Lieferte die Türkei dem IS Munition für US-Panzer?

Der syrische Kurdenführer Salih Muslim warnt vor einem Völkermord

In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) äußert Salih Muslim, der Vorsitzende der syrischen Kurdenpartei PYD, den Verdacht, dass die Türkei der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) die Munition für etwa 50 US-Panzer, die sie in der Schlacht um Ain al-Arab einsetzt, aus der Türkei geliefert bekam.

Muslim zufolge erbeuteten die Dschihadisten im Juni zwar viele US-Panzer von der flüchtenden irakischen Armee, aber nicht genug Munition dafür. Die kommt seiner Ansicht nach aus der Türkei. Als Anhaltspunkt dafür dienen ihm Aussagen von Zeugen, die in der Nacht vom 15. Auf den 16. und am Morgen des 20. September heimliche Transporte an der syrisch-türkischen Grenze beobachteten.

Gegenleistung für die Lieferung könnte die Freilassung von 49 türkischen Geiseln am Samstag gewesen sein, über deren Hergang die türkische Regierung weitgehend schweigt. Ihre Behauptung, es sei kein Lösegeld gezahlt worden, lässt jedoch Raum für Spekulationen über außermonetäre Formen einer Gegenleistung.

Weil der IS die Kurden im mittelnordsyrischen Kanton Kobanê Muslim zufolge töten oder vertreiben will, warnt er vor der Wiederholung eines Massakers, wie es die Terrorgruppe im August im nordirakischen Sindschar an jesidischen Kurden verübte. Auch nach der Flucht von mittlerweile über hunderttausend Menschen über die türkische Grenze sind dem Politiker zufolge noch fast eine halbe Million Kurden und Christen in dem von vier Seiten abgeriegelten Gebiet um die Stadt Ain al-Arab eingeschlossen.

Trotzdem hat die Türkei sechs von acht Grenzübergängen nach Kobanê wieder geschlossen und lässt weder humanitäre noch sonstige Transporte in das Gebiet. Das betrifft auch die panzerbrechenden Waffen, die nötig wären, um die Panzer des IS zu stoppen. Nach der Aussöhnung des irakischen Kurdenführers Massud Barsanis mit der PYD könnten theoretisch die Peschmerga mit solchen Waffen aushelfen – aber seit das Kalifat den östlich von Ain al-Arab gelegenen Grenzübergang Tall Abyad kontrolliert, besteht keine Landverbindung zwischen den beiden Gebieten mehr.

Eine andere Möglichkeit, die IS-Panzer aufzuhalten, wären Luftangriffe, wie sie die USA und Frankreich im Nordirak zur Unterstützung der dortigen Peschmerga-Kämpfer fliegen. Auf die Frage, ob er solche Luftangriffe auch um Ain al-Arab fordert, antwortet Muslim ausweichend und schlägt vor, dass seine Partei und deren YPG-Miliz, die eineinhalb Jahre Erfahrung im Kampf gegen Dschihadisten mitbrächte, gerne der von den USA verkündeten Koalition gegen den Terror angehören würden.

Ein Hinderungsgrund dafür war bislang die Herkunft der PYD aus dem Umfeld der türkischen PKK, die von der NATO als Terrororganisation eingestuft wird. Allerdings schloss die syrische Kurdenpartei unlängst ein Bündnis mit den Resten der Freien Syrischen Allianz (FSA), die zu jenen "moderaten Rebellen" gezählt wird, welche die USA in den nächsten Wochen und Monaten mit 500 Millionen Dollar unterstützen wollen.

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