zurück zum Artikel

Lockruf der außerirdischen Superzivilisationen

Bild: SETI

SETI-Forscher auf der Suche nach neuen Strategien und Techniken

Auf der vom SETI Institut ins Leben gerufenen SETICon II, die vom 22. bis 24. Juni im Hyatt Regency Hotel in Santa Clara (Kalifornien) abgehalten wird, trifft sich derweil die Crème de la Crème der US-SETI-Wissenschaftler (SETI=Suche nach außerirdischer Intelligenz). SETICon II versteht sich nicht als rein wissenschaftlich-technische Konferenz, sondern als "unique, entertaining and enlightening public event", wie die Veranstalter betonen. Drei Tage lang sollen Wissenschaftler, SF-Autoren, Künstler, Astronomen und Hobby-Astronomen sowie schlichtweg SETI-Fans oder Neugierige Ideen austauschen, diskutieren, feiern, lernen, sich unterhalten und hier und da über neue Konzepte und Ansätze nachdenken. Anlässlich dieser weltweit einzigartigen SETI-Veranstaltung thematisiert der folgende Beitrag einige Aspekte rund um und über SETI, von denen das Gros in Kalifornien zweifelsfrei zur Sprache kommen wird.

Roboter-Begegnung der dritten Art

Drei Lichttage von der Erde entfernt. Wir schreiben den 17. Juli 2069. Eine bizarr aussehende Sonde, bestückt mit optischen Teleskopen und einer 100 Meter großen Parabolschüssel, pulst ein extrem starkes Radiosignal gen Heimat. 72 Erdstunden später trifft die Nachricht auf die empfindlichen Lunar-LOFAR-II-Antennen. Pünktlich zum 100. Jahrestag der ersten bemannten Apollo-Mondmission registrieren die auf der Rückseite des Erdmondes installierten Radioteleskope das erste, jenseits des Sonnensystems künstlich erzeugte "außerirdische" Radiosignal. Gesendet wurde es über eine Distanz von 82 Milliarden Kilometer vom teuersten und ambitioniertesten Roboter der Menschheitsgeschichte, der kurz zuvor im Brennpunkt der Sonne Position bezogen hat. Dort, wo die Schwerkraft der Sonne die elektromagnetische Strahlung ferner Planeten, Sterne und Galaxien konzentriert, bündelt und jedwedes Licht- oder Radiosignal um den Faktor eine Million verstärkt.

Karl Guthe Jansky (1905-1950). Mit ihm fing das Abenteuer Radioastronomie an. Als erster entdeckte er im Jahr 1932 in der Milchstraße Radioemissionen. Bild: NRAO

Als der irdische metallene Abgesandte sein Bestätigungssignal Richtung Erde funkt, gerät er selbst ins Visier einer Robotersonde. Nur zwei Millionen Kilometer entfernt scannt eine drei Meter große perfekt geformte Kugel den irdischen Neuankömmling mit "Argus"-Sensoren. Schon vor einer Million Jahren hat sich die kugelförmige fremde Relaisstation in der solaren Brennsphäre eingenistet und hält Kontakt zu allen Schwestersonden, sammelt deren Informationen aus dem observierten Sonnensystem und sendet diese an ihre Heimatwelt - so auch dieses Mal.

Aliens und die solare Brennsphäre

Sosehr dieses Szenarium nach Science-Fiction klingt - es fußt auf wissenschaftlichem Fundament. Schließlich überraschte der US-Ingenieur R. von Eshleman von der Stanford Universität in Kalifornien bereits 1979 mit dem bis dahin völlig unbekannten Vorschlag, ein Radioteleskop in die Brennsphäre der Sonne zu schicken.

Mithilfe der solaren Gravitationslinse sollte sich das Observatorium hauptsächlich auf den populären 21-Zentimeter-Wellenbereich fokussieren ("Wasserstofflinie"), der als kosmische Standardfrequenz gilt, auf der Aliens senden könnten.

Prinzip der Gravitationslinse. Bild: NASA

Sechs Jahre später warb kein Geringerer als der Vater und Pionier der SETI-Suchprogramme, Frank Drake [1] für die Umsetzung dieser Idee.

Würden wir ein Teleskop in diesen entlegenen Teil des Weltraums schicken, besäßen wir ein echtes Fenster zum Universum", so Drake. "Dort fänden wir nicht nur das Bild eines Sterns in einem Brennpunkt vor, sondern eine Sphäre von Brennpunkten, die Bilder all jener Sterne zeigt, deren Licht die Sonne passiert.

