Litauen und die jüdischen Partisanen

Die Generalstaatsanwaltschaft in Vilnius ermittelt gegen jüdische Anti-Nazi-Partisanen wegen angeblicher Kriegsverbrechen. Ultrarechte Medien beschimpfen die Überlebenden der Shoa als "Terroristen" und "Verbrecher"

Die EU-Kommission hat Vilnius zur Europäischen Kulturhauptstadt 2009 ernannt. Jetzt fordern Historiker und US-Kongressabgeordnete, diese Entscheidung zu überdenken. Die Gründe: Der Antisemitismus in Litauen floriert, ultranationalistische Medien hetzen offen gegen Juden. Das jüdische Gemeindehaus wurde Anfang August mit Hakenkreuzen beschmiert. Vier ehemalige Widerstandskämpfer gegen die Deutschen - allesamt Juden und über 80 - sollen jetzt als Zeugen über ihre damalige Rolle im Widerstand befragt werden.

In Israel bezeichnet man die Untersuchung als skandalös. Jüdische Zeitungen in den USA sprechen von einer "Kampagne". Die jüdische Menschenrechtsorganisation Simon Wiesenthal Center sandte eine Protestnote an den litauischen Botschafter. In den USA und in Deutschland kursiert ein Offener Brief, der dem litauischen Botschafter in Berlin, dem deutschen Botschafter in Litauen und dem Europaparlament zugesandt werden soll. Dort ist von "einer antisemitischen Stimmungsmache" in Litauen die Rede, die das Ziel haben soll, die Geschichte des Holocaust umzuschreiben. Die Unterzeichner des Briefes fordern, die Verfolgung ehemaliger jüdischer Partisanen sofort einzustellen.

In Wahrheit ist die Angelegenheit etwas komplizierter, als sie in den Medien dargestellt wird. Alle relevanten Quellen, um die es geht, sind online verfügbar; die Ereignisse im Grenzgebiet Polen-Litauen im Frühjahr 1994, die Anlass der Ermittlungen in Litauen waren, sind fast lückenlos dokumentiert. Es geht weniger um die historischen Fakten, sondern um deren politische und moralische Interpretation.

Die litauischen Ermittler wollen vier Zeugen befragen, um Kriegsverbrechen an der litauischen Bevölkerung aufzuklären – den Historiker Dr. Yitzhak Arad, 81, als Itzhak Rudnicki in Litauen geboren, ab 1943 unter dem Kampfnamen Tolya als Partisan gegen die Deutschen im Untergrund, 1945 illegal in das britische Mandatsgebiet Palästina ausgewandert, später Armeegeneral in Israel und zwei Jahrzehnte Direktor der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Arad verlor seine gesamte Familie in Konzentrationslagern; ist ein Held in Israel und eine moralische Autorität. Er hat mehrere Bücher verfasst. In "The Partisan" (1979) schildert er seine Erlebnisse im jüdischen Widerstand – seine Erinnerungen dienten der Staatsanwaltschaft als Grundlage ihrer Ermittlungen gegen ihn. Es bestehe der Verdacht der Beteiligung an Kriegsverbrechen.

Fania Brantsovsky (oder Brantsovskaya), 86, als junges Mädchen ab 1942 Untergrundkämpferin im jüdischen Ghetto von Vilna. Später schloss sie sich den Partisanen in den Wäldern an. Ihre Eltern und Schwestern wurden von den Deutschen ermordet. Brantsovskaya ist heute Bibliothekarin des Jiddischen Institutes in der Universität von Vilnius. Rachel Margolis, Überlebende des Wilnaer Ghettos, später Gründerin des Jüdischen Museums von Vilnius, heute Biologie-Professorin und Publizistin in den USA und in Israel: Auch ihre Memoiren "Als Partisanin in Wilna: Erinnerungen an den jüdischen Widerstand in Litauen" wurden von den litauischen Behörden als Beweismaterial zum Beispiel gegen Brantsovsky herangezogen.

Sara Ginaite-Rubinson, Überlebende des Konzentrationslagers von Kauen (Kaunas), wurde Augenzeugin der Massaker, die Litauer an Juden verübten, und kämpfte bei der mehrheitlich jüdischen Partisaneneinheit "Minis okupantams" ("Tod den Okkupanten").

