London-Bridge-Attentäter war vorzeitig entlassener Terrorist

Die London Bridge. Foto: Peter Burgess. Lizenz: CC BY 2.0

Elektronische Fußfessel und Resozialisierungsprogramm konnten Anschlag nicht verhindern

Der 28-jährige Usman K., der gestern auf der London Bridge einem Mann und eine Frau erstochen und drei weitere Menschen - davon einen "kritisch" - verletzt hat, war ein islamistischer Terrorist: 2012 - vor sieben Jahren - hatte ihn ein britisches Strafgericht zusammen mit neun Komplizen wegen der Planung eines Sprengstoffanschlags auf die Londoner Börse und des Sammelns von Geld für ein Terroristenausbildungscamp zu 16 Jahren Haft verurteilt.

Obwohl Lordrichter Leveson dem Guardian zufolge damals von einem "anhaltendes Risiko für die Öffentlichkeit" sprach, musste K. von diesen 16 Jahren nur sechs Jahre absitzen. Dann wurde er mit einer "elektronischen Fußfessel" vorzeitig entlassen.

Bombenattrappe

Unmittelbar vor seinem Anschlag hatte er den Angaben der Polizei nach an einer Veranstaltung im Rahmen des von Kriminologen der Cambridge-Universität erdachten Resozialisierungsprogramms "Learning together" teilgenommen. Der Veranstaltungsort, die Fishmongers' Hall, liegt in der Nähe des London Bridge. Stephen Toope, der Vizekanzler der Cambridge-Universität, zeigte sich gegenüber dem Guardian heute "am Boden zerstört" und meinte, man sei in Kontakt mit der Polizei, betrauere die Toten und hoffe auf eine schnelle Genesung der Verletzten.

Der britische Premierminister Boris Johnson, der sich am 12. Dezember indirekt zur Wahl stellt, kritisierte nach dem Bekanntwerden dieser Vorgeschichte die vorzeitige Entlassung von schwer Gewaltkriminellen. Bei Usman K. wird sich diese Frage nicht noch einmal stellen: Er wurde gestern bei seinem Anschlag erschossen, weil die Polizei ihrem Sprecher Neil Basu zufolge davon ausgehen musste, dass die Bombenattrappe, die er (zusätzlich zu seiner elektronischen Fußfessel) am Körper trug, ein echter Sprengsatz war. Der Londoner Times zufolge soll er bereits während der Resozialisierungsveranstaltung gedroht haben, damit die Fishmongers' Hall zu sprengen.

Dritter Brückenanschlag

Bevor die Polizei der Tat ein Ende setzte hatten mutige Passanten mit dem Terroristen gerungen. Auch das begann in der Fishmonger's Hall, als ein Mann den ganz in Schwarz gekleideten Terroristen mit dem zu Dekorationszwecken ausgestellten Stoßzahn eines Narwals attackierte.

Nun versucht Scotland Yard herauszufinden, ob K. auch bei seinem tatsächlich ausgeführten Anschlag Komplizen hatte. Bis dahin sind die Engländer zu erhöhter Vorsicht und Wachsamkeit aufgefordert.

Die London Bridge - eines der Symbole der britischen Hauptstadt - ist bereits das zweite Mal innerhalb kurzer Zeit Ziel eines Terroranschlages: Der erste ereignete sich vor zweieinhalb Jahren, als islamistische Terroristen mit einem Kleintransporter drei Menschen überfuhren und anschließend sechs weitere mit Messern töteten (vgl. Erneuter Anschlag in London vor der Wahl).

Auch sie wurden von der Polizei mit finalen Rettungsschüssen am Weitermorden gehindert. Und auch hier hatten mutige Passanten verhinderten, dass es noch mehr Opfer gab. Ein Fan eines für Ausschreitungen bekannten Fußballclubs, der den drei Messerangreifern mit bloßen Fäusten gegenübertrat, antwortete auf deren Motivbekundung "This is for Allah!" mit seinem eigenen Glaubensbekenntnis: "Fuck you, I'm Millwall!"

Auf einer anderen berühmten Londoner Brücke - der Westminster Bridge - hatte ein Dschihadist drei Monate davor mehrere Passanten überfahren (von denen vier starben) und einen Polizeibeamten erstochen (vgl. Westminster: Terroranschlag in Londons Regierungsviertel).

Hintergründe der Messerattacke in Den Haag noch unklar

Ob die Messerattacke in einem 500 Meter von Regierung und Parlament entfernten Black-Friday-gefüllten-Kaufhaus in der niederländischen Hauptstadt Den Haag, die sich ebenfalls gestern ereignete, einen Terrorhintergrund hat, oder von einem Geisteskranken verübt wurde, ist noch unklar. Dem Telegraaf zufolge hinterließ der Täter aber bei Augenzeugen den Eindruck, seine Opfer zufällig auszuwählen. Die Drei, die er attackierte, wurden dabei nur verhältnismäßig leicht verletzt. (Peter Mühlbauer)