Lockdowns: Wer gewinnt, wer verliert?

Über die Kosten und Nutzen einer der umstrittensten Coronamaßnahmen

Im März 2020 begannen die ersten Corona-Lockdowns in Europa und kurz darauf in den USA. Nun, nach fast zwei Jahren Corona-Politik kann man versuchen, eine Kosten-Nutzen-Bilanz zu ziehen: Was haben die politischen Einschränkungen gebracht, was haben sie gekostet? Wem haben sie genutzt, wem geschadet?

Kosten und Nutzen der Coronamaßnahmen in Industrieländern

Am 20.1.2022 erschien genau zu dieser Fragestellung im Wall Street Journal ein Artikel mit dem Titel "Eine ökonomische Bewertung der Covid-Lockdowns". Darin heißt es:

Inzidenzen einer Krankheit zu reduzieren ist nicht notwendigerweise wünschenswert, wenn exzessive Prävention in Form von Lockdowns oder Schulschließungen die Gesellschaft mehr kostet als der Schaden, den die Krankheit verursacht. Wir sperren nicht unsere Autobahnen ab, um die Unfalltoten zu minimieren, obwohl es gefährliche Fahrer gibt. Aber genau das tun wir, wenn die Regierung interveniert, um ansteckende Krankheiten einzuschränken, wenn sie beispielsweise Zwangsimpfungen einführt, die die Verbreitung der Krankheit nicht verhindern.

Wall Street Journal

Das einflussreiche US-Wirtschaftsblatt verweist in dem Artikel auf eine Studie der University of Chicago von Anfang 2020, die schätzte, dass etwa 80 Prozent der Schäden, die durch Covid verursacht werden, von den Abwehrmaßnahmen kämen und nur 20 Prozent von der Krankheit selbst.

Heute zeige sich, dass durch die US-Politik, die im Gegensatz zu Europa nicht die ganze Wirtschaft abgewürgt habe, insgesamt ein geringerer gesamtgesellschaftlicher Schaden angerichtet wurde als in Europa.

US-Präsident Joseph Biden solle nicht die Reduzierung der Anzahl der Covid-Toten um jeden Preis als Ziel haben, sondern die Minimierung des gesellschaftlichen Gesamtschadens, der den Schaden durch Lockdowns, Schulschließungen und unproduktive Wirtschaftseinschränkungen mitberücksichtige.

Im Zusammenhang mit unproduktiven Wirtschaftseinschränkungen berichtete das Wall Street Journal ebenfalls am 20.1.2022 zu Corona, dass Genesene einen besseren Infektionsschutz hätten als Geimpfte. Dieses Ergebnis wurde von den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) am 19.1.2022 veröffentlicht, die 1,1 Millionen Delta-Covid-Fälle aus den Monaten Mai bis November 2020 in den USA erfasst hatten.

Zitiert wird der CDC-Epidemiologe Benjamin Silk: "Wenn wir auf Sommer und Herbst 2020 schauen, als Delta in den USA dominierend wurde, bot das Überleben einer Infektion einen größeren Schutz" als eine Impfung.

Das sind bemerkenswerte Aussagen im führenden US-Wirtschaftsjournal: Die gesamtgesellschaftlichen Kosten der politischen Coronamaßnahmen seien unnötig hoch, die Maßnahmen also stark übertrieben gewesen, die Kosten sehr viel höher als der Nutzen. Zudem wird nun eine Impfung, teilweise mit Zwangsmaßnahmen, propagiert, "welche die Verbreitung der Krankheit nicht verhindert" und die einen geringeren Schutz vor einer künftigen Corona-Erkrankung bietet als das Durchgehen durch die Krankheit selbst.

Solche Aussagen findet man im deutschen öffentlichen oder gar politischen Diskurs fast gar nicht. Gründliche Untersuchungen der Verhältnismäßigkeit der deutschen Coronamaßnahmen und eine offene Diskussion darüber wären auch in Deutschland dringend erforderlich.

Kosten und Nutzen der Coronamaßnahmen im internationalen Rahmen

Werfen wir nun einen Blick auf internationale Auswirkungen der Coronamaßnahmen. Am 17.1.2022 erschien eine umfangreiche Studie von Oxfam mit dem Titel "Inequality Kills", die sich mit Auswirkungen der Coronamaßnahmen auf globaler Ebene beschäftigt. Die Hauptergebnisse lauten:

1. Das Vermögen der zehn vermögendsten Männer der Welt hat sich wegen Covid mehr als verdoppelt, während sich die Einkommen von 99 Prozent der Menschheit verschlechtert haben. Die zehn vermögendsten Männer der Welt besitzen nun ein größeres Vermögen als die untersten 3,1 Milliarden Menschen.

