Libyen: Waffenverkäufe über Facebook

Oase in Ubari. Foto: Wikipedia / gemeinfrei

Die illegalen Netzwerke zum Verkauf von Waffen und zur Fluchthilfe von Migranten funktionieren besser als der Staat

Die UN, die EU, besonders Italien, aber auch Ägypten, Russland, Frankreich und Deutschland werden mit einigem Interesse verfolgen, wie das für Dienstag angesetzte Treffen zwischen dem international als libyscher Regiegrungschef fungierendem Fayiz as-Sarradsch (gebräuchlich: Serraj) und General Haftar in Abu Dhabi verläuft. Der letzte Versuch, ein solches Treffen zustande zu bringen, scheiterte in Kairo.

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Beide Männer haben wichtige Unterstützer. As-Serraj vor allem die UN, die EU, Italien und wenige Milizen, Haftar das Parlament in Tobruk und einige Milizen mehr, vor allem die Reste der libyschen Nationalarmee sowie auswärtige Staaten wie Russland, Ägypten und Frankreich. Zusammen könnten die beiden politischen Persönlichkeiten vielleicht etwas bewegen, was in Richtung Stabilisierung des zerfallenen Staates geht, heißt die Hoffnung.

Wie sehr Libyen seit 2011 mit dem Ende der Strong-Man-Herrschaft Gaddafis von regionalen oder lokalen Konflikten bestimmt wird, lässt sich bei der Feldforscherin Rebecca Murray exemplarisch im Detail nachlesen. Ihre Studie nimmt Südlibyen, konkret die Verhältnisse im Oasengebiet Ubari, genauer in den Blick. Sie dokumentiert die Rivalität zwischen den Tuareg und den Tebu unter Einbeziehung der dort ansässigen Stämme.

Die Verhältnisse dort sind für Europa (und natürlich auch für andere Staaten) nicht ganz unwichtig. Ubari liegt nah an den Handels/Schmuggelrouten, die auch für die Migration aus den subsaharischen Staaten eine wichtige Rolle spielen - und in der Nähe wichtiger Ölfelder. Italien schloss kürzlich ein Abkommen mit den Tuareg, den Tebu und Stammesvertretern. Der Wunsch Roms und der EU ist, dass sie die südliche Grenze Libyens gegen die Zuwanderung von illegalen Migranten abschirmen.

Rebecca Murray schildert prekäre Verhältnisse und Spannungen zwischen den Gruppierungen, die aufgrund einer fehlenden zentralen Staats- oder Ordnungsmacht in Libyen, jederzeit in kriegerische Auseinandersetzungen umschlagen können. Die Aussichten für die Jugendlichen sind miserabel, daher auch die Forderungen der Verhandlungspartner Italiens nach Beschäftigungs- und Infrastrukturprogrammen und Ausbildungsplätzen für die Jugendlichen.

Geld und Lebensunterhalt ist opportun mit Schmuggel aller Art zu machen und mit Geschäften, die man, von europäischer Warte aus gesehen, einer Mafia und anderen kriminellen Organisationen zuschreiben würde, so zum Beispiel der Waffenhandel. Wie die Washington Post am Dienstag berichtet, ist der illegale Waffenhandel bestens organisiert - er vertreibt Waffen aus 26 Ländern, einschließlich der USA und China - und verläuft zum einem guten Teil online.

Wie die Organisation der Netzwerke zum Transfer von Migranten steht dem nicht funktionierenden libyschen Staat auch beim Waffenhandel eine "Infrastruktur" gegenüber, die alle Kriterien erfüllt, die Manager von einem gut funktionierenden Unternehmen verlangen: hohe Flexibilität und eine Art antifragiler Anpassungsfähigkeit, die mit Krisensituationen sehr gut zurechtkommt.

Jedenfalls hat die New York Times bereits vor einem Jahr vom selben Online-Waffenverkauf-Phänomen berichtet, ohne dass sich offensichtlich Entscheidendes verändert hat. Die Zeitung macht dies Facebook zum Vorwurf, dessen Leitung sich, wie auch die Washington Post ein Jahr später berichtet, keine Methode ausgedacht hat oder ausdenken wollte, um den Waffenhandel über Facebook-Gruppen zu unterbinden.

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Die Vorwürfe gegen Facebook sind vollkommen nachvollziehbar, weil schwer einzusehen ist, dass der Waffenhandel über das Social-Media-Portal derart unbehelligt laufen kann, wie dies die beiden Zeitungen schildern. Aber dem steht gegenüber, dass der libysche Waffenhandel mit angeblich 1.346 "getrackten" Online-Verkäufen im Zeitraum von 2014 bis 2015 nur ein Teil eines weitaus größeren, florierenden Waffengeschäfts ist, das auch anderweitig organisiert wird.

Die Washington Post stützt sich auf eine noch nicht veröffentlichte Studie des Small Arms Survey, die auf Daten des Armament Research Services zurückgreift. Demnach wurden online auch erstaunlich große Waffen verkauft, wie etwa französische Milan-Panzerabwehr-Raketen. Der Großteil bestehe allerdings in Kalaschnikow-Varianten und vor allem Kleinwaffen. Für nicht wenige dienten die Verkäufe zur Aufstockung des niedrigen Verdienstes. (Thomas Pany)

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