Lodz - Ausweg aus der Gentrifizierung?

Ein nicht restauriertes Gebäude neben einem restaurierten in der Piotrkowskastraße. Bild: Jens Mattern

Mit Renovierung und Revitalisierung soll mit sozialem Wohnungsbau die Vielfalt im Stadtzentrum erhalten bleiben

Neoklassizismus, Neorenaissance, Jugendstil, Stuck, Industriegebäude aus rotem Ziegelstein, aber auch Ruinen, Geröll und verpfuschte Restaurierung. Lodz, die polnische ehemalige Textilindustriestadt aus dem 19. Jahrhundert, erscheint im Vergleich mit der boomenden Metropole Warschau wie ein in der Vergangenheit verlorener Ort.

Anzeige

Hier und da glänzt jedoch ein neu restauriertes Haus. Vor allem in der Piotrkowskastraße mit ihren neuen Geschäften leuchten viele der mehrstöckigen Wohnhäuser im neuen Putz. Das Schema ist bekannt. Der Investor setzt instand, die Miete wird um vieles teurer.

Jaroslaw Ogrodowski, der früher für die Stadtplanung von Lodz gearbeitet hat, verweist auf ein Gegenkonzept: "Bei uns heißt es Revitalisierung statt Gentrifizierung."

Die Stadt offeriere jedem der Bewohner eine Ersatzwohnung, jeder kann wieder zurückkehren, wenn er vorher nicht mit der Miete im Rückstand ist. Die städtischen Wohnungen sollen nicht verkauft, sondern städtisch bleiben. Nur ab und zu werde ein prestigeträchtiges Haus verkauft, der Erlös wird dann wieder in die Renovierungsarbeiten gesteckt. Revitalisierung, Versuch den Menschen zu helfen, die vom Verdienst her am Rande stehen. Gleichzeitig soll der Mittelstand ins Zentrum gelockt werden, der sich bislang eher in den Vorstädten aufhält.

"Stadt der 100 Wohnhäuser" heißt das 2011 gegründete Projekt, das im November 2015 erstmals 1,2 Milliarden Zloty (270 Millionen Euro) von der EU bewilligt bekam. Zuvor wurde die Renovierung allein aus polnischen Mitteln finanziert. Das Projekt, das sozialen Wohnungsbau in einer künftig prosperierenden Stadtmitte im großen Umfang ermöglicht, ist bisher einmalig in der EU.

Die Namensgebung gilt als starkes Untertreiben um eines polnischen Wortspiels willen. Denn der Textilboom im 19. Jahrhundert hat der Stadt 4000 Wohnhäuser aus Ziegel vermacht. Damals befand sich die Stadt am westlichsten Zipfel des russischen Zarenreichs. Hier machten vermögende Polen, Deutsche, Juden, Russen und Belgier miteinander Geschäfte, die Arbeiterschaft rackerte unter fatalen Bedingungen.

Die beiden Weltkriege verschonten die Gebäude, nach der Wende 1989 ging es rasant bergab, die Manufakturen schlossen, die Stadt verlotterte. "Den Bewohnern von Lodz fehlt etwas, die Verbindung mit ihrer Stadt", erklärt die Konservatorin Kamila Kwiecińska-Trzewikowska.

Die jüdische Bevölkerung wurde während der deutschen Besatzung ermordet, die Deutschen mussten nach Kriegsende die Stadt verlassen. Die neu angesiedelten Polen, oft aus den Ostgebieten, identifizierten sich nicht mehr mit dem Ort, die Gebäude waren keine Hinterlassenschaften der Vorfahren. "Neben der Renovierung, die eine enorme Herausforderung darstellt, müssen wir eine gemeinsame Identität schaffen" so die Konservatorin, eine überzeugte Bewohnerin der Stadt.

Anzeige
Michal Gruda. Bild: Jens Mattern

Viele Häuser sind zudem Privateigentum und verfallen zusehends, ohne dass das Amt eingreifen kann. Um diese Bauwerke kümmern sich Michal Gruda, der Mitarbeiter des Lodzer Stadtmuseums, und sein Mitstreiter Adam Brajter, die die Initiative "Monitoring der Lodzer Denkmäler" gestartet haben. Auf deren Webseite sind bedeutende Baudenkmäler der Stadt gesammelt und ihr Zustand charakterisiert.

"Wir wollen, dass die Leute das Bewusstsein haben, wer genau für den Zustand des Gebäudes verantwortlich ist, das gilt für das Schlechte wie für das Gute. Warum ist das eine Gebäude heruntergekommen, warum das andere schön renoviert?"

Begonnen hat seine Initiative mit der lokal berühmten "Keller-Villa", ein hochaufragendes Gebäude mit Eckturmspitze, das von dem aus Preussen stammenden Fabrikanten Rudolf Keller 1890 gebaut wurde.

Nach dem Krieg wurde das Gebäude verstaatlicht und als Kindergarten genutzt, nach der Wende kaufte es ein italienischer Investor, ließ es vergammeln. Danach holte sich der britische Schauspieler Max Ryan das Schnäppchen, das er bei Dreharbeiten zu dem Horrorfilm "Three" (2006) entdeckte. Doch aus den Renovierungsplänen wurde dann doch nichts.

Die Keller-Villa des britischen Actionstars Max Ryan. Bild: Jens Mattern

Da der Besitzer eine öffentliche Persönlichkeit war, erhofften sich die beiden Denkmalschützer mit ihrem Anliegen die Öffentlichkeit zu erreichen. Hunderte unterschrieben einen Protestbrief an den Prominenten, in den sozialen Netzwerken regten sich der Protest und das Bewusstsein zu dieser Stadt zu gehören und sich um ihr Aussehen zu kümmern. Die Keller-Villa vergammelt zwar weiterhin, aber es werden nun immer mehr, die sich um das Aussehen und die Gestaltung von Lodz kümmern.

Dass wirklich der arme Rentner und der Webdesigner unter einem frisch restaurierten Dach friedlich zusammen wohnen und wohnen bleiben, darüber gibt es bislang allerdings noch keine Reportage.

Nach Recherchen der Zeitung Gazeta Wyborcza hält sich die von Hanna Zdanowska von der liberal-konservativen Partei Bürgerplattform regierte Stadt oft nicht an ihre eigene Maxime und erhöht die Miete deutlich, womit die vorigen Bewohner einem zahlungskräftigeren Klientel weichen müssen.

Mittlerweile gilt die "Revitalisierung" als ein Schlagwort für andere Städte im Konjunkturschatten wie Plock (der Geburtsstadt von Marcel Reich-Ranicki) oder schlesischen Städten, ohne dass die soziale Komponente erwähnt wird. (Jens Mattern)

Anzeige