Der ehemalige litauische Präsident Valdas Adamkus berief 1998 eine internationale historische Kommission ein, die die Kriegsverbrechen unter der deutschen und sowjetischen Besatzung wissenschaftlich aufarbeiten sollte. Auch Yitzak Arad wurde Mitglied dieser Kommission - nach einer persönlichen Intervention des litauischen Präsidenten. Deren Arbeit stand von Anfang an unter schlechtem Vorzeichen und war umstritten. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe sahen sich von den litauischen Nationalisten und der Ultrarechten angegriffen und sabotiert. Der Vorsitzende, der konservative jüdische Abgeordnete Emanuelis Zingeris, sieht laut BBC in der Kampagne gegen die Kommission und in den aktuellen Ermittlungen einen Versuch, Litauen von den USA, Israel und der "world historical opinion" wieder abzukoppeln.

Der Begriff "Völkermord" wird im politischen Diskurs Litauens anders benutzt als etwa bei den Vereinten Nationen. Er unterscheidet nicht zwischen dem industriell betriebenen Holocaust an Juden und den Morden an der litauischen Bevölkerung. Viele Litauer sehen auch ihr Volk als Objekt eines Genozids:

Die Sowjets hatten Litauen 1940 annektiert und versucht - ähnlich wie in Polen - die litauischen Eliten durch massenhafte Deportation auszulöschen. Stalins Geheimpolizei ließ noch unmittelbar vor dem deutschen Einmarsch 1941 alle ermorden, die als politisch "verdächtig" galten oder als "Konterrevolutionäre" verurteilt waren. Nach dem zweiten Einmarsch der Roten Armee 1944 wurden auch viele Litauer, die mit den Deutschen paktiert hatten, zumeist auf bloßen Verdacht hin umgebracht oder verschleppt.

95 Prozent der 250000 litauischen Juden wurden ermordet – im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung so viele wie in keinem anderen europäischen Land. Die litauische "Sicherheitspolizei" Sagaumas und die Hilfspolizei, unter anderem das PPT-Bataillon und das berüchtigte Rollkommando Hamann, das in den Dörfern wütete, wurden von der Bevölkerung unterstützt. Ein Drittel der Einwohner von Vilnius, mit seinen damals über 80 Synagogen von Napoleon Jerusalem des Nordens genannt, waren Juden. Heute sind es nur noch wenige. Die einzigartige kulturelle jüdische Tradition im Baltikum, unter anderem die exotische jüdische Gemeinschaft der turkstämmigen Karäer, wurde fast vollständig ausgelöscht. Von den berühmten hölzernen Synagogen Litauens gibt es nur noch acht.

Über diesen Teil der litauischen Geschichte wird nur selten öffentlich diskutiert. Seit 1991 sind erst drei Litauer als Nazi-Kollaborateure angeklagt worden, aber zwei Dutzend wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit oder Völkermord unter dem Sowjetregime. Der Litauer Algimantas Mykolas Dailide, auf der Liste der gesuchten Kriegsverbrecher ganz weit oben, wurde zwar von den USA an Litauen ausgeliefert und dort wegen Mitwirkung an der Vernichtung der litauischen Juden verurteilt, musste aber seine Haftstrafe nicht antreten und lebt heute unbehelligt in Deutschland.

Die Ermittlungen gegen ehemalige jüdische Partisanen rühren daher in offenen Wunden der litauischen Geschichte und werden von allen politischen Fraktionen instrumentalisiert. Efraim Zuroff vom Simon Wiesenthal Center meint: Wenn sich Juden finden ließen, die man der Kriegsverbrechen gegen Litauer bezichtigen könnte, könne man die Schande überdecken, dass die Litauer sich für die Kriegsverbrechen verantwortlich fühlen.

