Lockerung des Zugangs zur Erlösung

Abgetriebene und ungetauft gestorbene Kleinkinder sollen nicht mehr in der Vorhölle landen: Die versuchte Anpassung des Vatikans an die Gegenwart

Die Meldung machte die Runde, auch wenn sie vermutlich nur wenige wirklich interessierte. "Vatikan schafft Fegefeuer ab", hieß es zunächst bei Spiegel Online wie in vielen anderen Medien, die eine Agenturmeldung übernommen hatten. Das war allerdings falsch, denn bei der Entscheidung ging es darum, ob ungetauft gestorbene Kinder nur in die Vorhölle (Limbo) kommen. Schnell wurden daraufhin die Titel korrigiert - oder gleich die Meldung wie bei der FAZ entfernt. Auf Richtigstellungen verzichtete man durchweg.

Die Kettenreaktion ist leicht erklärt und nicht nur auf theologische Unkenntnis der Journalisten zurückzuführen. Natürlich würde die Abschaffung des Fegefeuers (Purgatoriums) durch den Vatikan mehr Aufmerksamkeit erhalten als eine Diskussion, ob Kleinkinder, die ungetauft sterben, in der Vorhölle bleiben müssen. In diesem Limbus infantium, den wohl kaum einer kennt, haben sie freilich im Gegensatz zu den Menschen, die im Fegefeuer vorübergehend ausharren müssen, um geläutert zu werden, keine Chance, jemals in den Himmel zu gelangen, auch wenn es ihnen dort mit einer "natürlichen Glückseligkeit" eigentlich ganz gut gehen soll. Schließlich haben sie ja keine persönliche Schuld auf sich laden können, tragen aber eben noch den Makel der von Adam und Eva begangenen Erbsünde mit sich.

Deswegen ist die Vorstellung wohl auch kaum vermittelbar, warum Kinder, die gar nicht die Möglichkeit hatten, getauft zu werden, nur weil sie zufällig von den falschen Eltern geboren wurden, durch einen Unfall oder auch durch Abtreibung umkamen, ewig dafür büßen müssen. Zwar war der Limbus für die ungetauften Kinder nie Bestandteil der offiziellen Lehre der katholischen Kirche, also kein Dogma, aber die Vorstellung diente einst doch dazu, zögernde Menschen mit dem Seelenheil zu erpressen, möglichst umgehend ihre Kinder zu taufen, um sie von der Erbsünde durch den Gnadenakt zu reinigen. Streng nach dem Grundsatz, dass nur derjenige, der getauft ist, auch Zugang zum Himmel hat, weil er "dazugehört", während alle anderen der Verdammnis angehören (Extra ecclesia nulla salus), wurden auch diejenigen, die keine Wahl hatten, vom ewigen Heil ausgeschlossen. Anstatt die unschuldigen Kinder aber an den Rand (Limbus) des Himmels zu stellen, wurden sie von der Kirche mit ihrer angeblich barmherzigen Religion an den Rand der Hölle verbannt. Das aber war schon ein Zugeständnis. Augustinus wollte sie noch ganz in die Hölle stecken, aber da gab es auch noch eine stärkere Konkurrenz für die Kirche und musste sie mit härteren Mitteln kämpfen.

Das ist nicht sehr gnädig, wie auch Joseph Ratzinger schon befand, bevor er Papst wurde. Er legte sie der Internationalen Theologischen Kommission unter Vorsitz des amerikanischen Kardinals William J. Levada vor, die Jahre lang überlegte, was man denn mit diesen Kindern machen soll, die in kein Schema passen (man sollte allerdings denken, dass die Situation auch auf Kinder zutrifft, die überleben, aber keinen wirklichen Kontakt zur "wahren Lehre", also zum katholischen Gott, haben, womit man auch bei vielen Erwachsenen wäre …). Im Januar hatte die Kommission den Bericht fertig gestellt, letzten Freitag wurde er vom Papst approbiert, der die Konstruktion mit dem Limbus schon zuvor als "theologische Hypothese" abgewertet hat.

Dringend war Ratzinger die Frage vor allem geworden, weil die Zahl der Kinder, die abgetrieben werden, wächst und in Ländern wie Afrika eine hohe Kindersterblichkeit herrscht. Viele Menschen, so heißt es in dem Text "Die Hoffnung auf Erlösung für Kinder, die ungetauft sterben", können nicht mehr nachvollziehen, warum Gott gerecht und barmherzig sein soll, wenn er Säuglinge, die keine persönliche Schuld auf sich geladen haben, von der ewigen Seligkeit ausschließt. Man sei sich ziemlich gewiss, dass Gott wünsche, alle Menschen zu erlösen, heißt es vorsichtig, da man die Taufe als Passagierschein zur Kirche und zum Seelenheil auch nicht aufs Spiel setzen will. Abgeschaffen wurde also auch die Vorhölle nicht, die theologischen Experten haben lediglich ihrer Überzeugung Ausdruck verliehen, dass sie gerettet werden dürften, weil sonst der Zugang zum Seelenheil zu restriktiv gehandhabt würde.

Die Kirche muss sich also pragmatisch anpassen, um die Gläubigen nicht zu verlieren, bzw. um sie zu überzeugen. Dasselbe Argument könnte man allerdings auch auf andere Dinge anwenden. Möglicherweise ist das auch der Sinn der Entscheidung. Jetzt könnten selbst katholische Eltern zumindest davon ausgehen, dass ihr abgetriebenes Kind nicht in der Vorhölle in "natürlicher Glückseligkeit" schmachten muss, ohne jemals in den Genuss des Anblicks Gottes kommen zu können. Wollte Papst Benedikt XVI., der den Gläubigen gerade erst wieder versichert hatte, dass es die Hölle gibt (Sehnsucht nach der Hölle), etwa gerade das erreichen?´

Sicher nicht, auch wenn dies dadurch für gläubige Menschen bewirkt werden könnte. Tatsächlich tat sich die Kommission sehr schwer damit, die Vorhölle für vorzeitig verstorbene Kinder in Frage zu stellen, ohne andere Dogmen zu gefährden. Man hält sich dann letztlich doch eher unentschieden und spekuliert über Möglichkeiten, wie Gott den ungetauften, frühverstorbenen Kindern doch Zugang zur Seligkeit gewähren könnte, ohne den Wert der Taufe (und damit der Kirchenzugehörigkeit) zu schmälern. Man könne sich denken, so die theologischen Experten, dass für die ungetauften Kleinkinder eine Analogie mit dem sterbenden Christus bestehe oder dass Gott gewissermaßen "Gnade vor Recht" walten lasse. Und auch wenn jeder Mensch in Erbsünde geboren werde, gäbe es doch einen Überfluss an Barmherzigkeit: "Die Solidarität Christi mit der ganzen Menschheit muss Priorität vor der Solidarität der Menschen mit Adam haben."

Für Thomas Rausch, Theologe an der Loyola Marymount University, hat die katholische Kirche mit der Entscheidung, die Vorhölle in Frage zu stellen, immerhin über die Evangelikalen gepunktet, die lehren, dass man nur dann erlöst werden könne, wenn man "eine bewusste und explizite Beziehung zu Christus – wiedergeboren (born again)" habe. Das könnte erklären, warum die Evangelikalen so erklärte Gegner der Abtreibung sind. Aber es zeigt auch, dass die katholische Kirche bei allen Dogmen schon immer wusste, wie man sie auch umgehen konnte.

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