Lieber auf Arbeit als im Kreise der Familie

59 Prozent der japanischen Angestellten ziehen die Arbeit der Familie vor, weil die Familie zu anstrengend ist

Es wirft ein deutliches, wenn auch nicht gänzlich unerwartetes Licht auf die Tatsache, dass der häufig zitierte Leistungsdruck in Japan inzwischen die Familien mit voller Wucht erreicht hat: Japan Today berichtete dieser Tage über eine Befragung von 2.000 verheirateten japanische Angestellten im Alter zwischen 30 und 49 Jahren. Auf die Frage, ob sie das heimische Familienleben ermüde, antworteten 1.180 mit "ja", das sind 59 Prozent.

Zwar ist die Vorstellung der auf romantischer Liebe der Ehepartner basierenden Familie als wichtigste Einheit der Gesellschaft keinesfalls allgemeingültig und die geschichtliche Entwicklung der Vorstellung von Familien mit einem Familiennamen sind in machen Regionen dieser Welt gerade mal etwa 100 Jahre alt. Allgemein gilt jedoch auch in Japan die Familie als Kernzelle der Gesellschaft und damit gemeinhin als eine gute Idee. Eine Frau, die ein Mann liebt, eines oder mehrere Kinder, die als Verbindung in die Zukunft betrachtet werden können sowie eine Heimstatt, die einen vor den unzähligen Sorgen der der Welt außerhalb der eigenen vier Wände schützt.

Warum sieht dies die Mehrheit der verheirateten Arbeitnehmer in Japan so gänzlich anders?

Was macht das japanische Familienleben so anstrengend? An erster und zweiter Stelle für die familiären Probleme nannten die Befragten eine Ehefrau, deren Forderungen und Launen bei ihren Männern Erschöpfungszustände verursachen oder zumindest solche verstärken würden. Diese Gründe erschienen weit wichtiger als die nachfolgenden Begründungen wie Beziehungen ohne Sex, fehlende Freizeit, finanzielle Probleme oder Einmischungen von Seiten der Schwiegereltern.

Die Ehefrau sei unfähig, ihrem Mann zu gefallen, war eine häufige Antwort der befragen Männer. Wenn man nach einem harten Arbeitstag mit 12 bis 14 Arbeitsstunden nach Hause komme, werde man oftmals in einem Ton empfangen, der eher an einen Vorgesetzten erinnere, als an eine zärtliche liebenswerte Lebensgefährtin. Wenn man ihr dann nicht bei der Hausarbeit helfe, sei man ein Versager und wenn man helfe, dann werde man als Stümper bezeichnet.

In seinem Film Gyakufunsha Kazoku (deutscher Titel: "Die Familie mit dem umgekehrten Düsenantrieb") zeigte Sōgo Ishii den Stress des Familienlebens bereits 1984 recht eindrucksvoll

Ein Herr Takahashi (34 Jahre) wird erwähnt, der in Elternzeit gegangen war, als seine Frau ein Kind erwartete. In den Augen seiner Frau sei er jedoch mehr Hindernis als Hilfe gewesen und der Streit über Kleinigkeiten explodierte derartig, dass man kurz vor einer Scheidung gestanden habe und nur des Kindes wegen zusammen geblieben sei.

Herr Fukami (39), der berichtete, dass er seiner Frau anfänglich aufgrund ihres starken Charakter zugeneigt gewesen war, musste im Laufe der Jahre erkennen, dass er den starken Charakter wohl falsch interpretierte und die Warnzeichen besser zu Kenntnis genommen hätte, denn der starke Charakter stellte sich offensichtlich aus durchaus teuflischer Charakterzug heraus. Seine Frau habe mit Möbelstücken nach ihm geworden, wenn er ein Handtuch nicht zu ihrer vollen Zufriedenheit gefaltet hätte. Als sie dann mitten im Winter das Kind in der Kälte habe stehen lassen, hab er die Scheidung eingereicht.

Das Problem der Großeltern

Ein weiteres Problemfeld, das japanischen Familien offensichtlich zu schaffen macht, sind die Eltern der Ehepartner. So können sich manche japanischen Söhne, die aufgrund des eigenen vielbeschäftigten Vaters, praktisch ohne diesen aufgewachsen waren, auch im Alter von 30, 40 Jahren nicht aus der Mutter-Kind-Beziehung lösen, was die Beziehung zur Ehefrau nicht gerade erleichtert.

Würden die Großeltern als Babysitter für ihre Enkel eingespannt, so würden sie sich im Gegenzug in die Erziehung der Enkel einmischen und dies wiederum zum Missfallen von deren Eltern. Die unerwünschten Einmischungen ihrer Eltern sorgen wohl vielfach für beachtliche Missstimmungen Ein Herr Yoshikawa (32) beklagte sich, dass seine Mutter mehr Teilnahme an seinem Leben zeige, als ihm lieb sei. Sie erkundige sich dauernd per E-Mail, wie es ihm gehe und ob er schon gegessen habe und so weiter. Bei Herrn Hosaka (34) zeigte sich das Problem der elterlichen Einflussnahme, als er sich weigerte, deren Zeitungsvertrieb auf dem Lande zu übernehmen. Nachdem die Eltern zur Kenntnis genommen hatten, dass sie ihn nicht überzeugen konnten, begannen sie, seine Frau und das gemeinsame Kind zu bearbeiten und schwärmten ihnen vom guten Leben auf dem Lande vor.

Wie schwer sich das Zusammenleben in den heimischen vier Wänden darstellt, wenn der Ehemann nicht mehr jeden Tag für 12 bis 14 Stunden auf Arbeit ist, zeigt sich auch daran, dass sich sehr viele Japanerinnen im Alter von ca. 60 Jahren scheiden lassen, wenn der Mann in Rente geht. Sie können es dann einfach nicht mehr aushalten mit einem Mann, der ohne Arbeit mit sich und nach wie vor auch mit seiner Familie, nichts anfangen kann. Diese Frauen pfeifen auf ein finanziell gesichertes Alter und nehmen lieber das Risiko in Kauf zu verarmen, als sich weiter dem täglichen Beziehungs-Stress auszusetzen.

Nach der Auswertung der Ergebnisse dieser Befragung in Japan stellen sich mehrere Fragen: Wer hat eigentlich die Institution Familie erfunden, die in der Praxis das Leben der Menschen derart durcheinanderbringen kann. Und warum hatte sich das Modell Familie trotz dieser Schwierigkeiten für lange Zeit durchsetzen können? Ist die Familie auch heute noch die passende Lebensform? (Christoph Jehle)