Liebesgrüße aus Sibirien

Eisbrecher-LNG-Tanker CHRISTOPHE DE MARGERIE, Yamalmax-Klasse. Der Tanker ist nach dem ehemaligen Generaldirektor von Total benannt, der im Oktober 2014 bei einem Flugzeugunglück in Moskau ums Leben kam. Bild: Kreml, CC BY-SA 4.0

Erstes russisches Flüssigerdgas trifft in den USA ein

Der LNG-Tanker GASELYS ist am letzten Januarwochenende 2018 im Hafen von Boston eingetroffen. Er brachte verflüssigtes Erdgas (LNG) aus einem mit US-Sanktionen belegten Projekt in der russischen Arktis. Es stammt hauptsächlich aus dem Jushno-Tambeiskoje-Erdgasfeld, im Norden des Westsibirischen Tieflandes gelegen.

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Die Ladung wurde am Everett LNG-Terminal von Boston gelöscht und an Gas- und Stromversorgungsunternehmen des Landes verteilt. Das Everett LNG-Terminal, das dem französischen Konzern Engie gehört, ist seit mehr als 40 Jahren in Betrieb und deckt rund 20 % der Marktnachfrage nach Gaslieferungen in Neuengland und im Nordosten der USA ab. Ein neuerlicher Kälteeinbruch und die Verknappung der Pipeline-Kapazität aus dem gasreichen Pennsylvania haben den Bedarf an Erdgasimporten jedoch über Normalmaß ansteigen lassen.

Anfang Januar 2018 mussten einige Versorgungsbetriebe bereits auf das Verbrennen von relativ teurem Öl zurückgreifen, um die Energienachfrage zu befriedigen. Das Everett LNG-Terminal hatte bereits vor dem Eintreffen der GASELYS zwei weitere LNG-Lieferungen empfangen, die bei der Bewältigung der Folgen des Kälteeinbruchs an der Ostküste helfen sollen.

Gleichzeitig exportieren die USA ihrerseits nach wie vor eigenes LNG vom Sabine Pass-Terminal an der Golfküste. Die Exporte hatten erst im Dezember 2017 eine neue Rekordmarke erreicht.

Die Ladung der GASELYS stammt von der russischen Jamal-LNG-Anlage in Sibirien; es ist das erste überhaupt von dort exportierte Flüssigerdgas. Die in Boston eingetroffene Ladung kam jedoch nicht schnurstracks von der Jamal-Halbinsel.

Die GASELYS hatte die Fracht drei Wochen zuvor vom britischen Terminal Grain abgeholt, so der Branchen-Newsletter LNG World News. Dort war sie vorher vom aus der Karasee kommenden LNG-Tanker CHRISTOPHE DE MARGERIE übernommen worden.

Der Tanker gehört zu einer Flotte von 15 Eisbrechern, die benötigt werden, um den Hafen Sabetta bei jeder Witterung anlaufen zu können. Der Hafen, im Nordosten der Jamal-Halbinsel an der Obmündung gelegen, ist ein Kernstück des Jamal-LNG-Projekts. Die eisbrechenden Tanker sind essentiell in einer Region, die sieben bis neun Monate im Jahr gefroren ist und in der die Wintertemperaturen auf - 50 Grad Celsius absinken können.

In Großbritannien selber war die Ladung schon vor ihrem Eintreffen kontrovers diskutiert worden. Schließlich hatte der russische Präsident Wladimir Putin die Ladung persönlich auf den Weg gebracht. National Grid, der Eigentümer des Grain-Terminals, hatte versucht, das sich allmählich aufbauende mediale Getöse zu dämpfen. Der Versorger gab schließlich an, dass das Erdgas nicht im Vereinigten Königreich verwendet, sondern erneut exportiert werden würde.

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Weder die gegen Russland gerichteten britischen noch die Sanktionen der EU attackieren zwar direkt das Jamal-LNG-Projekt, hier stand bisher vor allem die russische Ölindustrie im Zentrum des Interesses. Doch Premierministerin Theresa May hatte erst jüngst ihren Ton gegenüber Moskau verschärft, so dass man nun das Gas lieber ziehen ließ, obschon man es angesichts der Preisentwicklung während des Winters auch in Großbritannien hätte gut gebrauchen können. Diese vornehme Zurückhaltung ist angesichts erst jüngst zutage getretener Geschäftspraktiken der US-Konkurrenz bemerkenswert (Putins Falle).

