Let's talk about Sex, Lenin

Ostalgische Anmerkungen zum 13. Jahrestag der Annexion der DDR

"Goodbye Lenin" ist der Kassenknüller Auf Zelluloid entsteht die DDR wieder. Die Gegenkampagnen von Birthler und Co. hatte keine Chance, weder mit Wallraff noch mit den imaginären Stasi-Killern konnte sie gegen die wiederauferstandenen Genossen punkten. Schick, schick, der Bolschewik?

Leider nein. Die neue Ostalgie ist vor allem Kintopp, mehr Sehnsucht nach der heilen Ost-Welt als nach der sozialistischen DDR. Zeit also, einen Schritt weiter zu gehen. You say goodbye and I say hello: zu Wladimir & Rosa und zu Erich & Margot, und schöne Grüße an Egon Krenz in den Knast. Hast große Zähne, mein Lieber, aber der richtige Biss hat dann doch gefehlt. Wo war Felix Dscherschinsky am 9. November Neunundachtzig?

Jetzt fängt der Elsässer schon wieder an, stöhnt der Telepolis-Leser. Immer diese linke Scheiße. Ewiggestrig. Ultraorthodox. Unverbesserlich. Mag ja alles richtig sein, aber ich bitte um einen Augenblick Geduld: Es geht in diesem Artikelchen gar nicht um Politik. Da werden wir uns eh nicht einig. Jeder hat eben eine andere Meinung zu links und rechts, zu Ost und West. Reden wir also über ein Thema, von dem wir alle zwar nichts verstehen, aber das jeder und jede aus eigener Erfahrung ein bisschen beurteilen kann. Let's talk about sex. Schließlich sind wir hier im Internet, nur einen Mausklick vom Ausleben aller basic instincts entfernt. Wenn Heise seine Kunden halten will, soll Elsässer dem nicht im Wege stehen.

Betty weiß es besser

Donnerstagnacht, am Vorabend des diesjährigen Einheitsfeiertages, hatte "Wa(h)re Liebe" fast nur ein Thema: Sex im untergegangenen Arbeiter-und-Bauern-Staat. Sexpertin Lilo Wanders annoncierte den Auftaktbeitrag "Geile Ost-Frauen" so: "Drei Ex-DDR-Mädchen behaupten: Im Bett sind West-Frauen absolute Nieten! Die drei, die das sagen, sind Mitte zwanzig und haben ihre Kindheit noch in der DDR genossen. In fast allem unterscheiden sie zwischen Ost und West, besonders in Sachen Sex.

Ost-Busenstar Betty Ballhaus wurde als Kronzeugin der Anklage gegen den Westen aufgeboten. Sie glaubt, dass Ostfrauen bewusster und intensiver flirten, was auf ein größeres Selbstbewusstsein zurückzuführen sei. Westfrauen dagegen wollen erobert werden und sind somit eher passiv. Dagegen ließ Frau Wanders Jürgen Klebe aufmarschieren, den Chefredakteur der St. Pauli Nachrichten . Er "betrieb zu diesem Thema Recherche für sein Blatt", hieß es bei "Wa(h)re Liebe". Gegen Betty und Co. wendete er ein:

Behaupten lässt sich vieles. Beweisen wenig. Es ist eher eine Glaubensfrage. Dennoch hält sich hartnäckig die Meinung, dass Frauen aus der ehemaligen DDR in Sachen Sex schneller zur Sache kommen und direkter sind, als ihre westdeutschen Geschlechts-Genossinnen.

Das Magazin schloss sich im wesentlichen der Meinung des West-Mannes an: "Vielleicht gab es eine gewisse Unbefangenheit in der ehemaligen DDR, doch die meisten Stories die heute erzählt werden gehören ins Reich der Legenden, ebenso wie die bekannten Vorurteile."

Alles Legende? Wenig Beweise? "Wahre Liebe" präsentiert das Thema zur Freude aller Macho als Frauen-Schlamm-Catchen, als wollten Ost-Tussis die "Nieten aus dem Westen dissen, um im Standort-Krieg der Pornobranche die, na ja, Nase vorn zu haben. Das hätte Lilo gerne, die Ikone der sexuellen Misere des Spätkapitalismus. Bevor es in Vergessenheit gerät, sei deshalb an dieser Stelle wissenschaftlich ausgeführt, worüber das Westfernsehen nicht spricht: Es geht nicht um die Bett-Qualitäten von Frauen, sondern um die - je nach politisch-ökonomischem System - krass unterschiedlichen Möglichkeiten zur sexuellen Entfaltung (für Frauen und Männer). Kurz gesagt: Nicht die Ost-Frau, sondern der Sozialismus ist geiler.

Der tendenzielle Fall der Orgasmusrate

Am 30.Mai 1990 gab die Bild-Zeitung Sex-Alarm:

Sind die Forschungsergebnisse des Herrn Professor Starke eine wissenschaftliche Sensation - oder sind sie etwa nur plump getarnte Propaganda von alten PDS-Parteigängern, denen jedes Argument recht ist, um vor der deutschen Einheit zu warnen? Haben DDR-Bürger weniger Orgasmen, wenn sie mit Bundesdeutschen in einem Staat leben?