Seit Beginn der Pandemie entstand alle 26 Stunden ein neuer Milliardär. Gleichzeitig wurden über 160 Millionen Menschen in Armut gestürzt. Seit 1995 haben das oberste Prozent der Erdbevölkerung etwa 20 Mal so viel vom Vermögenszuwachs abbekommen wie die unteren 50 Prozent.

2. Die Vermögen der weltweit 2.755 Milliardäre wuchsen seit Covid-19 stärker als in den gesamten 14 Jahren zuvor zusammengenommen, obwohl auch diese 14 Jahre schon fette Jahre für die Milliardäre waren. Das ist der größte Zuwachs an Milliardärsvermögen seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Ungleichverteilung ist heute so groß wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dem Höhepunkt des westlichen Imperialismus.

3. Die stark gestiegene Ungleichverteilung führt zum Tod eines Menschen alle vier Sekunden bzw. 7,78 Millionen Menschen pro Jahr. Seit Ausbruch von Corona sind demnach etwa 15,5 Millionen Menschen an Armut, im Wesentlichen wegen Hunger, umgekommen. Im selben Zeitraum sind etwa 17 Millionen Menschen an Covid gestorben. Das Durchschnittsalter der Hungertoten, unter denen äußerst viele Kinder sind, ist dabei um ein Vielfaches niedriger das der Covid-Toten.

Diese ungünstigen Entwicklungen werden auch durch andere Untersuchungen bestätigt: Entwicklungsländer und Arme wurden und werden laut Wall Street Journal durch die politischen Coronamaßnahmen ungleich härter getroffen als Industrieländer und wohlhabende Menschen.

Während in der westlichen Welt, insbesondere den USA, die Arbeitslosigkeit weitgehend verschwunden ist und sogar in einen akuten Arbeitskräftemangel umgeschlagen hat, leiden die Entwicklungsländer noch heute erheblich unter hoher Arbeitslosigkeit, die durch die Lockdowns verursacht wurden und werden.

Für 2023 wird von der International Labor Organization (ILO) in Genf erwartet, dass die Industrieländer bei der Arbeitslosigkeit wieder bei dem Vorkrisenniveau angelangt sein werden, während für die Entwicklungsländer 174 Millionen Arbeitslose prognostiziert werden, verglichen mit 157 Millionen vor den Lockdowns, also 17 Millionen mehr. Das verheißt für die Armen und Ärmsten in dieser Welt nichts Gutes.

Dazu kommt, dass Lebensmittel im Dezember 2021 um 23 Prozent teurer waren als im Vorjahresmonat und 36 Prozent teurer als im Jahresdurchschnitt 2020. Das verheißt für die Armen dieser Welt erst recht nichts Gutes.

Fazit

Die gesellschaftlichen Kosten der Staatseingriffe, um Corona zu bekämpfen, dürften in vielen Ländern deren Nutzen deutlich übertroffen haben. Insbesondere hat sich dadurch die weltweite Ungleichverteilung dramatisch erhöht, sowohl innerhalb der einzelnen Länder wie zwischen den Ländern. Die Armen wurden ärmer, die Reichen wurden reicher. Zufall?

Für Oxfam nicht: "Das ist kein Zufall, sondern eine bewusste Entscheidung: "Ökonomische Gewalt" wird begangen, wenn strukturelle politische Entscheidungen zu Gunsten der reichsten und mächtigsten Menschen getroffen werden (…) zu Gunsten von einigen Wenigen."

Prof. Dr. Christian Kreiß, Jahrgang 1962: Studium und Promotion in Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftsgeschichte an der LMU München. Neun Jahre Berufstätigkeit als Bankier, davon sieben Jahre als Investment Banker. Seit 2002 Professor an der Hochschule Aalen für Finanzierung und Volkswirtschaftslehre. Autor von sieben Büchern: Gekaufte Wissenschaft (2020); Das Mephisto-Prinzip in unserer Wirtschaft (2019); BWL Blenden Wuchern Lamentieren (2019, zusammen mit Heinz Siebenbrock); Werbung nein danke (2016); Gekaufte Forschung (2015); Geplanter Verschleiß (2014); Profitwahn (2013). Drei Einladungen in den Deutschen Bundestag als unabhängiger Experte (Grüne, Linke, SPD). Zahlreiche Fernseh-, Rundfunk- und Zeitschriften-Interviews, öffentliche Vorträge und Veröffentlichungen. Mitglied bei ver.di und Christen für gerechte Wirtschaftsordnung. Mehr Informationen auf seiner Homepage