In Anlehnung an Drakes Vorschlag stellte der italienische Astrophysiker und SETI-Forscher Claudio Maccone [2] erstmals im Mai 1993 das Missionskonzept FOCAL [3] vor. Es sieht das Einbringen einer mit speziellen Teleskopen und einer 100 Meter großen ausfaltbaren Radioschüssel bestückten Sonde in die Sonnenlinse vor. Von dort soll FOCAL gezielt extraterrestrische Licht- und Funkbotschaften aufspüren.

82 Milliarden Kilometer von unserer Sonne entfernt befinden sich die Brennpunkte unserer Sonne, die Aliens zum Austausch interplanetarer Botschaften nutzen könnten. Bild: NASA/ESA

Genauso gut könnten aber auch inmitten dieser Zone extraterrestrische Raumsonden hausen, die den direkten Kontakt zu ihrer Heimatwelt aufrechterhalten. Etwas weiter weg vom planetaren Hinterhof, inmitten der solaren Gravitationslinse, wo sich in einer Entfernung von 82 Milliarden Kilometern die von unserem Heimatstern am Sonnenrand abgelenkten Strahlen bündeln, vermutet Maccone den für außerirdische Sonden besten Aufenthaltsort im Sonnensystem. Hier, fernab der Erde, konnten interstellare Raumschiffe mithilfe der Brennsphäre der Sonne einen optimalen Kommunikationskanal zu ihrer Heimatwelt öffnen und aufrechterhalten. Anstatt gewaltige Antennen auszufahren, wurden sie den verstärkenden Effekt des stellaren Brennpunkts konsequent nutzen, erklärt.

Die Außerirdischen würden wahrscheinlich eine Funkstation im Brennpunkt der solaren Gravitationslinse stationieren, auf einer Linie mit ihrem Heimatstern, der mit seiner Schwerkraft ebenfalls die Funksignale verstärkt", so Maccone. "Wenn wir nach fremden Raumschiffen suchen wollen, dann hier.

Kein Piepser - aber viel Optimismus

Gesucht haben die beflissenen SETI-Forscher bislang viel - gefunden jedoch noch nichts. Mehr als 52 Jahre nach dem ersten von Frank Drake initiierten wissenschaftlich-systematischen Lauschangriff [4] auf außerirdische Funksignale ist die Fangquote der weltweit verstreuten SETI-Akteure ernüchternd. Keiner zog die lang ersehnte interplanetare Flaschenpost ans Erdufer. Kein außerirdisches Treibgut driftete im Wellenmeer des kosmischen Ozeans bis an die Gestade unserer Wahrnehmung.

Das Green Bank Telescope (GBT), das weltweit größte lenkbare Radioteleskop, starrt in Green Bank im US-Bundesstaat West Virginia [5] in den Himmel. Es liegt ganz in der Nähe des Teleskops, mit dem Frank Drake 1960 die erste SETI-Observation durchführte. Durchmesser des GBTs: 100 bis 110 Meter; Reflektorfläche: 7854 m2. Zum Absenden eines interstellaren Kosmogramms eignet es sich jedoch nicht. Bild: NRAO/AUI

Alle verdächtigen Treffer, registriert von mehr als 120 Suchteams, wurden Kandidat für Kandidat ausgesiebt und ausnahmslos als Fehlalarm entlarvt. Doch ungeachtet aller vergangenen Misserfolge blicken die SETI-Protagonisten des 21. Jahrhunderts voller Optimismus in die Zukunft. Ein wenig wohl auch deswegen, weil ihnen anderes nichts übrig bleibt.

Noch in diesem Jahr wird die Anzahl der bestätigten Exoplaneten die 1000 überschreiten. Bild: ESO

Die Zuversicht genährt haben allen voran die Planetenjäger, die bislang 778 Exoplaneten [6] entdeckten und die Hochrechnungen der Exobiologen, denen zufolge lebensfreundliche Planeten und intelligentes Leben im All eher die Regel als die Ausnahme sind. Da die Teleskope zu Boden und im Orbit immer sensibler und effektiver operieren und die Hard- und Software immer besser wird, sezieren die SETI-Jäger ihre Frequenzbereiche immer schneller und genauer - Wellenlänge für Wellenlänge auf mehreren Milliarden Kanälen gleichzeitig.