Tatsächlich hatte Kurt Starke und sein "Zentralinstitut für Jugendforschung" in Leipzig im Jahr 1990 zwei umfangreiche Ost-West-Vergleiche durchgeführt: eine Partnerstudie mit 3103 Teilnehmern in der ex-DDR, 309 in Westdeutschland, und eine Erhebung "Jugendsexualität und Aids" mit 272 Teilnehmern aus Leipzig und 417 aus Frankfurt a.M. Dabei war er zu überraschenden Ergebnissen gekommen:

  1. Bemerkenswert war die nicht vollständige, aber im Vergleich zum Westen stark angenäherte sexuelle Erfahrungsbreite der Geschlechter: Durchschnittlich hatten Männer sieben Sexualpartner im Leben, Frauen fünf.
  2. "Mehr DDR-Frauen (als vergleichsweise in der alten BRD) empfanden ihre sexuellen Aktivitäten als angenehm und schön. Das bezieht sich sowohl auf die Masturbation, die sie lustvoller erleben, als auch auf den Geschlechtsverkehr. Jeweils etwa 80% mehr DDR-Frauen sagten, dass der jüngste Geschlechtsverkehr Spaß gemacht hat, sexuell befriedigend war, ein ganz großes Erlebnis darstelle, dass sie glücklich waren." Der Anteil der Frauen, die beim Koitus "immer und meistens" zum Orgasmus kommen, lag 1990 im Osten bei 63 Prozent, 95 Prozent der 22jährigen DDR-Bürgerinnen hatten in den 80er Jahren Orgasmuserfahrung - im Westen sprach man zur selben Zeit vom "Mythos des vaginalen Orgasmus" (Alice Schwarzer).
  3. Für die Männer galt ähnliches: So hatten 49 Prozent der Ost-Studenten vor ihrem 18. Lebensjahr Sex, aber nur 23 Prozent der West-Studenten. Aus diesen Gruppe hatten 77 Prozent im Osten, aber nur 63 Prozent im Westen schon mehr als einen Sexualpartner gehabt.

Der Hallenser Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz will zwar das Gegenteil beobachtet haben und behauptet, die Ossis seien verklemmter und litten unter einem - so der Titel eines Buches von Maaz - Gefühlsstau. Doch zog er seine Schlüsse auf der Grundlage der Erfahrung mit seinen Patienten, was sicherlich nicht repräsentativ für die breite Masse der Bevölkerung war.

Misst man Lebensglück also, anders als im Kapitalismus üblich, nicht im Warenangebot und in der Quantität der erworbenen Konsumgüter, sondern in sexueller Erfüllung, so schnitt der DDR-Sozialismus eindeutig besser ab. Folgt man außerdem Friedrich Engels (oder war es Clara Zetkin? - Telepolis-Leserin, hilf mir!) und sieht im Grad der Emanzipation der Frau einen entscheidenden Parameter für gesellschaftlichen Fortschritt, so fällt der Systemvergleich noch eindeutiger aus.

It's the economy, stupid

Sicherlich werden diese Thesen einen Volkssturm im Wasserglas hervorrufen. Der Sozialismus soll geiler gewesen sein und die Frauenemanzipation fortgeschrittener? Bestand denn nicht das Politbüro aus lauter alten Männersäcken? Musste man sich nicht bei Seitensprüngen in der Parteigruppe rechtfertigen? Waren Pornos nicht ebenso verboten wie Gruppensex, Sadomaso, Klistiereinläufe und andere unersetzliche Ingredienzien entfesselter Leidenschaft?

Diese Halbwahrheiten im einzelnen zu zerpflücken ist hier nicht der Platz. Ersatzweise möge man sich die Frage stellen, warum der galante Libertin Peter Hacks Oden über die Mauer schrieb oder der schwule Autor Ronald Schernikau in die DDR übersiedelte. Auch der ewige Dissident Wolf Biermann wusste die erotischen Qualitäten der SED in Gestalt von Margot Honecker zu schätzen - will jedenfalls mein geschätzter Kollege Rayk Wieland herausgefunden haben.

Es soll auch nicht über die Verknöcherungen in der SED gestritten werden, über spießige Kleinbürgermentalität und preußische Ordnungsvorstellungen. Aber die Reglementierungen der Politik konnten die befreiende Wirkung, welche die nicht am Profit orientierte Ökonomie für die Individuen hatte, nur begrenzen, nicht beseitigen.

Was damit gemeint ist, illustriert Katrin Rohnstock die seit über zehn Jahren Lebensgeschichten von Frauen aus der DDR sammelt.

