Libyen: Nach Syrien der nächste Hotspot für Söldner

Die LNA Haftars. Bild: Propaganda

Die Karawane zieht weiter. Die Jugend hat wenig Aussichten, aber das Kriegsgeld stimmt

Die Arbeitslosenrate in Libyen wird von der Weltbank für 2019 mit 17,3 Prozent angegeben. Anfang März dieses Jahres berichtete der Libya Herald neben offiziellen Angaben über Schätzungen von Dunkelziffern. Demnach würde die Arbeitslosenrate annähernd bei 30 Prozent liegen und bei der Jugend bei 50 Prozent.

Besondere Sorgen bereite, dass die meisten Arbeitslosen einen Universitätsabschluss hätten, heißt es im Zeitungsbericht. Ob dem so ist, ist angesichts der unübersichtlichen Lage im Land nicht leicht nachzuprüfen. Die Feststellung, dass vor allem die Jugend unter hoher Arbeitslosigkeit zu leiden hat, wird allerdings nicht nur von der Zeitung getroffen, die sich als unabhängig rühmt und von britischen Journalisten gegründet wurde.

Derzeit sind die Universitäten wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Sie sollen allerdings im Juni schon wieder öffnen. Die Schulen wurden ab Mitte März geschlossen: "1,3 Millionen Lernende blieben ohne Zugang zum Unterricht und mussten meist zum ersten Mal in ihrem Leben auf remote-Lernen via Computer umschwenken", schrieb die UNICEF Ende April.

Offiziell zählte die zuständige Behörde in Libyen (engl: Libya's National Centre for Disease Control - NCDC) am 20. Mai 71 Fälle von Personen, die mit dem Sars-CoV-2 infiziert sind. Die Zahl der bislang durchgeführten Tests ist ebenfalls sehr niedrig: 4.092. (Bei Johns Hopkins wird die Zahl der Infizierten in Libyen, Stand Montagnachmittag, mit 75 angegeben, 3 Personen sind im Zusammenhang mit Covid 19 gestorben).

Unter der Voraussetzung, dass die Dunkelziffer der Infizierten nicht in einer großen Dimension von den offiziell bekannten Fällen abweicht, kann man bislang davon ausgehen, dass es nicht zur befürchteten Ausbreitung der Pandemie in Libyen gekommen ist.

Keine Vision für die Zukunft ...

Wenigsten von dieser Bedrohung scheint das Land verschont. Von dem anderen Desaster, dem der Arbeitslosigkeit, ist, wenn es um Libyen geht, so gut wie nie die Rede. Aber die Beschäftigungslage und die beruflichen Aussichten sind mitentscheidend dafür, wie die Zukunft des Landes aussehen soll. Dazu werden keine Vorstellungen laut.

Abgesehen von Teilungsplänen, die immer wieder mal auftauchen und die Teil eines Politikmusters sind, das von "Strategiespielen" und Herrschaftsansprüchen gekennzeichnet ist, fehlt in der öffentlichen Auseinandersetzung mit Libyen jede Spur einer Gestaltungsidee, die Aussichten für eine Zukunft anbietet, die ein gutes Leben ermöglich. Damit ist Libyen kein Einzelfall.

Man muss nur nach Syrien schauen, wo seit 2011 die militärischen Lösungen dominieren. Auch wenn die kriegerischen Auseinandersetzungen im Irak deutlich zurückgegangen sind und die schwere Staatskrise im Libanon hauptsächlich in einem unglaublichen Verhalten von Bankern begründet ist, so haben der Libanon, der Irak, Syrien und Libyen ein grundlegendes Problem gemeinsam, wenn auch in unterschiedlicher Form: Welche Perspektiven geben sie der Jugend?

... und eine Menge Kriegsgeld

Das Problem der fehlenden guten Perspektiven zeichnet sich als umso schärfer ab, je mehr der Krieg in Libyen die Aufmerksamkeit der Medien bekommt. Er entwickelt sich zu einem Abnützungskrieg, in dem die militärische Lösung nach wie vor die Überhand vor einer politischen hat. Man könnte die Aussichten, hoffentlich überspitzt, zu pessimistisch und zu wenig kenntnisreich (immerhin ist Libyen eines der größten Länder Afrikas) so zusammenfassen: Entweder Geld als Söldner verdienen oder sein Glück über Verbindungen zu Milizen suchen.

