Lesen und lesen lassen

Einer aktuellen Studie zufolge werden in Deutschland Bücher eher gekauft als gelesen

Bücher sind echt praktisch. Mit ihrer Hilfe kann man wackelige Sofas stabilisieren, bunte Herbstblätter pressen, die Raumakustik verbessern, Regalwände dekorativ befüllen und seinen Gäste imponieren. Natürlich kann man sie auch verschenken, zum Beispiel um mit seiner Wahl den Beschenkten zu beeindrucken, oder einfach so, weil einem nichts Besseres einfällt. Natürlich kann man sie auch lesen, doch glaubt man einer aktuellen Studie des Deutschen Börsenvereins zum Umgang der Deutschen mit dem Kulturgut Buch, dann macht man sich damit fast schon zum Außenseiter

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Jeder Vierte in Deutschland verfügt über 200 bis 500 Bücher. In 14 Prozent der deutschen Haushalte sind sogar kleinere Bibliotheken mit über 500 Büchern vorhanden. (Bild: Katja Schmid)

Die Wissenschaft hat jedenfalls festgestellt, dass 36 Prozent der Deutschen so genannte "Gelegenheitsleser" sind. Damit stellen sie die größte Gruppe der acht Buchtypen, die die Macher der Studie "Buchkäufer und Leser 2005 – Profile, Motive, Wünsche" identifiziert haben wollen: Buchresistente, Gelegenheitsleser, Ausleihende Leseratten, Wenignutzer, Durchschnittsnutzer, Kauffreudige Leseratte, Regalsteller und Buchkaufende Nichtleser.

Die Buchtypen im Detail:

  1. Buchresistente (9% der Befragten) haben schlichtweg kein Interesse an Büchern. Der Männeranteil liegt bei 55 Prozent.
  2. Gelegenheitsleser (36% der Befragten, insgesamt die stärkste Gruppe) lesen nur ab und zu und kaufen auch nur manchmal ein Buch. Die Gründe: entweder es handelt sich um arme Studenten und Schüler, die sich nur alle Jubeljahre ein neues Buch leisten können. Oder um berufstätige Familienväter, die ihre Freizeit lieber nicht-lesend verbringen.
  3. Ausleihende Leseratten (21% der Befragten) sind überwiegend weiblich (61%), haben ein Durchschnittseinkommen und besitzen zu 57 Prozent mehr als 200 Bücher.
  4. Auch die so genannten Wenignutzer sind überwiegend weiblich (55%), meist älter als 50 Jahre, verfügen über durchschnittliche Einkünfte, besitzen in der Regel (zu 72%) bis zu 200 Bücher und gehen gerne ins Kino und Theater. Für Wenignutzer ist Lesen also nur eine von vielen Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben.
  5. Auch der Durchschnittsnutzer ist überwiegend weiblich (57%) und über 50 Jahre alt (58%). Das Einkommen entspricht dem Durchschnitt, und meist sind über 200 Bücher im Haushalt vorhanden (58%). Ebenso wie der Wenignutzer geht der Durchschnittsnutzer gerne ins Kino und Theater, hat aber insgesamt mehr übrig für Bücher als der Wenignutzer.
  6. Für den Buchhandel interessant ist die kauffreudige Leseratte, die besonders häufig in der Altersgruppe 30-49 und 50plus zu finden ist. Fast jede vierte kauffreudige Leseratte verfügt über ein Einkommen von über 3.500 Euro netto, mehr als die Hälfte der Haushalte besitzt über 500 Bücher. Und jetzt kommt das Beste: "Lesen ist für die Kauffreudige Leseratte ein Hobby, sie kennt sich sehr gut im Buchangebot aus und informiert sich ständig über Neuerscheinungen."
  7. Etwas bizarr ist der so genannte Regalsteller. Ein Teil davon kauft Bücher in der festen Absicht, diese auch wirklich zu lesen, doch leider übernimmt er sich, und so steht ein Großteil der Anschaffungen ungelesen im Regal rum. Der andere Teil der Regalsteller macht sich erst gar nichts vor und kauft Bücher zu Dekorationszwecken. Insgesamt sind die Regalsteller überwiegend weiblich (56%) und über 50 Jahre alt (58%). Bildung und Einkommen entsprechen dem Durchschnitt, und 57 Prozent der Befragten besitzen mehr als 200 Bücher.
  8. Die kleinste Gruppe unter den Befragten sind mit einem Anteil von 2 Prozent die Buchkaufenden Nichtleser. Nur in dieser Gruppe ist das Geschlechterverhältnis ausgewogen. Fast 60 Prozent der Befragten sind älter als 50, damit ist dies die insgesamt älteste Gruppe. Wenn Bücher gekauft werden, dann zum Verschenken oder zum ins Regal stellen. Bevorzugt werden teure Hardcover, die auch ordentlich was hermachen. Oft kommt es jedoch nicht zum Kauf, weil die Herrschaften aus Zeitmangel die Buchhandlung verlassen, bevor sie etwas ausgewählt haben.