Konsequenter als je zuvor ziehen sie alle Register der Technik, Strategie, Suchmethodik, Fantasie und Kreativität, um ET & Co. dingfest zu machen. Und sie gehen neue Kooperationen ein - wie etwa mit den Planetenjägern: "Ja, wir arbeiten Hand in Hand. Sollte ein Planetenjäger einen vielversprechenden Exoplaneten entdecken, werden wir unsere Teleskope auf den Himmelskörper ausrichten, sofern unsere finanziellen Mittel dies zulassen", bestätigt Frank Drake den neuen Trend.

Proxima Centauri im Röntgenlicht. Der erdnächste Stern ist 4,2 Lichtjahre entfernt. Sollten in dem dortigen Sonnensystem Hochtechnologien zuhause sein, dürften sie unsere künstlich generierte elektromagnetische Strahlung längst empfangen haben. Bild: NASA/CXC/SAO

Einige Planetenjäger sind indes sogar selbst vom SETI-Virus infiziert, wie etwa die beiden US-Astronomen Geoffrey Marcy [7] und Paul Butler. 1998 starteten sie ein eigenes SETI-Projekt, bei dem sie innerhalb des Lichtspektrums von F-, G-, K- und M-Sternen nach "intelligenten" längeren Laserpulsen suchten. Trefferquote: null.

Der Traum vom Teleskopenfeld

Damit die Flaschenpost endlich in Greifweite rückt, nutzen die SETI-Forscher seit einigen Jahren immer schnellere Computer, bessere Software und vor allem leistungsstärkere Teleskope. Das zurzeit effektivste davon ist das Allen Telescope Array (ATA [8]), eine in Nevada (USA) ansässige hochempfindliche Flotte von gegenwärtig 43 Radioteleskopen, die jeweils einen Durchmesser von 6,1 Metern haben. 350 davon sollen sich mit Fertigstellung der Anlage auf ein Quadratkilometer großes Areal verteilen und im Verbund auf Sendung gehen. Dank seiner Sensibilität könnte ATA selbst künstliche Signale aus bis zu 1000 Lichtjahren Entfernung einfangen und den Großteil der mehr als Myriaden infrage kommenden Frequenzen in dem Radiobereich zwischen 1 bis 10 Gigahertz genau analysieren. Innerhalb der nächsten 24 Jahre könnte ATA allein 1000-mal mehr Daten sammeln und auswerten als alle bisherigen SETI-Projekte in den letzten 52 Jahren zusammen. Doch da das nötige Kleingeld an allen Ecken und Enden fehlt, musste ATA in der jüngsten Vergangenheit monatelang abgeschaltet werden.

Eine von bislang 43 ATA-Schüsseln, von denen eigentlich 350 angedacht waren. Bild: Colby Gutierrez-Kraybill. Lizenz: CC-BY-SA-3.0 [9]

In der Theorie steht den SETI-Forschern mit ATA erstmals ein Großteleskop durchgehend für die Suche nach Aliens zur Verfügung - 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche. Doch trotz einer großzügigen Finanzspritze des Microsoft-Mitbegründers Paul Allen fehlen dem Projekt zur Vollendung noch mehr als 20 Millionen Dollar. "Wir wissen nicht, wann alle Teleskope von ATA gebaut und in Betrieb sein werden. Momentan bekommen wir die Finanzkrise deutlich zu spüren", klagt der SETI-Gründer Frank Drake, der ungeachtet seiner 81 Jahre als Präsident des SETI-Instituts in Kalifornien weiterhin unermüdlich im Dienst der SETI-Idee unterwegs ist.

Exoplaneten - überall Exoplaneten (künstlerische Illustration). Bild: ESO/M. Kornmesser

Während es am Geld mangelt, sind gute Ideen reichlich vorhanden. Mit einer solchen überraschten die beiden US-Physiker Guiseppe Cocconi und Philip Morrison vor 53 Jahren die Fachwelt, als sie in dem renommierten Wissenschaftsmagazin "Nature" (Nr. 184/4690, S. 844-846) vorschlugen [10], mit Radioteleskopen nach außerirdischen Funksignalen im langwelligen Bereich der Wasserstofflinie (1,42 Gigahertz) zu suchen. Ihre Argument: Da auf dieser Frequenz der neutrale interstellare Wasserstoff, das im Universum am häufigsten vorkommende Element, emittiert, müssten fremde Zivilisationen die Bedeutung der 21-Zentimeter-Linie kennen.