Im Osten liefen die Uhren langsamer. Ohne Druck sind Augen und Seelen offen für Entdeckungen: In der Einkaufsschlange kein genervtes Vergleichen der Preise. Sondern: ein Mann mit fröhlichen Augen, ein spitzbübisches Lächeln. Zeit für einen Flirt. Seit der Wiedervereinigung haben mehr und mehr Leute Geld. Keiner hat Zeit. Der Zeitwohlstand des Ostens wurde gegen den materiellen Wohlstand des Westens eingetauscht.

K.R., Erotik macht die Hässlichen schön, Elefanten Press

Das wurde 1995 geschrieben, mittlerweile hat sich die Sache mit dem materiellen Wohlstand auch erledigt, jedenfalls für die breite Masse der Bevölkerung. Das bedeutet aber nicht, dass die Arbeitslosen mehr Zeit hätten, wie jeder Betroffene weiß. Man hat die Rennerei zu den Ämtern, ist ständig und ohne Ergebnis auf Jobsuche; das Geld reicht nicht mehr für den Kindergarten und deshalb müssen die Kleinen beaufsichtigt werden; ohne Arbeit fühlt man sich entwertet und lustlos. All das gab es in der DDR nicht. Job, Krankenversicherung, Rente und KiTa-Platz waren garantiert - davon träumt man doch heute. Hinzu kamen eine sehr liberale Abtreibungs-, Homosexualitäts- und Scheidungsgesetzgebung (Im Scheidungsfall bekam die Frau in der Regel die Kinder und die Wohnung zugesprochen, der Mann musste wenigstens nicht bis Anno Domini zahlen). Solche Lebens-Standard-Versicherungen machen souverän, unternehmungslustig, experimentierfreudig.

Starke stellt ganz richtig fest:

Die Wechselwirkungen zwischen DDR-Ökonomie und Sexualität sind bisher kaum untersucht, so wie generell bei der Bewertung der DDR-Vergangenheit die sozialökonomische Basis zugunsten der politischen Struktur vernachlässigt wird.

Offensichtlich gilt das Marxsche Postulat, dass die ökonomische Basis letztlich den politisch-kulturellen(-sexuellen) Überbau bestimmt, auch für den realen Sozialismus. So sehr die politische Freiheit reglementiert werden konnte, die ökonomische Dynamik sorgte immerhin für die Deregulierung des Trieblebens. So wenig man in der DDR auch vom Feminismus wissen wollte, in der Familie, am Arbeitsplatz und im Bett waren die Frauen gleichberechtigt.

So reaktionär das Politbüro teilweise war, die Ökonomie war progressiv - gerade weil sie nicht mit dem Westen mithalten konnte. Der fehlende Stachel wirtschaftlicher Konkurrenz, ansonsten gerne für den Misserfolg der Planökonomie verantwortlich gemacht, hatte offensichtlich auf die Individuen eine wohltuende Wirkung, machte sie ihren Kindern und dem Sexualpartner gegenüber entspannter. Kurz: Wenigstens in diesem ganz privaten Bereich hat der reale Sozialismus sein schönes Motto "Überholen, ohne einzuholen" verwirklicht.

Bilanz der Einheit

Im neuen Deutschland ist keine Besserung in Sicht. Der Westen hat sich an der DDR verschluckt, die Staatsverschuldung galoppiert, nur die Konzerne haben abkassiert. Liquidiert wurde übrigens nicht nur die DDR, sondern auch die gemütliche Bonner Republik. Gegenüber den Neoliberalen um Schröder & Co. wirkt Norbert Blüm wie der letzte Bolschewik, seine Pflegeversicherung wie der Abglanz einer besseren Zeit. Doch keine Sorge, auch sie wird reformiert. Das Rentnerabschaffungsprogramm läuft bereits.

Die Jungen werden - Bildung ist entbehrlich - mit Party und Nonsense bei Laune gehalten. Ob das glücklich macht? Die sexuelle Revolution hat ihre Kinder verraten: Geblieben ist die Vermarktung, von der Lilo Wanders und andere profitieren. Rubbelspaß, früher bei der Nachbarin umsonst, kostet zur Zeit 69 Cent die Minute, Tendenz steigend. Profitrate und Orgasmusrate fallen parallel: Je größer die Unsicherheit in der Wirtschaft, desto verbreiteter die Verunsicherung im Bett. Was liegt näher, als die Frustrierten in Uniform zu stecken und im Ausland die Reichtümer rauben lassen, die sie zu hause nicht mehr erarbeiten können?

Keine Frage: Die Propaganda des Sozialismus war lausig, um Lichtjahre hinter der Public Relation des Kapitalismus zurück. "Ist alles so schön bunt hier", sang Nina Hagen in den Achtzigern nach einem Westtrip. Aber mit der Zeit werden die Leute erkennen, dass gute Werbung zwar Appetit macht, aber nicht den Hunger stillt. Dann beginnt der Aufstand der Realität gegen die Virtualität. Bis dahin weine ich der DDR eine Träne nach.

Von Jürgen Elsässer erschien 2002: "Make Love and War - Wie Grüne und 68er die Republik verändern" (Jürgen Elsässer)