Welche Lehre kann man aus diesen Daten ziehen? Vielleicht die, dass im Hinblick auf Bücher Imponiergehabe und Zeitnot eine größere Rolle spielen als bisher angenommen. Und dass das amüsante Wörterbuch von Douglas Adams, das in seiner kongenialen deutschen Version Der tiefere Sinn des Labenz (Originaltitel: The Deeper Meaning Of Liff) heißt, genau dazu schon vor Jahren ein paar treffende Einträge hatte.

Es ist schon ein Kreuz mit den Büchern: irgendwann biegen sich die Regale unter der Last, und die Nachbarn in der darunterliegenden Wohnung sind ernsthaft gefährdet. Arno Schmidt hatte übrigens so viele Bücher in seiner Wohnung angesammelt, dass ihn seine Nachbarn – aus Angst, von der Bibliothek erschlagen zu werden – rauswerfen ließen. (Bild: Katja Schmid)

Nur zur Erinnerung: nach Douglas Adams ist ein Labenz ein "allgemein bekannter Gegenstand oder eine vertraute Erfahrung, für den oder die bisher noch keine Bezeichnung existiert". Und weil kaum jemand was anfangen kann mit Ortsnamen, haben Adams und sein deutscher Übersetzer zur Benennung dieser Phänomene kurzerhand auf Ortsnamen zurückgegriffen.

In der deutschen Version wird der Ortsname "Isny" definiert als "die Zeit, die vergeht, bis man in der Fotoabteilung eines Kaufhauses bedient wird. Auch: Zeitraum bis zur Abschaffung der Einkommensteuer oder zur Wiederkunft Christi." Ergänzend könnte man hinzufügen: Isny = Zeit, die vergeht, bis man in einer Buchhandlung bedient wird. Kein Wunder, dass besonders ältere Herrschaften öfter die Geduld verlieren (sie wissen nämlich nur allzu gut, dass sie nicht mehr ewig leben) und den Laden ohne Buch verlassen. Insofern ist der Buchhandel selber schuld, wenn der kaufwillige Buchkaufende Nichtleser zum Nichtkaufenden Nichtleser wird.

Das andere Labenz, das Adams zur Debatte beizusteuern hat, ist das Adjektiv "Hennef", das für folgendes Phänomen steht:

Hennef (Adj.)
Etwas mit seitlich geneigtem Kopf und auf dem Rücken verschränkten Armen betrachtend. Beschreibt die Körperhaltung, die man beim Inspizieren der Bücherregale anderer Leute einnimmt.

Laut Buch ist "Hennef" ein Adjektiv, einfacher ist jedoch der Gebrauch als Substantiv, zum Beispiel könnte man über einen Regalinspizierer sagen, dass er "den Hennef" macht. Regalsteller sind höchstwahrscheinlich regelmäßig mit Hennef-Reaktionen konfrontiert. Jammern gilt in diesem Fall nicht, denn sie haben es ja nicht anders gewollt. Jedenfalls jene, die zur Teilgruppe derer gehören, die Bücher nur deshalb kaufen, weil sie im Regal so gut aussehen. Der andere Teil der Regalsteller, der die besten Vorsätze hat, aber leider leider nicht hinterherkommt mit dem Lesen, hat nicht nur das Problem, dass er irgendwann keine Stellfläche mehr hat im Regal. Er muss sich von weniger lesenden Besuchern auch noch die Frage gefallen lassen, ob er denn alles, was da im Regal rumsteht, bereits gelesen habe.

Der Vielleser, Vielschreiber und vermutlich auch Vielkäufer Umberto Eco hat in einem Interview vor mindestens zehn Jahren ein paar freche Antworten auf diese nervige Frage präsentiert. Die beste lautete sinngemäß: "Ich glaube an Osmose. Ich muss diese Bücher also gar nicht lesen. Vielmehr wandert ihr geistiger Inhalt im Laufe der Zeit ganz von allein in meinen Kopf hinein." Genial! So macht er das also. Folglich lohnt es sich also doch, wichtige Prüfungslektüre unters Kopfkissen zu stecken und darauf zu schlafen.

Redakteure haben nie genug Zeit, um alles zu lesen, was so gelesen werden will und stapeln die Bücher im Regal mitunter sogar in zwei Reihen hintereinander (Bild: W.D.Roth)

(Katja Schmid)

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