Lesbos: Station auf der Flüchtlingsroute nach Mitteleuropa

Foto: Elke Dangeleit

An der Grenze zum Machbaren: Die wohlwollende Stimmung in der Bevölkerung der Insel kippt und weicht einer Resignation. Behörden und Hilfsorganisationen sind heillos überfordert

Die griechische Insel Lesbos liegt gegenüber der türkischen Küste. Die Ankunft mit der Fähre von Ayvalik (Türkei) im Hafen von Mytilini, der Hauptstadt der Ägäis-Insel Lesbos, ist die Ankunft in ein Drama.

Die kleine Fähre mit einigen Touristen und Inselbewohnern, die zum Einkauf auf dem türkischen Festland waren, hält neben einer riesigen Fähre nach Athen. Auf dem hinteren Deck drängen sich ca. 400 Flüchtlinge, die sich ein Ticket ergattern konnten - nach einer tagelangen Odyssee durch die Insel - unter menschenunwürdigen Bedingungen.

Einen ersten Eindruck, was uns auf der Insel erwartet, bekommen wir schon am Hafen von Mytilini: Rechts von Zoll- und Passkontrollengebäude warten hunderte Flüchtlinge am Kai hinter einem Maschendrahtzaun, rechts ein Berg zerstörter Schlauchboote.

Die Weiterfahrt nach Skala Sikamineas führt vorbei an dem heillos überfüllten Flüchtlingslager von Mytilini. 5.000 Menschen warten dort auf ihre Registrierung und ein Ticket nach Athen. Immer wieder begegnen wir Gruppen von Menschen mit kleinen Kindern, die auf der gefährlich kurvenreichen Straße zu Fuß Richtung Mytilini unterwegs sind. In Buchten am Strassenrand lodern Lagerfeuer - die Waldbrandgefahr ist groß.

Skala Sikamineas ist ca. 50 km von Mytilini entfernt und liegt im Nordosten der Insel. In Serpentinen schlängelt sich die Strasse vom kleinen Hafen hoch zur Hauptstrasse nach Mytilini. An der Kreuzung ist ein Sammelpunkt der Flüchtlinge. Müll säumt die Strassen, es stinkt nach Kot und Urin, weil die Menschen ihre Notdurft in jeder kleinen Nische, im Gebüsch verrichten müssen.

Auf einem Plateau in einer Kurve der Serpentinenstrasse türmen sich aufgeschlitzte Schlauchboote, Schwimmwesten, Rettungsdecken, zurückgelassene Kleidung - es stinkt erbärmlich nach Gummi, keiner weiß, wohin mit dem ganzen Abfall. Die Dorfbewohner haben Angst, dass sich über den Müll und die Fäkalien Krankheiten übertragen könnten, dass die Erde in den Feldern, Wegen und Vorgärten kontaminiert werden und das Grundwasser verseucht werden könnte.

Foto: Elke Dangeleit

In einer Müllsammelaktion hatte die Dorfbevölkerung versucht, den Weg vom Hafen bis zur Kreuzung zu säubern - ein hoffnungsloses Unterfangen, denn ständig kommen neue Boote mit 50-80 Menschen an Bord, die sich angesichts der Hitze allen unnötigen Ballasts entledigen. Dorfbewohner haben am Strand Müllsäcke und Schilder in Arabisch und Farsi mit Piktogrammen aufgestellt, damit der Müll gleich dort entsorgt wird, doch sie werden von den Flüchtlingen kaum wahrgenommen.

Auch hier, wie auf der Insel Kos (Die Mehrklassengesellschaft des Flüchtlingslebens) kommen die Einheimischen, um sich die Motoren oder anderes Brauchbares zu holen. Aber es gibt die Regel, dass derjenige, der sich Dinge einpackt, auch das Schlauchboot auf die Sammelstelle entsorgen muss. Das funktioniert scheinbar (noch) ganz gut, denn im Dorf ist das Gesprächsthema - wer war vor Ort und wer hat was mitgenommen.

An der Kreuzung drängen sich hunderte von Menschen im kargen Schatten am Strassenrand, darunter viele erschöpfte Kleinkinder. Die Bevölkerung und freiwillige Helfer der Initiative ‚Help for refugees in Molyvos’ versorgen die Menschen mit Wasser, Keksen und Sandwiches für den Marsch nach Moria, einem Dorf bei Mytilini, wo das zentrale Aufnahme- und Registrierungszentrum ist. Busse, die die Flüchtlinge aufsammeln können, kommen hier selten vorbei. UNHCR und ‚Ärzte ohne Grenzen’ haben zwar Busse gechartert, aber die kommen meist an anderen Anlandestellen zum Einsatz.

Die meisten Flüchtlinge, die im Moment anlanden sind Syrer aus Damaskus und Aleppo, aber auch Afghanen, Iraker und Pakistani sind darunter. Schon der Weg durch die Türkei ist beschwerlich, wer das Geld besitzt, fährt mit dem Überlandbus nach Istanbul, der Rest macht sich zu Fuß auf den Weg.

Von Istanbul aus werden sie von Schleppern, die ihren Sitz in Istanbul haben, für 1500-2000 Euro mit Bussen von Istanbul incl. Überfahrt zum Ablegeort der Schlauchboote nahe Assos gebracht. Schon dort herrschen unvorstellbare Zustände: es gibt keine Toiletten, kein Wasser, keine Versorgungsmöglichkeiten für die Menschen, die in der glühenden Hitze auf das Schlauchboot warten - manchmal tagelang.

Die türkischen Behörden fühlen sich nicht zuständig. Ein Mädchen aus Damaskus berichtet an der Kreuzung nach Mytilini, dass sie von der türkischen Polizei geschlagen wurden. Voller Hoffnung erzählen die Kinder, dass sie nun in Sicherheit seien und weiter nach Deutschland möchten.

Foto: Elke Dangeleit

Das möchte auch der kurdische Syrer aus der Umgebung von Kobane, der vor dem IS geflohen ist und alles verloren hat - der IS hat sein ganzes Dorf zerstört. Diesen Nachmittag kommen noch 7 weitere Boote mit ca. 60 Insassen an, überwiegend ärmere Syrer und ein paar Afghanen.

Mittlerweile versuchen die Flüchtlinge im Dorf in die Gärten zu gelangen, um ihre Notdurft zu verrichten oder sich mit reifen Früchten zu versorgen.

Viele Häuser im Dorf stehen leer, weil die Besitzer auf dem Festland oder in Europa arbeiten. Das Dorf zählt mittlerweile nur noch ca. 250 Einwohner, die Zahl der Flüchtlinge übersteigt die Einwohnerzahl bei weitem.

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