Lesbos: Flüchtlinge stellen Asylanträge

Die ersten Fähren mit abgeschobenen Flüchtlingen sind in der Türkei angelangt. Im Aufnahmelager Moria versuchen Flüchtlinge mit Asylanträgen der drohenden Abschiebung zu trotzen

Heute legten die erste Fähren von den griechischen Ägais-Inseln ab, um illegal eingereiste Flüchtlinge gemäß dem EU-Türkei Abkommen ins türkische Dikili zu bringen (EU-Türkei-Vereinbarung: Die Rückführungen beginnen). Der von manchen befürchtete Widerstand angesichts einer "explosiven Stimmung" unter den Flüchtlingen blieb aus.

Nach einem Bericht des türkischen Journalisten Deniz Yücel wurden in Dikili 265 Flüchtlinge erwartet: An Bord der ersten Fähre seien nach Frontex-Angaben 68 Personen gewesen, vornehmlich Migranten aus Pakistan und Bangladesch. An Bord einer zweiten Fähre sollen 61 Personen sein, ein weiteres Boot mit 136 Personen sei von der Insel Chios gekommen.

Auffallend ist einmal mehr die Ungenauigkeit der Informationen, wenn es um Zahlen geht. So schreibt Yücel im Weiteren, dass heute 338 Menschen in Dikili erwartet werden. Andernorts ist von 500 Flüchtlingen bzw. Migranten die Rede, die in Türkei zurückgebracht werden.

Die griechische Zeitung Ekathimerini berichtet von zwei Fähren mit 131 Passagieren (begleitet von einem Hubschrauber und zwei türkischen Küstenwachbooten) und einer mit 66 Personen von der Insel Chios, die nach Angaben eines Beamten der griechischen Küstenwache bereits am frühen Morgen abgelegt habe. Das ergäbe dann 197 Flüchtlinge, die in die Türkei gebracht werden.

Es ist irritierend, wenn es schon bei übersichtlichen Zahlen solche differierenden Angaben gibt. So ist auch bislang nicht klar, ob es nur Pakistaner waren, die sich an Bord einer Fähre befanden, wie die 13 Uhr-Nachrichten des Bayerischen Rundfunks meldeten, oder auch Afghanen und Menschen aus Bangladesch, wie Yücel berichtet.

Dass nicht klar ist, was mit den in die Türkei abgeschobenen Flüchtlingen aus Pakistan und Afghanistan genau passiert, passt ins diffuse Bild. Sie werden in türkische Abschiebezentren gebracht, so viel wird berichtet. Was aber mit ihnen geschieht, wenn Afghanistan oder Pakistan die Migranten nicht zurücknehmen? Sicher ist nur, die öffentliche Aufmerksamkeit wird sie vergessen.

Einig sind sich verschiedene Berichte über den bemerkenswert geringen Anteil syrischer Flüchtlinge, die heute in die Türkei abgeschoben wurden, nämlich nur zwei, wie die Tagesschau und Die Welt melden.

Die Zahl ist wegen des eins-zu-eins-Austausch-Abkommens zwischen der EU und der Türkei von Interesse. In Hannover landeten bis heute Mittag zwei Maschinen mit je 16 syrischen Flüchtlingen aus der Türkei. Wie diese Zahl erklärt wird, ist noch offen.

Indessen heißt es, dass eine zahlenmäßig noch unbekannte Menge von Flüchtlingen im Lager Moria auf der Insel Lesbos Asylanträge stellten, um der Abschiebung in die Türkei zu entgehen oder sie zu verzögern. Die österreichische Zeitung Standard berichtet, gestützt auf die Chefin der für Migration zuständigen Abteilung der griechischen Polizei, Zacharoula Tsirigoti, davon, dass "massenweise Asylanträge" gestellt würden. Die erste Reaktion von Melissa Fleming vom UNHCR zeigt an, dass dies Probleme stellen könnte.

Denn es fehlen Mitarbeiter in Moria, um die Asylanträge bearbeiten zu können. In Moria sollen sich ungefähr 2.600 Flüchtlinge und Migranten aufhalten. Nachdem das EU-Türkei-Ankommen vom UNHCR wie von Menschenrechtsorganisationen, Pro-Flüchtlingsorganisationen und von deutschen Oppositions-Politikern scharfer Kritik unterzogen wurde, weil internationale Richtlinien nicht genügend beachtet würden, wird nun mit einiger Spannung erwartet, wie mit den Asylanträgen verfahren wird.

(Ergänzung: Laut Tagesschau, die sich auf Informationen des griechischen Stabs für die Flüchtlingskrise beruft trafen in den letzten 24 Stunden 339 neue Asylsuchende vom türkischen Festland auf griechischen Inseln ein. Am Sonntag zählte man 514 Neuankömmlinge, am Samstag 566.) (Thomas Pany)

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