Jedenfalls verfestigt sich der Eindruck, dass das meiste Geld, das in der Sache Libyen investiert wird, Kriegsgeld ist. Nach Syrien ist Libyen zum Söldner-Beschäftigungsland geworden. Das zeigt sich sehr deutlich an dem vertraulichen UN-Bericht über eine "Geheimmission mit westlichen Einsatzkräften", über die heute zum Beispiel Der Spiegel berichtet.

Demnach soll "eine Gruppe von mindestens 20 Personen, die aus Australien, Frankreich, Malta, Südafrika, dem Vereinten Königreich und den USA kamen" im Juni letzten Jahres versucht haben, türkische Waffenlieferungen vor der Küste Libyens abzufangen. Die Aktion, die angeblich den Gegner der Türkei, General Haftar, unterstützen sollte, scheiterte.

In der New York Times gibt es ein paar mehr Details, vor allem Namen von Personen und "Sicherheitsunternehmen", die laut Recherchen und Einsichten in Dokumente mit der Mission in Verbindung standen.

Um nur ein paar der Details herauszugreifen: Laut der UN-Ermittler hatte die Mission ein Geschäftsvolumen von 80 Millionen US-Dollar. Damit in Verbindung gebracht wird ein australischer Geschäftsmann namens Christiaan Durrant, der über seine Firma Lancaster 6, auch engere Beziehungen zu Erik Prince hatte, dem ehemaligen Chef der Söldnertruppe Blackwater.

Wie die Geschäftsbeziehungen zwischen Durrant und Prince aktuell genau aussehen und inwieweit beide geschäftlich mit Söldnern und Kriegsmaterial in Libyen aktiv sind, ist laut dem Bericht der New York Times von Dementis und Geheimnissen umgeben. Beweiskräftig ist da wenig bis nichts. Indizien deuten allerdings plausibel auf deren Verwicklungen mit dem libyschen Kriegsmarkt hin.

Dass Erik Prince über beste Beziehungen in Sachen "Sicherheit" zu den Vereinigten Arabischen Emiraten verfügt, die unterstützende Kriegspartei in Libyen sind - aufseiten Haftars - ist allerdings ebenso wenig ein Geheimnis wie die von Prince schon vor Jahren geäußerte Ambitionen, sich um die "Sicherheit" Libyens zu kümmern.

Auch der IS meldet sich in Libyen zurück

Beobachter verfolgen seit Monaten Waffentransporte aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die kosten sicher eine hohe Millionensumme. Wie auch die Waffen- und Söldnertransporte der Türkei nach Libyen. Viele der türkischen Kämpfer rekrutieren sich aus islamistischen Milizen aus Syrien. Die Karawane zieht weiter. Auch aufseiten Haftars sollen Syrer kämpfen.

Dass die Türkei nun eine neue Drohne vorstellt, die mit großer Wahrscheinlichkeit in Libyen zum Einsatz kommt, legt den Gedanken nahe, dass der Kriegsschauplatz Libyen auch eine gute Gelegenheit ist, um interessierten Waffenkäufern zu demonstrieren, wie gut die Waffen aus türkischer Produktion im Einsatz sind. Zumal die türkischen Drohnen im Himmel über Libyen schon viel Aufmerksamkeit erregten.

Nun hat sich auch noch der IS nach langer Ruhezeit mit einer militärischen Aktion in Libyen wieder in die Nachrichten zurückgemeldet. Gegen Haftar. Das sorgt erstens für Aufmerksamkeit unter Anhängern und Dschihadisten und bestätigt dunkle Ahnungen, wonach Libyen zum nächsten Hotspot eines Kriegs wird, bei dem sich Söldner Einnahmequellen erhoffen, die in Syrien jüngst nicht mehr so ergiebig sprudelten. (Thomas Pany)