London Riots: Der Mob und die schweigende Mehrheit

Wie kontrolliert man die Zombies des Turbokapitalismus?

Die Krisen-Gruppe "Cobra" hat getagt. Premierminster Cameron, zurück aus dem Urlaub in der Toskana, trat nach der Sitzung vor die Presse und sprach klare Worte: "Es handelt sich schlicht und einfach um Kriminalität, der begegnet und die besiegt werden muss." Alles würde unternommen, um die Ordnung auf den Straßen Großbritanniens wiederherzustellen und sie für gesetzestreue Bürger wieder sicher zu machen. Heute abend würden 16.000 Polizisten im Einsatz sein.

20.800 Anrufe unter der Notrufnummer 999 hat Scotland Yard die letzten Tage entgegengenommen,sagte ein Polizei-Sprecher, gewöhnlich seien es in einem vergleichbaren Zeitraum nur 5.400. Das ist nur eine von vielen Zahlen, die von der Überforderung der Polizeikräfte sprechen, und es gibt viele Namen: Gewaltauschreitungen und Brandstiftungen wurden aus immer mehr Londoner Viertel gemeldet, so aus Hackney, Croydon, Brixton, Peckham, Lewisham, Clapham, Ealing. Und aus anderen Städten wie Birmingham, Leeds und Liverpool.

Zweifel an der Polizei

Die Eskalation nahm Formen an, die Zweifel daran aufkommen ließen, ob die Polizei es schaffen würde, mit den Riots fertig zu werden. Von Hilflosigkeit angesichts der unberechenbaren Aktivität der Meuten künden Stellungnahmen von Polizisten: "But the trouble is, they're so mobile. You clear them out and they pop up somewhere else."

Diskussionen darüber, ob der Einsatz von Wasserwerfern Hilfe bringen könnte oder der Einsatz von Hubschraubern oder die Verhängung von Ausgangssperren zeigen, dass die Polizei mit ihren Mitteln an die Grenzen gekommen ist. Dazu kursierten in Internetdiensten Gerüchte, dass auch Militärpersonal eingesetzt wird. Bestätigt wurde dies nicht.

Eine Äußerung der Metropolitan Police spricht davon, dass man gepanzerte Fahrzeuge einsetze und Unterstützung von anderen Einheiten bekommen habe. Damit können aber auch Polizeieinheiten gemeint sein:

This included receiving aid from other forces and using armoured vehicles to support officers on the ground to clear areas of trouble.

Der Ausdruck, den man sonst nur aus Kriegszonen im Irak und Afghanistan lesen konnte, wurde auf einmal auch für die Zone Großlondon angewendet: "überbeansprucht", "overstretched". Das gilt wohl auch für das Vertrauen in die Polizei. Videos in diversen News-Blogs der britischen Medien zeigen Ladenbesitzer, die die Sicherheit ihrer Geschäfte in die eigene Hand genommen haben, verstärkt mit Knüppeln, wie sie Plündererbanden auch mit sich tragen. "Die Polizei kann das nicht mehr, sie sind nicht da und es braucht zu lange, bis sie kommen."

"Die Sorge um Kriminalität ist wichtiger als die Sorge um Bildung"

Nun sollen die eiligst aus dem Urlaub zurückberufenen Politiker, Premierminister Cameron, die Innenministerin Theresa May und Bürgermeister Boris Johnson das Kommando fest in die Hand nehmen und für die Wiederherstellung der Ordnung sorgen. Wie der Auftritt Camerons zeigt, wird er dem entsprechen, was die schweigende Mehrheit - a silent, livid and faintly frightened majority - erwartet: Eindeutige Ansagen, kein Verständnis für die marodierenden Kapuzenbanden aus den Problemvierteln, kein "hoody-hugging".

Erwartet wird laut eines der Leitmedien der besser gestellten Mittelklasse, des Economist, dass er auf lange Frist die Polizei und deren Arbeit reformiert. Aufgaben, Einsatz und Mittel der Polizei, deren Schwäche offenkundig wurde, werde wohl in den nächsten Monaten eines der wichtigsten politischen Themen, prognostiziert das Magazin. Umfragen würden schon seit langem darauf verweisen, was sich in den öffentlichen Diskussionen noch nicht deutlich genug gezeigt hätte und im Zuge der aktuellen Ereignisse in den Vordergrund tritt: "Kriminalität ist den Wählern ein wichtigere Sorge als die Bildung."

Fahndungsfotos, welche die Metropolitan Police nun veröffentlicht, entsprechen der Lesart, die vor allen Dingen die Kriminalität im Auge hat. Ursachenforschung, wie sie von linker Seite in die Debatte gebracht wird, zur Zeit noch ziemlich spärlich, wird davon verdrängt.

Gewalt, die sich gegen das eigene Viertel richtet

Dass sich über Jahre Missstände und Unmut aufgebaut habe, der sich jetzt und eben nicht zufällig in entsprechenden Problemvierteln Bahn gebrochen habe, worauf etwa Tariq Ali in der London Review of Books aufmerksam macht, ist kein Argument, mit dem man den Geschädigten kommen kann. Obendrein kommt der Intellektuelle Ali in seiner Analyse nicht über Allgemeinplätze hinaus und bleibt auch harmlos, wenn es um die Auswüchse der Gewalt geht. Die sei halt "bad":

Yes, we know violence on the streets in London is bad. Yes, we know that looting shops is wrong. But why is it happening now? Why didn’t it happen last year? Because grievances build up over time, because when the system wills the death of a young black citizen from a deprived community, it simultaneously, if subconsciously, wills the response.

Die Armen würden bestraft in der gegenwärtigen Politik, in der die Wirtschaftselite den Ton angibt, das ist richtig. Und ebenso, dass die "Feinde" dieser Eliten-Politik "entmenschlicht" würden. Dafür gibt es Beispiele genug. Doch muss sich diese Generalerklärung der Missstände auch mit Machtverhältnissen auseinandersetzen, die in den Vierteln herrschen, wo sich der Staat zurückgezogen hat, die von den Eliten nur gelegentlich wahrgenommen werden. Dass in sozialen Brennpunkten Banden nach Mafia-Art Herrschaftssysteme aufgebaut haben, ist auch Teil der Wirklichkeit, die in Analysen einzubeziehen wäre. Das ist oft noch ein blinder Fleck von Betrachtungen, die von der traditionellen Linken stammen.

Und nach den Bildern der letzten Tage zu urteilen, die wie in Zombiefilmen wilde Horden zeigen, die in Geschäfte einbrechen, hat man noch keine richtige Antwort gefunden, wie man mit den Schlägerbanden der Vorstädte und dem Thrill, der damit verbunden ist, umgehen soll. In Tottenham, so war in den ersten Tagen der Ausschreitungen zu lesen, hätten die letzten Jahre deutliche Verbesserungen der Lebensumstände gebracht, beinahe schon ein Vorzeigemodell des Wandels. Jetzt wurde vieles zerstört. "Macht kaputt, was Euch kaputt macht"? (Thomas Pany)

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