Unterwegs hatte das Flüssigerdgas noch ein weiteres Mal den Besitzer gewechselt. Nach Angaben von LNG World News wurde es an Petronas LNG UK verkauft, einer britischen Tochter des malaysischen Energieriesen Petronas.

Der Grund für die Verschleierungsmanöver beim Antransport des Energieträgers: Das US-Finanzministerium hatte im Juli 2014 Sanktionen erlassen, die darauf abzielten, den russischen Energiesektor zu schwächen - die US-amerikanische Reaktion auf die Vorgänge in der Ukraine und auf der Krim.

Die Sanktionen verbieten unter anderem auch jegliche Finanzierung von Projekten von Nowatek. Der größte private russische Erdgasproduzent ist mit 50.1 % Mehrheitseigner beim 27-Milliarden-US-Dollar schweren Jamal-LNG-Projekt.

Die Sanktionen des US-Finanzministeriums verbieten jedoch nicht den Kauf von Erdgas, das von Jamal stammt, sagten nicht näher benannte US-amerikanische Sanktions-Experten gegenüber der Washington Post.

Yamal LNG. Bild: Yamal LNG

Doch auch in den USA sind nicht alle Beteiligten über die Lieferung glücklich. Vertretern des Fracking-Lagers ging nach Kenntnisnahme des Vorgangs gar "der Blutdruck durch die Decke". Sie sehen Regionalpolitiker aus Massachusetts als die Schuldigen an den Versorgungsengpässen in Neuengland: Sie hätten mit ihrer Ablehnung von neuen Erdgas-Pipeline-Projekten dafür gesorgt, dass man das Gas nun vom Feind kaufen müsse.

Andere gemeinsame Projekte mit den Russen waren bereits zuvor aufgrund der Sanktionen auf Eis gelegt worden. So hatte ExxonMobil Pläne zur Zusammenarbeit mit der russischen Ölgesellschaft Rosneft fallen lassen, nach denen bis zu 550 Millionen Dollar in die Arktis fließen sollten. Royal Dutch Shell wiederum hatte ein gemeinsames Erkundungsprojekt mit Gazprom in einem großen russischen Schieferölfeld ausgesetzt. Und der Öldienstleister Schlumberger hatte Schwierigkeiten, den Kauf einer Mehrheitsbeteiligung an der russischen Explorationsgesellschaft Eurasia Drilling abzuschließen.

Total konnte aufgrund der den Gassektor betreffenden Ausnahmeregeln in den EU-Sanktionen beim Jamal-LNG-Projekt fortfahren. Doch die US-Sanktionen gegen Nowatek-Tochtergesellschaften waren eine wesentliche Hürde für die Projektfinanzierung. Die Franzosen halten heute 20 % an Jamal-LNG, China National Petroleum weitere 20 %. Mit der Verhängung der Sanktionen war der chinesische Seidenstraßen-Fonds mit 9.9 % eingestiegen. Für das abgeschlossene Jamal-LNG-Projekt stellten chinesische Banken Darlehen in Höhe von 12 Milliarden US-Dollar zur Verfügung. Damit halfen sie Nowatek bei der "Finanzgymnastik", die durch das sanktionsbedingte Wegfallen von westlichen Finanzierungswegen nötig geworden war.

Für die Russen selber ist das Jamal-LNG-Projekt ein Erfolg, der trotz Sanktionen und trotz der Probleme aufgrund der Wirtschaftskrise im eigenen Land errungen werden konnte.

Die meisten Exporte aus dem Jamal LNG-Projekt werden voraussichtlich nach Asien gehen. Sowohl China als auch Japan zeigten sich bereit, Nowatek bei nächsten großen Projekten in der Arktis zu unterstützen, wodurch der russische Energiesektor weitere zu befürchtende Schwierigkeiten durch Wirtschaftssanktionen abfedern kann.

Nowatek hatte bereits am Rande eines Treffens zwischen Wladimir Putin und dem japanischen Premierminister Shinzo Abe im Dezember 2016 Absichtserklärungen mit Mitsui, Mitsubishi und Marubeni unterzeichnet, um die weitere LNG-Expansion auf der Jamal-Halbinsel zu finanzieren.

Ab 2019 wird das Jamal-LNG-Projekt eine voraussichtliche Kapazität von 16.5 Millionen Tonnen LNG pro Jahr erreichen. 2018 sollen hier 5.5 Millionen Tonnen produziert werden.

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