Laserflashes - OSETI

Es sollte aber noch eine Weile dauern, bis bei den SETI-Verantwortlichen die Erkenntnis reifte, dass außerirdische Technologien aber auch völlig andere Frequenzbereiche frequentieren und auf Wellenlängen im sichtbaren, im ultravioletten sowie infraroten Bereich senden könnten. Was der sowjetische Astronom Victor F. Shvartsman mit seinem 60-Zentimeter-Teleskop im Rahmen des MANIA-Projektes 1973 erstmals in die Tat umsetzte und Marcy sowie Butler 1998 fortsetzten, avancierte 2001 zur SETI-Doktrin.

In der Studie SETI 2020 [11] sprach sich eine ad hoc einberufene Arbeitsgruppe dafür aus, in den nächsten 20 Jahren sowohl nach Radio- als auch Lasersignalen zu suchen. Es war das offizielle Startsignal und zugleich der Ritterschlag für die bis dahin vernachlässigte optische SETI-Variante (OSETI). Seither folgt SETI einer Doppelstrategie und fahndet nicht mehr allein nach Radiosignalen, sondern parallel mit optischen Teleskopen nach kurzen Laserblitzen oder lang pulsierenden Laserstrahlen intelligenter Herkunft. Und seitdem jagt eine Handvoll OSETI-Forscher weltweit mit leistungsstarken optischen Teleskopen und speziellen, sensiblen Fotodetektoren nach extrem kurzen oder langen außerirdischen Laserpulsen.

Die 304,8 im Durchmesser große unbewegliche Arecibo-Schüssel in Puerto Rico (USA). Bild: Courtesy of the NAIC - Arecibo Observatory, a facility of the NSF

Dabei startete die erste OSETI-Suchaktion schon vor 38 Jahren. Als im November 1974 Frank Drake in Puerto Rico von dem hiesigen Radioteleskop [12] seine legendäre Arecibo-Botschaft absandte [13], trat zeitgleich das erste und bislang letzte Mal ein Weltraumteleskop in den Dienst der SETI-Idee. Kurioserweise tastete damals die NASA-Sonde Copernicus (OAO-3) seine drei Zielsterne ausschließlich nach Lasersignalen im ultravioletten Bereich unter 0,28 Mikrometern ab - Radiowellen jedoch nicht. Seitdem versuchten Dutzende OSETI-Projekte den intelligenten Laserflash mit erdgebundenen Teleskopen zu detektieren. Doch bis heute erhellte kein Alien-Laserflash die samtene Schwärze des Alls.

Australischer SETI-Beitrag

Das derzeit einzige optische Suchprogramm auf der südlichen Hemisphäre leitet Ragbir Bhathal [14] von der Universität von Western Sydney in Campbelltown (Australien). Sekundiert von zwei computergesteuerten 0,4 und 0,3 Meter-Teleskopen und hochsensiblen Lichtdetektoren, visiert Bhathal seit 12 Jahren in einem Radius von 100 Lichtjahren vornehmlich Sonnen vom Typ F, G und K an. Mindestens 1000 Sterne konzentrieren sich innerhalb dieser Region.

Der Traum vom Superteleskop. Künstlerporträt des OWL (Overwhelmingly Large Telescope). Laut einer Konzeptstudie der Europäischen Südsternwarte ESO könnte einmal ein solches optisches Teleskop mit einem 100-Meter-Spiegel alle Rekorde sprengen und alle bisherigen Observationen in punkto Auflösung in den Schatten stellen. Mit ihm ließen sich auch OSETI-Observationen auf höchstem Niveau durchführen. Bild: ESO

Bhatals Lichtsensoren sind derart empfindlich, dass sie Laserpulse von der Dauer einer Milliardstel Sekunde (=eine Nanosekunde) erfassen. Strahlten etwa im Teleskopstrahl binnen einer einzigen Nanosekunde zehn oder mehr Photonen um die Wette, wäre dies ein klarer Hinweis auf eine künstliche Quelle, vor allem dann, wenn das Lasersignal periodisch erscheint. In diesem Fall muss es artifizieller Natur sein, weil die von Sternen ausgesandten Photonen in der Regel ungeordnet und ohne regelmäßiges Intervall eintreffen.