Am 07.Juni 2008 erschien in der litauischen Zeitung Lietuvos aidas ein Artikel unter dem Pseudonym "Dr. Ruta Gajauskaite". Unter dem Titel "Holokaustas" verbreitete die "Kriminologin" alle gängigen antisemitischen Vorurteile, bezeichnete den Holocaust als "Dogma", das nur den Interessen der Juden diene, und "Zionisten" als "Räuber". Für die Morde an Litauern im 2. Weltkrieg seien Juden verantwortlich. Der Massenmörder Adolf Eichmann sei ein "hundertprozentiger Jude" gewesen, ebenso Lenin. Auch der russische Ex-Präsident Putin sei Jude. Der Autor fragt: Warum stelle niemand Fania Brantsovsky vor Gericht? Das krude Hetzpamphlet wurde von litauischen Neonazis dankbar aufgenommen. Die alte Lietuvos aidas genießt einen relativ guten Ruf, hatte es aber versäumt, ihren Titel schützen zu lasen. Die Eigentümer des neuen "Litauer Echos" haben das ausgenutzt und bedienen sich des Namens.

Am 05. August publizierte die nationalistische Ukininko patarejo einen vergleichbaren Artikel: Der Autor Jonas Ciulevicius, ein ehemaliges Mitglied des litauischen Parlaments und Professor der Landwirtschaftliche Universität Litauens beginnt mit den Worten: "Ich mag keine Juden; dagegen kann niemand etwas tun. Und ich bin vermutlich nicht allein." Ciulevicius greift ausführlich Yitzhak Arad, aber auch Emanuelis Zingeris an. Es hätten sich noch mehr Juden "schuldig an Litauen" gemacht. Die "Diktate" der Juden und ihre Omnipräsenz seien "unerträglich". Das litauischen Außenministerium forderte anschließend die Ethik-Kommission des litauischen Journalistenverbands auf, sich mit dem Fall Ciulevicius zu befassen.

Die historischen Ereignisse, mit denen sich die litauischen Staatsanwälte befassen, sind auch in Polen ein Thema. Das vom polnischen Parlament schon 1998 eingerichtete Institute of National Remembrance - Commission of the Prosecution of Crimes against the Polish Nation beschäftigte sich mit mehreren Massakern, die von Partisanen unter sowjetischem Kommando in Dörfern verübt wurden, die damals polnisch waren und heute zu Litauen gehören. Insbesondere die Geschehnisse im Januar 1944 in Koniuchy (litauisch Kaniukai), bekannt als das Massaker von Koniuchy, sind fast vollständig dokumentiert und aufgeklärt. Der umfangreiche Untersuchungsbericht kommt zu dem Ergebnis, dass rund 300 polnische Dorfbewohner von den Partisanen ermordet wurden oder an den Folgen der Aktion starben. Die befragten Zeugen und polnischen Überlebenden - Anna Suckiel, Stanislawa Woronis und Antoni Gikiewicz - sprachen von 45 Toten.

Auch Yitzhak Arad war in Koniuchy dabei. Das schildert er selbst in seinem Buch. Seiner Partisanengruppe wurde befohlen, eine "Strafaktion" gegen Bewohner des Dorfes zu vollziehen, die von den Deutschen bewaffnet worden waren und Partisanen erschossen hatten, die sich Lebensmittel beschaffen wollen. Arad streitet ab, an der Tötung von Zivilisten beteiligt gewesen zu sein.

Die polnische Zeitung Rzeczpospolita interviewte Yitzhak Arad am 12. Juli und konfrontierte ihn detailliert mit dem, was die litauische Staatsanwaltschaft herausgefunden haben will. "Did you participate in plundering the civilians?" -"It is easy for you to pose such questions, when you sit in a reclined position in a comfortable armchair in a fully air-conditioned office. We were fighting there to survive. It was a jungle. Without food from the peasants we would not be able to survive in the forests even one day."

Dov Lewin, emeritierter Professor der Universität von Jerusalem, war - wie Arad - ebenfalls sowjetischer Partisan in Litauen. Er sagte der Rzeczpospolita: "Our enemies were both Germans and reactionary White-Poles. The dilemma we faced then, was in fact who would be killed first. These were the realities of bloody partisan war in Lithuania. Everybody was fighting against everybody."

