zu behaupten, kennt nur den halben Schumpeter und verleugnet dessen andere - und wichtigere - Theoriestücke. Denn Schumpeter verstand diesen Prozess der schöpferischen Zerstörung zwar tatsächlich als Charakteristikum der "kapitalistischen Maschine", die "unaufhörlich die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert, unaufhörlich die alte Struktur zerstört und neue schafft", aber er sah diesen Prozess weder als nicht weiter rechtfertigungsbedürftigen höheren Selbstzweck, noch als tatsächlich ewig und unaufhörlich.

Schumpeter nahm an, dass die Gesamtproduktion der Volkswirtschaften im Verlaufe dieses evolutionären Prozesses eines Tages an innere Grenzen der Ausdehnung stoßen werde, und zwar gerade eben durch ihren Erfolg: nämlich durch Erreichen von Sättigungsgrenzen der Massenmärkte, deren Nachfrage die kapitalistische Maschine an erster Stelle in Bewegung hält (im Gegensatz etwa zum Luxuskonsum).

"Die Probleme der Versorgung der Massen mit Gütern sind eines nach dem anderen erfolgreich dadurch gelöst worden, dass sie innerhalb des Wirkungskreises der kapitalistischen Produktionsmethoden gebracht worden sind", sagt Schumpeter dazu, und wenn diese Probleme tatsächlich eines Tages dauerhaft und nachhaltig gelöst und nicht etwa nur vorübergehend funktional gestört und unterbrochen sind, wenn also keine Produktinnovation mehr in der Lage ist, eine ganze Boom-Phase lang die Massennachfrage wirksam zu stimulieren, dann haben wir es zu tun mit einem bleibenden, dauerhaften und durch äußere politische Eingriffe der Konjunkturbelebung nicht mehr lösbaren Problem: nämlich mit einer säkularen Stagnation.

Deren Folgen und markante äußere Symptome sind die bis gegen Null oder sogar noch darunter sinkenden Zinssätze, die möglicherweise durch die schleichende Abschaffung des Bargeldes nun ermöglicht werden sollen, und insgesamt schwindende Investitionschancen - ein Problem, das in den Wirtschaftsseiten der Zeitungen tagaus tagein lauthals beklagt wird, mit ständig neuen Kandidaten für entweder die zündende Lösungsmaßnahme ("Tax Cut!") oder die dafür Verantwortlichen (in Europa mit Vorliebe die EZB).

Schumpeter glaubte, dass nach Erreichen dieser - sich ihrerseits über Jahrzehnte hinziehenden - Phase die "Mauern der schützenden Schichten" durch Medien und die ideologische Affirmation der Intellektuellen anfangen werden zu bröckeln, und die "Schicht der Bourgeoisie, die von Gewinnen und Zinsen lebt, hätte die Tendenz zu verschwinden". Der Kapitalismus werde verkümmern, für die Unternehmer werde nichts mehr zu tun übrig bleiben, wie für Generäle im ewigen Frieden, und Profite und Zinsfuß würden sich dem Nullpunkt nähern.

Beinahe automatisch entstünde ein Sozialismus sehr gemäßigten Typs. Die menschliche Energie würde sich von der Wirtschaft abwenden. Das Streben nach anderen als wirtschaftlichen Zielen würde die Geister anziehen und das Abenteuer bieten.

Schumpeter

Bezüglich des Verschwindens des persönlich haftenden Unternehmers aus den Chefetagen, der Stagnation und der Nullzinsphase ("Minuszinskapitalismus") hat sich Schumpeters Prognose offenbar bestätigt, aber schon bei den Profiten scheint die Schicht der Bourgeoisie Mittel und Wege gefunden zu haben, diese trotz Stagnation weiter sprudeln und wachsen zu lassen.

Und wie dramatisch hat Schumpeter im Übrigen die Phantasie und den Willen dieser Schichten unterschätzt, ihre Macht, ihre schützenden Schichten in Wissenschaft, Politik und Medien immer effizienter auszubauen, mit genau dem Ziel, Profite und Vermögenserträge ad Infinitum immer weiter hochzuschrauben; künstliche, meist finanzwirtschaftliche Investitionsmöglichkeiten zu schaffen, die realwirtschaftlich wertlos bis schädlich sind, die Schätze des öffentlichen Eigentums dem privaten Zugriff preiszugeben und die Gewinne nun auf Kosten derjenigen Schichten zu steigern, die die Werte schaffen, nämlich der arbeitenden Bevölkerung, die inzwischen seit mindestens drei Jahrzehnten vom Ertrag der noch erreichten Produktivitätszuwächse mehr oder weniger komplett abgeschnitten sind …

Anzeige