Ragbir Bhathal bei der Arbeit. Bild: Ragbir Bhathal

Anfang Dezember 2008 registrierten Bhathals Detektoren in der Tat einige Photonen zu viel. Auf seinem Computer sorgte ein unnatürlich starker Laserpuls [15] für einen starken Amplitudenausschlag, der nur wenige Nanosekunden währte und sich nicht wiederholte.

"Es könnte sich um einen Störimpuls unserer Instrumente gehandelt haben", vermutet Bhatal. "Oder es war ein astronomisches Phänomen oder tatsächlich ein künstliches Signal." Auch wenn bis heute unklar ist, was es war, glaubt Bhatal nach wie vor, dass hoch technisierte Kulturen ausschließlich via Laser kommunizieren. "Für eine fortgeschrittene Zivilisation wäre eine auf Radiowellen basierende Technologie ein zu alter Hut."

NuSETI

Neutrino-SETI (NuSETI [16]) indes wäre der nächste Schritt nach vorn. Die erstmals 1979 von dem US-Physiker M. Subotowicz vorgeschlagene Suchstrategie setzt auf Neutrinos, elektrisch neutrale Elementarteilchen, die wie Elektronen zu den Leptonen zählen, aber höchstens den Millionstel Bruchteil von deren Masse haben. Sie entstehen, wenn Kerne von Galaxien brodeln, Schwarze Löcher zusammenstoßen, Supernovae das All erschüttern - oder Aliens sie künstlich produzieren.

Bild: SETI

Da Neutrinos fast alles, was sich ihnen in den Weg stellt, ungebremst und geradlinig durchrasen und sich daher ihre Flugbahn leicht zurückverfolgen lässt, könnten fortgeschrittene Zivilisationen hochenergetische Morsecode-ähnliche oder digital codierte Neutrinosignale über Tausende Lichtjahre hinweg durchs All senden - zur interstellaren Kontaktaufnahme. "Neutrinosignale dieser Art sind extrem markant und mit natürlichen Quellen kaum zu verwechseln", sagt der Physiker und NuSETI-Befürworter John Learned [17] von der Universität Hawaii (USA). Frank Drake jedoch warnt vor übertriebenden Optimismus. "Neutrinos aufzufangen wäre mit enormem Aufwand verbunden. Das könnte teuer werden. Das ist für mich noch Zukunftsmusik."

Kosmische Synchronisation

Superzivilisationen könnten aber auch energiereiche Neutrinostrahlen zum Synchronisieren [18] interstellarer Zeitzonen einsetzen.

Falls eine fortgeschrittene, über die Milchstraße verteilte Zivilisation diese Methode nutzt, um ihre weit voneinander entfernten Instrumente zu synchronisieren, besteht eine echte Chance, solche Signale zu entdecken.

John Learned

"Synchronisation" ist in SETI-Kreisen ohnehin das neue Zauberwort. Manche Wissenschaftler glauben, dass High-tech-Aliens Gravitationswellen [19] - sie gelten als Wellen in der Raumzeit und wurden bislang nur indirekt nachgewiesen - zur interstellaren Kommunikation und als Zeitmarker instrumentalisieren. Andere Wissenschaftler spekulieren offen darüber, ob Aliens die Kontaktaufnahme womöglich absichtlich erschweren, um die planetare Spreu vom kosmischen Weizen zu trennen. Wer ihre kryptischen Nachrichten entschlüsselte, hätte seine intellektuelle Reife bewiesen und wäre im intergalaktischen Klub der Besten willkommen.

Sombrero-Galaxie - eine der schönsten Galaxien in der Metagalaxis, den für uns beobachtbaren Teil des Universum. Für SETI-Forscher sind Galaxien jenseits der Galaxis in der Regel unerreichbar fern und daher als Zielobjekt kaum der Rede wert. Bild: ESO/IDA/Danish 1.5 m/R. Gendler and J.-E. Ovaldsen

Vielleicht aber funken und lasern Superzivilisationen schlichtweg nur zu ganz bestimmten kosmischen Anlässen. Beispielsweise könnten sie den Tod eines Sterns, eine Supernova, nutzen, um Ort und Zeit zwischen dem Sender und Empfänger zu synchronisieren. Bei einer Supernova nimmt die Leuchtkraft des sterbenden Sterns millionen- bis milliardenfach zu. Für einige Tage leuchtet er so strahlend hell wie eine ganze Galaxie. Wie ein Leuchtturm zöge ein solches Ereignis alle Aufmerksamkeit auf sich.