Die Hebräische Universität in Jerusalem hat in Kooperation mit anderen Instituten schon in den sechziger Jahren eine detaillierte Untersuchung über die Rolle des bewaffneten jüdischen Widerstands in Litauen gegen die Nazis veranlasst. Die Ergebnisse, insbesondere auch über die fast ausschließlich jüdische "Litauische Division" innerhalb der Roten Armee und den jüdischen Partisanenkampf in Litauen, sind 1974 als Buch erschienen: "They Fought Back: Lithuanian Jewry's Armed Resistance to the Nazis".

Von den rund 40.000 Juden, die Anfang 1942 in den Ghettos von Wilna und anderen Städten überlebt hatten, war die Mehrzahl Frauen. Rund 1.500 von ihnen schlossen sich dem bewaffneten Widerstand an und versuchten, die Flucht in die Wälder zu organisieren. Rund 400 kämpften in der Vilnius-Brigade. Die meisten von ihnen waren Teenager und junge Erwachsene und sprachen untereinander Jiddisch. Die vier Unterabteilungen nannten sich "Die Rächer" unter dem Kommando vom Abba Kovner, "Sieg" unter Shmuel Kaplinsky, "Tod dem Faschismus", kommandiert von Yaakov Prenner, "Kampf" unter Aron Aronovich. Anfang 1944 wurden die jüdischen Partisanen-Kommandeure durch sowjetische ersetzt. Von den Aktionen der Widerstandskämpfer im Wald von Rudniki ist sogar ein Tagebuch erhalten. Dort heißt es: "19 1/44 In the operation to destroy the armed village of Koniuchy, 30 fighters took part, of the units 'Avenger' and 'To Victory.'"

Warum sich die litauische Staatsanwalt so sehr für die jüdischen Partisanen interessiert, obwohl dieses Kapitel der litauischen Geschichte in Israel schon längst historisch aufgearbeitet wurde, die Nazi-Kollaborateure aber weitgehend in Ruhe lässt, kann man kaum rational erklären. Die offizielle Politik handelt nach der Maxime "Rot gleich Braun" und behandelt die Nazi-Herrschaft und die sowjetische Besatzung gleichwertig als "totalitäre Regime". Hakenkreuze werden mit den sowjetischen Symbolen Hammer und Sichel gleichgestellt und sind verboten. Litauens Außenminister Jaroslavas Neverovicas hält die Kommission zur Aufarbeitung der Vergangenheit zwar eines "der besten Dinge", die im nachsowjetischen Litauen geschehen sei. Der aktuelle Fall sei "unglücklich." Aber wenn eine Anklage erhoben werde, müsse man eben ermitteln.

Vytautas Landsbergis, das ehemalige Staatsoberhaupt Litauens, gibt offenbar die Mehrheitsmeinung der Litauer in einem Interview mit der ultrarechten Wochenzeitung "Junge Freiheit" zum Besten: "Vermutlich hat kein Land so sehr unter der Sowjetherrschaft gelitten wie Polen. Denken Sie nicht nur an Besatzung und Annexion, denken Sie auch an die zahlreichen Kriegsverbrechen, die in Polen von der Roten Armee begangen wurden."

Offenbar wird angesichts der zum Teil verständlichen nationalen litauischen Aversion gegen Russland der immer noch virulente Antisemitismus und dessen Tradition in den Köpfen einiger Politiker völlig verdrängt. Von den Litauern hat während des 2. Weltkriegs kaum jemand den Nazis Widerstand geleistet - außer den jüdischen Partisanen. Warum das so war, dafür scheint sich bis jetzt auch niemand zu interessieren. Ob das ehrenhaft für eine europäische Kulturhauptstadt ist, muss gewiss noch diskutiert werden.

Von Elkahan Elkes, dem Vorsitzenden des Judenrats im Ghetto von Kaunas, ist der Satz überliefert: "Dies ist der ehrenwerte Weg, dem wir alle folgen sollten. Ich nehme alle Verantwortung auf mein Gewissen; (...) Man sollte jede Gelegenheit für Widerstand ergreifen, besonders, wenn es ein ehrenwerter Kampf ist". Die Rzeczpospolita fragte Yitzhak Arad, wie er heute über seine Zeit als Partisan in Litauen denke? Er sei stolz darauf, war die Antwort.

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