Lockdown und Lockout - Runterfahren und Aussperren

Zur Entstehung einer neuen Medienkritik aus der Mitte der Gesellschaft

Die Corona-Krise hat einige Kollateralschäden hervorgebracht, dazu zählt etwa Übergewicht wegen Sperrung der Fitnessstudios oder Ehekrisen. Auch der Journalismus wird nicht unbeschädigt aus dieser Zeit hervorgehen, in der die Medien staatstragend wurden. Ihr Umgang mit den Corona-Dissidenten - neben dem gesellschaftlichen Lockdown quasi der mediale Lockout der Kritiker - steht schon kennzeichnend für die Krise und ihre bisher nicht dagewesenen Totalität.

Diese Situation war auch verantwortlich für den jüngsten Schritt in Richtung einer neuen Medienkritik aus der Mitte der Gesellschaft, die sich auf "Alternativmedien" des Internets stützt und ihren Anfang 2005 mit der Hartz IV-Gesetzgebung genommen hat. Über die Flüchtlingskrise 2015 und jetzt die Corona-Krise lässt sich eine Erosion der Leitmedien feststellen. Will man die momentane Situation der Kritik an den Medien und die Behandlung der Corona-Maßnahmen-Gegner verstehen, macht es Sinn, sich ihr historisch zu nähern. In das Blickfeld kommt dann eine fehlende Repräsentation gesellschaftlicher Gruppen in Politik und Publizistik, was sich im Übrigen gegenseitig bedingt.

Eine kleine Geschichte der Medienkritik kann man mit der Weimarer Zeit beginnen. Sie steht nicht unbedingt im Vordergrund der seinerzeitigen politischen Kämpfe, was auch an der damaligen Situation der Medien - dabei vor allem die der Presse - lag: Die Zeitungen verstanden sich keineswegs als überparteilich, sondern ganz im Gegenteil einer politischen Partei oder einem Lager fest verbunden. Es ging um den richtigen Weg, der in den Leitartikeln aufgezeigt wurde, nicht um Ausgewogenheit, es dominierte die Partei- und Gesinnungspresse. In diesem Sinne war Kritik am politischen Gegner quasi immer auch schon eine "Medienkritik".

Doch es gab auch explizite Formen, wozu auf linker Seite 1924 die Gründung der "Arbeiter-Illustrierte-Zeitung" (AIZ), die der KPD nahestand, gehörte. Ihr inhaltliches Konzept bestand darin, der "Verdummung" der bürgerlichen Presse entgegenzuwirken, ohne deren Manipulationsstrategien und Verfahren zu kopieren. In der AIZ Nr. 50 von 1932 etwa wurde die Behauptung der bürgerlichen Presse, es gehe wirtschaftlich aufwärts, durch den Foto-Beweis einer fast menschenleeren Fabrikhalle "entlarvt".

Eine rechte Medienkritik musste sich nicht anstrengen, da große Teile der Presse wie der Hugenberg-Konzern selbst rechts war, es gab sie aber doch. Etwa in Gestalt konservativer Kulturkritik, wie sie Oswald Spengler in "Der Untergang des Abendlandes" (1918) formulierte, wenn bei ihm der "formlos durch alle Großstädte flutende Pöbel" identisch ist mit dem modernen Zeitungsleser.

Nach dem 2. Weltkrieg hat sich in Deutschland die Mediensituation verändert, die Zeitungen orientieren sich nach den Zeiten der Gleichschaltung im Nationalsozialismus an angelsächsischen Presskodexen, so wie die Wissenschaft sich dem Positivismus zuwendet. Zwar gibt es die politischen Lager des Kalten Krieges, die reine Gesinnungspresse schwächt sich aber ab.

Neben der Kulturkritik (die in Comics "Schmutz und Schund" sieht), tritt die Medienkritik im Gefolge der 1968er Revolte auf den Plan. Einerseits ganz pragmatisch als Straßenkampf gegen die Springer-Presse und andererseits akademisch in den Seminaren der Universitäten als marxistische Ansätze. Für ersteres steht der 11. April 1968, als nach dem Attentat auf Rudi Dutschke das Gebäude der Bild-Zeitung in München gestürmt wurde. Für letzteres der Mediensoziologe Horst Holzer, der als Mitglied der DKP Berufsverbot erhielt. In seinem Buch "Kommunikationssoziologie" von 1973 geht er der damals gern gestellten Frage nach, wie sich "massenkommunikative Prozesse im Herrschaftssystem des staatsmonopolistischen Kapitalismus" konstituieren.

Es ist eines von vielen Werken, die sich aus linker Perspektive mit der Kritik der Medien beziehungsweise kritischer Medienforschung beschäftigen. Und die damalige links-alternative Szene belässt es nicht nur bei der Kritik, sondern schafft sich als gesellschaftliche Bewegung auch eigene Repräsentationsformen: Politisch mit der Gründung der grünen Partei, publizistisch mit der Gründung einer alternativen Tageszeitung, der "taz".

Die politische Wende von 1989 löst einen allgemeinen gesellschaftlichen Richtungswechsel aus, die Medienkritik, die bisher vor allem eine Kritik von links her war, beginnt zu verstummen. An den Universitäten geht es zunehmend nicht mehr um die marxistische Kritik des Mehrwerts, sondern um die Schaffung des Mehrwerts für die Medienindustrie.

2002 macht Dieter Prokop, Professor für kritische Medienforschung an der Uni Frankfurt, seinem Ärger Luft, in dem er sich in seinem Buch "Die Unzufriedenheit mit den Medien" über einen Medienkongress lustig macht, wenn er den Uni-CEO sagen lässt: "Im neuen Profit-Center für Religion und Medien wird die Kreativprofessur für Medien direkt von einer großen Werbeagentur gesponsert. Das steigert die employability unserer Studierenden." Nach der Emeritierung Prokops in 2005 wurde der Lehrstuhl für kritische Medienforschung nicht mehr besetzt.

Der Beitrag war als Vortrag auf dem Kongress: "Kommunikation, Kapitalismus und Kritik: Kritische Mediensoziologie im 21. Jahrhundert" der European Sociological Association im September 2020 in Turin geplant, die Konferenz wurde wegen der Corona-Krise abgesagt. Der Autor lehrt Mediensoziologie an der Uni Frankfurt/Main.

(Rudolf Stumberger)