Einige Zivilisationen könnten die Nova als Zeitmarker nutzen, ihre Radioteleskope kurz in die entgegengesetzte Richtung drehen und eine Botschaft funken. Weg von der Supernova - hin zu den Sternsystemen dahinter, wo die Astronomen jener Welten das kosmische Schauspiel ebenfalls studieren müssten. Sie würden zuerst das Licht des sterbenden Sterns sehen und kurze Zeit später die interstellare Post im Schlepptau auflesen. Noch diskutieren irdische Radioastronomen über die Supernova-Variante. Anwendung gefunden hat sie zum Leidwesen mitteilungsbedürftiger Aliens bei uns allerdings noch nicht. Hierzu Frank Drake: "Das ist schon eine gute Idee, die sich leicht realisieren ließe. Aber ernsthafte Anstrengungen in diese Richtung haben wir noch nicht unternommen."

Lunare Träume

Sicher ist, dass sich die SETI-Aktivitäten in den nächsten Dekaden von Mutter Erde weg immer weiter in den Orbit hinein bis hin zum Mond und darüber hinaus verlagern. Schon in den 1970er-Jahren schwebten die ersten SETI-Vordenker in lunaren Sphären und träumten von großen Radioteleskopen auf der erdabgewandten Seite des Mondes.

Farbfoto des Mondes. Die Forschungssonde Galileo machte diese Aufnahme am 9. Dezember 1990 - aus einer Entfernung von 560.000 Kilometern. Bild: NASA

Hier, fernab aller irdischen Radio- und Lichtemissionen, könnte für SETI das Paradies sein, glaubt Drake. "Ich persönlich halte die Rückseite des Mondes für den wünschenswertesten Ort im Weltraum, an dem ein neues, grandioses Teleskop stehen soll."

Heute favorisiert SETI eher finanzierbare Ideen wie die Lunar-LOFAR-Mission [20], die auf einer europäischen Machbarkeitsstudie beruht und in 14 Jahren Realität sein könnte. Sie sieht eine im Verbund operierende Anlage von 33 kleinen Antennen vor, die sich auf ein 32 Kilometer großes Areal in der Nähe des Südpols verteilen.

Lunar LOFAR - noch reine Zukunftsmusik, aber halbwegs finanzierbar. Bild: ESA

Ein anderes ebenfalls finanzierbares Projekt, möglicherweise sogar die billigste lunare Variante, sieht die Entsendung eines Mondorbiters vor, der mit einem besonders leistungsfähigen Radioteleskop bestückt ist. In einem bisher weitgehend unbekannten Entwurf namens Radiomoon [21] schlägt der unverwüstliche Claudio Maccone vor, eine Forschungssonde in eine aquätoriale Umlaufbahn um den Mond zu entlassen, die nach Ankunft eine ausschwenkbare 3-Meter-Antenne in Position bringt. Befindet sich diese auf der Rückseite, sammelt sie fleißig Daten, taucht sie ins Sichtfeld ein, sendet sie die gespeicherten Bits und Bytes direkt zur Erde. Mit etwas größerem finanziellem Aufwand ließe sich dieses Modell zu einem Interferometer ausweiten. Zwei oder mehr Sonden würden hinter dem Mond im Verbund operieren und eine davon die Informationen von der Erde zugewandten Seite Richtung Basisstation schicken.

Aber auch die Vertreter der klassischen, sprich optischen Astronomie und damit theoretisch auch die OSETI-Forscher, die nach außerirdischen intelligenten Lasersignalen spähen, kämen auf der Rückseite des Erdsatelliten voll auf ihre Kosten, weil dort keine Atmosphäre respektive Ionosphäre stört und jedwede Form irdischer Lichtverschmutzung fehlt.

Einige Wissenschaftler verweisen darauf, dass es auf dem Mond im Vergleich zur Erde noch einfacher sei, Beobachtungen durchzuführen. Vor allem sei es leichter, dort eine Armada von Fernrohren zu installieren und zu einem optischen Interferometer zusammenzuschließen.

