Lockdowns "nur gerechtfertigt, um Zeit zu gewinnen"

Die böhmischen Wirtschaften bleiben vorerst leer. Foto: Palickap. Lizenz: CC BY-SA 4.0

Nach der irischen hat sich nun auch die tschechische Regierung zu einem zweiten Herunterfahren der Wirtschaft entschlossen - in Slowenien rät der Gesundheitsminister dazu

Der tschechische Gesundheitsminister Roman Prymula, ein gelernter Epidemologe, hat heute bekannt gegeben, dass ab Donnerstag nur mehr Lebensmittelläden, Apotheken und einige andere Ausnahmegeschäfte öffnen dürfen. Dann dürfen die Tschechen nur noch das Haus verlassen, wenn sie in eines dieser Ausnahmegeschäfte, zur Arbeit, zu Familienangehörigen, oder zum Spazierengehen in einem Park oder Wald unterwegs sind.

Septembermaßnahmen kehrten den Trend nicht um

Hintergrund dieser Maßnahme sind 11.984 positiv ausgefallene Sars-CoV-2-Tests in den 24 Stunden davor. Der Anstieg der Positivtests begann bereits im September. Damals versuchte der tschechische Regierungschef Andrej Babiš den Trend mit einem begrenzteren Notstand umzukehren (vgl. Corona: Nochmal Notstand in Tschechien und der Slowakei).

Gestern hatte die irische Regierung als erste einen zweiten Komplett-Lockdown nach einem herbstlichen Wiederanstieg der Positivtestzahlen verhängt (vgl. Irland: Lockdown soll "Weihnachten retten"). In Slowenien steht er möglicherweise kurz bevor. Dort sagte Gesundheitsminister Tomaž Gantar der Marburger Zeitung Večer, er befürworte "angesichts des Trends bei Neuinfektionen" ein "komplettes Stilllegen das öffentlichen Lebens".

Mehr Tote als im Frühjahr

Der Lockdown sollte seiner Ansicht nach "schnellstens" beginnen und zwei Wochen lang dauern. "Vor uns", so der gelernte Arzt von der Rentnerpartei Demokratična stranka upokojencev Slovenije (DeSUS), steht nämlich "eine Woche Schulferien, weshalb wir das Land ohne größeren Schaden runterfahren könnten - und wenn wir noch eine Woche dazulegen, könnte die Lage unter Kontrolle gebracht werden".

Die 1503 Positivtests in den 24 Stunden davor, die ihn zu dieser Einschätzung brachten, wirken in Vergleich zu denen Zahlen aus Tschechien zwar nicht sonderlich hoch - aber das früher ebenfalls zum Habsburgerreich gehörige Alpenland hat statt 10,7 auch nur gut zwei Millionen Einwohner. Davon starben gestern acht an Covid-19 Erkrankte - mehr als an jedem anderen Tag seit dem Beginn der Pandemie. Insgesamt liegt die Zahl der Coronatoten in Slowenien nun bei 200.

Bereits jetzt gilt im Nachfolgestaat des Kronlandes Krain von neun Uhr abends bis sechs Uhr früh eine Ausgangssperre. Zudem dürfen die Slowenen, die Region, in der sie wohnen, nur mit behördenakzeptabler Begründung verlassen. In vielen dieser Regionen haben die Gasthäuser schon zu, morgen folgen ihnen - unabhängig von einem zweiten Lockdown - die Kinos und Theater.

Keine längerfristig geeignete Methode

Ob die neuen Lockdowns in Irland, Tschechien und vielleicht auch Slowenien zu den gewünschten Ergebnissen führen werden, ist noch unklar. David Nabarro, einer der sechs Corona-Sonderberichterstatter der Weltgesundheitsorganisation WHO, rät inzwischen von ihnen ab. Seiner Meinung nach sind sie "nur gerechtfertigt, um Zeit zu gewinnen":

"Und zwar Zeit, um umzuorganisieren, um sich neu aufzustellen, um die eigenen Ressourcen neu auszutarieren, und um medizinisches Personal zu schützen, das erschöpft ist."

Sie seien aber keine längerfristig geeignete Methode, "um das Virus zu kontrollieren", weil sie eine Auswirkung hätten, die man nicht unterschätzen dürfe: "Sie machen die Armen noch ärmer." Deshalb plädiert Nabarro dafür, "das Virus in Schach und gleichzeitig die Wirtschaft und das soziale Leben am Laufen zu halten". Dazu könne man beispielsweise Track-and-Trace-Systeme einsetzen.

Günter Weiss, der Direktor der Universitätsklinik für Innere Medizin in Innsbruck, hatte bereits im letzten Monat davor gewarnt, "täglich auf Fallzahlen zu starren" (deren Aussagekraft er für "hinterfragenswert" hält) und dabei andere Krankheiten ebenso zu vergessen wie die Wirtschaft und die Verhältnismäßigkeit. Dabei sieht Weiss auch eine Eigendynamik am Werk, bei der es jeder "noch besser machen oder noch mehr zeigen will", was dann zu "skurrilen Dingen" führt. (Peter Mühlbauer)