Let’s Atomize!

Angesichts der krisenbedingt eskalierenden geopolitischen Spannungen droht ein verheerender nuklearer Großkrieg

Es ist die Banalität der nuklearen Apokalypse: Als ob es sich um den Wetterbericht handeln würde, wird in Medien und Politik über einen drohenden Großkrieg, über einen nuklearen Schlagabtausch zwischen Ost und West debattiert.

Die Vereinigten Staaten und Russland würden sich auf den "Weltuntergang" vorbereiten, betitelte jüngst die Webpräsenz der US-Zeitschrift Foreign Policy einen Bericht, der die Aufkündigung eines nuklearen Abrüstungsabkommens durch Russland thematisierte. Die USA verfügen über 88 metrische Tonnen waffenfähiges Plutonium, woraus sich gut 22.000 neue Atomsprengköpfe fertigen ließen. Russlands Vorräte sollen sich auf 128 metrische Tonnen belaufen. Dieses Material wird nun nicht - wie vertraglich vereinbart - entsorgt werden.

Derzeit verfügten die Vereinigten Staaten über rund 4.500 Nuklearwaffen, so Foreign Policy, wobei Russland über ein ähnliches Arsenal verfügen solle. Dieses Vernichtungspotenzial scheint den "Militärisch-Industriellen-Komplexen" beider Großmächte somit nicht mehr auszureichen. Bei der drohenden Weltvernichtung will man offensichtlich in Ost wie West auf Nummer sicher gehen, weswegen schon seit längerer Zeit auch die Modernisierung der nuklearen Massenvernichtungswaffen global forciert wird (Welt vor neuem Weltkrieg?). Und da ist ja noch Luft nach oben: Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges verfügten USA und Sowjetunion jeweils über mehr als 30.000 Nuklearwaffen.

In Russland wird inzwischen offen über einen nuklearen Schlagabtausch mit den USA debattiert. Während in den Staatsmedien Szenarien eines Atomkrieges diskutiert werden, zu dem der komplexe Mehrfrontenkrieg in Syrien eskalieren könnte, leiteten die russischen Behörden erste Vorsichtsmaßnahmen ein.

Seit September wurden russlandweit umfassende Zivilschutzübungen durchgeführt, an denen rund 40 Millionen Menschen teilnahmen. Bei Militärübungen in Südrussland wurde ein Großkriegsszenario durchgespielt, während der Gouverneur von St. Petersburg die Lebensmittelrationen bekannt gab, die im Fall eines Krieges an die Bevölkerung verteilt würden (300 Gramm Brot täglich).

Auch der Politclown des Kreml, der für seine Eskapaden bekannte Vladimir Schirinowski, spielte jüngst mit dem Weltuntergang: Die Amerikaner sollen Trump wählen oder sich auf einen Atomkrieg vorbereiten, polterte der vom Kreml tolerierte Ultranationalist.

In Reaktion auf die provokative Aufstellung einer US-Raketenabwehr in Polen und Rumänien - direkt an Russlands Grenze - hat der Kreml zudem angekündigt, seine Atomraketen nach Kaliningrad zu verlegen, um westeuropäische Städte binnen weniger Minuten ausschalten zu können.

Überdies haben nun Russland und China angekündigt, bei der Suche nach Strategien und Methoden zu kooperieren, mit denen die US-Raketenabwehr umgegangen werden kann. Das amerikanische Raketenabwehrsystem wird nicht nur von Moskau, sondern auch von Peking als eine strategische Bedrohung der nuklearen Abschreckungsfähigkeit erkannt.

Auch in den USA wird das Thema inzwischen debattiert, wenn auch vor allem im Kontext des zu einer reinen Schlammschlacht degenerierten "Wahlkampfes" zwischen dem Halbfaschisten Trump und der Establishment-Kandidatin Clinton, die nur mittels massiver Wahlmanipulationen den linken Mitbewerber Bernie Sanders aus dem Feld schlagen konnte (USA: Die vertane letzte Chance).

Die Auseinandersetzung dreht sich hierbei um die Frage, welcher der beiden Kandidaten die größere Gefahr darstellt und eher geneigt sein würde, auf den großen roten Knopf zu drücken. Vor wem muss also der Wähler mehr Angst haben?

Der New Yorker sieht dabei den psychisch labilen Frauenfeind Donald Trump klar in Führung, da dieser bereits mehrfach ankündigte, notfalls Atomwaffen einsetzen zu wollen. Trump weise "eine große Nähe zum nuklearen Knopf" auf, so der New Yorker. Berichten zufolge solle Trump bei einer Besprechung mit Außenpolitikexperten gefragt haben, wieso die USA nicht ihre Atomwaffen einsetzten, wenn sie über diese schon verfügten.

Die im US-Wahlkampf marginalisierte Präsidentschaftskandidatin der Grünen Partei, Jill Stein, sieht hingegen in Hillary Clinton das größere, nukleare Übel. Die als "Falke" eingeschätzte und von konservativen Kräften gestützte Clinton sei "angsteinflößender", so Stein, da die ehemalige First Lady bereit sei, mit Russland einen "Luftkrieg" um und in Syrien zu beginnen. Unter Clinton könnten die USA sehr schnell "in einen Nuklearkrieg wegen ihrer Syrienpolitik hineinschlittern", so Stein wörtlich.

Die wachsende Gefahr eines großen Krieges zwischen den USA und Russland resultiert derzeit aus der Eskalation in Syrien, wo eine nahezu unentwirrbare Verflechtung von Interessen kaum ohne massiven Machtverlust einer oder mehrere Konfliktparteien überwunden werden könnte.

In gewisser Weise ist in Syrien die unipolare Weltordnung bereits aufgehoben - die Hegemonie der USA ist hier schon Geschichte. Neben Russland, das erfolgreich seine militärischen Kapazitäten demonstriert und das amerikanische Monopol auf imperiale Gewaltanwendung in der Region bereits gebrochen hat, verfolgen auch die Regionalmächte wie die Türkei, der Iran und Saudi Arabien ihre eigenen Ziele in der Region.

Russland bemüht sich in Kooperation mit dem Assad-Regime und dem Iran zurzeit, möglichst große militärische Geländegewinne vor den Präsidentschaftswahlen zu erringen, um die künftige Administration vor vollendete Tatsachen zu stellen und dem syrischen Regime eine möglichst gute Ausgangsbasis für Verhandlungen zu verschaffen. Das Kalkül des Kreml ist klar: Die "lahme Ente" Obama werde eine Eskalation des Konflikts in Syrien so kurz vor dem Urnengang nicht wagen.

Dieses russische Roulette des Kreml könnte nach hinten losgehen. Wie Reuters jüngst meldete, finden in Washington gerade Beratungen darüber statt, ob nicht doch eine militärische Eskalation in Syrien gesucht werden müsse, um Washingtons schwindenden Einfluss im Mittleren Osten wiederherzustellen.

Demnach gebe es Planspiele, das Militär und die Milizen des syrischen Regimes anzugreifen. Russland hat wiederum ausdrücklich davor gewarnt, die syrischen Regimekräfte anzugreifen. Während also in Russland nukleare Bedrohungsszenarien hochgekocht werden, überlegen die USA, ob sie die von Russland aufgestellten "roten Linien" in Syrien bewusst überschreiten sollen. Genau so werden Weltkriege vom Zaun gebrochen.

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