Beim Installieren von technischem Gerät auf dem Mond werden die taktilen Fähigkeiten der Astronauten aufs Äußerste gefordert sein - auch in Bezug auf SETI-Observationen. Bild: NASA

Denkbar wäre es, auf dem Mond - verteilt auf einem Areal von einem Kilometer Größe - Hunderte kleine Teleskope mit jeweils einem Durchmesser von zirka einen Meter zu platzieren. Zusammengeschaltet zu einem Interferometer würde eine solche Fernrohrflotte die Leistungsfähigkeit eines Riesenfernrohrs mit einem Durchmesser von einem Kilometer erreichen.

Quo vadis, SETI?

Den Mond längst hinter sich gelassen haben vor allem jene SETI-Anhänger, die im besten Star-Trek‘schen Sinn in Raumbereiche vorgedrungen sind, die noch nie zuvor ein Auge derart genau studiert hat. Von Optimismus und Science-Fiction-Fantasien beseelt, nahmen bis dato gut ein Dutzend unverbesserliche SETI-Idealisten das Sonnensystem mit hochmodernen Sternwarten Photon für Photon unter die Lupe, um außerirdische Artefakte, Alien-Sonden, Weltraummüll und interstellare Raumschiffe ausfindig zu machen.

Zehn weitere Projekte widmeten sich starken Infrarotquellen und suchten nach sogenannten Dyson-Sphären, mit denen Superzivilisationen Sterne ummanteln und deren Energie direkt anzapfen könnten. Doch die Fahndung nach dem von Megakulturen produzierten Energiemüll endete erfolglos.

Dies jedoch könnte sich alsbald ändern. Denn angesichts der neuen Suchstrategien, des stetig besser werdenden Instrumentariums und eingedenk des nimmer endenden Ideenflusses der SETI-Macher, könnte sich der Homo sapiens schon bald ins Stammbuch der Extraterrestrischen eintragen. Für den heute ältesten SETI-Aktivisten jedenfalls, mit dem einst alles begann, ist der erste Kontakt nur noch eine Frage der Zeit. "Die größte Entdeckung ist nicht leicht zu machen", sagt Frank Drake. "Wir haben das Ziel noch nicht erreicht, es ist jedoch in greifbare Nähe gerückt."

Näheres Infos zu aktuellen SETICon II [22]
Youtube- Video [23]: "What If - Signale aus dem Weltraum" - Doku-Szenarium eines fiktiven SETI-Kontakts.

Der vierte Teil der SETA-Serie [24] mit dem Titel "Dyson-Sphären und Superzivilisationen im Fadenkreuz" folgt in der nächsten Woche


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-3394657

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.astro.ucsc.edu/faculty/profiles/singleton.php?&singleton=true&cruz_id=fdrake
[2] http://www.maccone.com/
[3] https://www.heise.de/tp/features/Solares-Fenster-zu-ET-3380756.html
[4] https://www.heise.de/tp/features/S-E-T-I-vermeldet-Historisches-3385133.html
[5] http://de.wikipedia.org/wiki/West_Virginia
[6] http://exoplanet.eu/catalog.php
[7] http://astro.berkeley.edu/~gmarcy/
[8] http://www.seti.org/ata
[9] http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de
[10] http://www.coseti.org/morris_0.htm
[11] http://www.seti.org/seti-institute/explore-with-us/books/seti-2020-roadmap-search-extraterrestrial-intelligence
[12] http://www.naic.edu/
[13] https://www.heise.de/tp/features/Der-Arecibo-Party-Gag-3383295.html
[14] http://www.uws.edu.au/scem/school_of_computing_engineering_and_mathematics/our_people/academic_staff_directory/doctor_ragbir_bhathal
[15] https://www.heise.de/tp/features/Das-Wow-Signal-von-OSETI-3381894.html
[16] https://www.heise.de/tp/features/NuSETI-3503254.html
[17] http://www.phys.hawaii.edu/~jgl/
[18] https://www.heise.de/tp/features/SETIs-stellare-Strategie-3381056.html
[19] http://www.amps.uni-hannover.de/gwinfo.html
[20] http://www.astro.ru.nl/Moon/doku.php/projects:lufar
[21] http://www.setileague.org/iaaseti/lunar02.pdf
[22] http://seticon.com/
[23] http://www.youtube.com/watch?v=QNAzg0GPrdc
[24] https://www.heise.de/tp/features/SETA-Spurensuche-nach-dem-extrasolaren-Monolithen-3503440.html