Luba-Rebellen glauben an Unbesiegbarkeitszauber durch Bluttrinken

Die "Schwarzen Ameisen" sind nicht nur eine ethnische Miliz, sondern ein Krisenkult

Im ehemals belgischen Kongo hat sich dem UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR nach die Zahl der Binnenflüchtlinge 2017 auf 3,8 Millionen Menschen verdoppelt. Wichtigste Ursache dafür ist der Krieg in der Region Kasai im Süden des Landes, wo etwa 1,4 Millionen Menschen ihre Dörfer und Felder verließen.

Hier kämpft die örtliche Luba-Rebellengruppe Kamwina Nsapu ("Schwarze Ameise") gegen Sicherheitskräfte der Zentralregierung. Der Konflikt begann im April 2016, als sich der damalige kongolesische Innenminister Évariste Boshab weigerte, Jean-Pierre Mpandi als "Schwarze Ameise" anzuerkennen - als traditionelles Oberhaupt des Bajila-Kasanga-Stammesfürstentums, das auch über Verwaltungs- und Regionalregierungsmacht verfügt. Boshabs Motiv dafür war eine zu feindliche Haltung Mpandis gegenüber der Zentralregierung. Diese Haltung wurde mit der Titelverweigerung jedoch noch deutlich feindseliger: Mpandi verbündete sich mit Luba-Fürsten aus Kayasampi, Mindula, Kabundi und anderen Ortschaften, rekrutierte in den Dörfern Milizionäre und begann einen offenen Aufstand.

Daraufhin schickte die Zentralregierung Truppen, die ihn am 12 August 2016 erschossen. Das führte jedoch nicht dazu, dass der Aufstand erlosch. Stattdessen nahm die nun mit einer Märtyrerfigur und dem Namen Kamwina Nsapu ausgestattete Bewegung unter seinem Nachfolger Jacques Kabeya Ntumbaan Fahrt auf und expandierte in andere Gebiete, in denen Luba leben. In Lupemba, Mayanda, Mwaango und zahlreichen weiteren Ortschaften töteten oder vertrieben die Kamwina-Nsapu-Kämpfer alle, die kein Tschiluba sprechen. Dabei kamen auch ein Schwede und ein Amerikaner ums Leben.

Seite gestern kursieren in internationalen Medien Bilder aus einem Whatsapp-Video, das zeigt, wie eine Frau enthauptet wird, weil sie Kamwina-Nsapu-Kriegern an der Straße zwischen Luebo und Mweka ein Gericht serviert haben soll, das deren Glauben nach einen Unbesiegbarkeitszauber brach, weil es Fisch enthielt. France 24 hat inzwischen sieben damalige Einwohner von Luebo gefunden, die die Ereignisse auf dem Video als echt bestätigten. Fünf davon waren Augenzeugen, die angaben, sie hatten Angst vor den Rebellen und deshalb nicht eingegriffen.

Den Zeugenaussagen nach ereigneten sich die Geschehnisse bereits am 8. April 2017 auf den von den Einheimischen nur "Parking Lot" genannten und gegenüber der Kathedrale gelegenen zentralen Platz der 40.000-Einwohner-Stadt. Die Kamwina-Nsapu-Krieger hatten Luebo am 31. März erobert und mussten die Ortschaft am 19. April wieder der kongolesischen Armee überlassen. Zu Beginn der Aufnahme erklärt der Kamwina-Nsapu-Kommandeur Kalamba Kambangoma, die Frau, die er an den Haaren hält, müsse wegen Hochverrats sterben. Anschließend wird das Opfer von einem Mädchen mit einem roten Kopftuch - dem Erkennungszeichen der weiblichen Kamwina-Nsapu-Mitglieder - auf eine Plattform geführt, auf der sie ein junger Mann vor Zuschauern vergewaltigt, während die Kopftuchträgerin beide mit Ruten peitscht.

Bei dem jungen Mann, der das Opfer vor der Enthauptung öffentlich schändet, soll es sich um den Sohn der zweiten Ehefrau ihres Ehemannes handeln, der angeblich an ihrem Imbiss arbeitete und zur Tat gezwungen wurde. Ihn enthauptete man den Zeugenaussagen nach ebenfalls mit einer Machete. Anschließend versuchten die Kamwina Nsapu mit dem Blut der getöteten Opfer den Unbesiegbarkeitszauber zu erneuern, indem sie davon tranken.

Die Tat zeigt, dass es sich bei den Kamwina Nsapu nicht nur um Luba-Rebellen handelt, sondern um das, was man in der Völkerkunde einen Krisenkult nennt: Eine Bewegung, die Gewalt mit quasi-religiösen Vorstellungen verbindet - wie die ostafrikanischen Maji-Maji-Rebellen oder die indianischen "Geistertänzer". Die Unbesiegbarkeit entsteht im Glauben der Kamwina Nsapu nicht durch magisches Maiswasser oder Tänze, sondern durch Fasten: Durch den Verzicht auf Fleisch, Fisch, Öl, Hibiskus, Maniokblätter, Geschlechtsverkehr und Waschen. Diese Tabus gelten allerdings nur für Zeiten, in denen gekämpft wird. Abgeschnittene Köpfe ihrer Opfer spießen die Kamwina Nsapu auf Stecken und legen sie in ein "Tschiota" genanntes "heiliges Feuer", das auch beim Eintritt in die Gruppe eine wichtige Rolle spielt. Insofern ist wenig verwunderlich, dass die Miliz neben der kongolesischen Zentralregierung auch die katholische Kirche als expliziten Gegner sieht. In Luebo verbrannte sie nach der Eroberung alle Kirchen außer der Kathedrale, in der sie ihr Hauptquartier einrichtete.

Als die Armee die Stadt am 19. April zurückeroberte, versteckten sich die Einwohner bis zu zwei Monate lang im Busch - nach Angaben gegenüber France 24 deshalb, weil sie fürchteten, als Luba der Mitgliedschaft bei den Rebellen beschuldigt und standrechtlich erschossen zu werden. Dass diese Ängste nicht ganz unberechtigt gewesen sein könnten, zeigt ein anderes Video, das bereits seit Februar zirkuliert: Darauf singt eine Gruppe von Menschen, in der sich auch Frauen und Kinder befinden, auf Tschiluba "Unser Land, unser Land!" - und wird daraufhin von Soldaten mit Schüssen niedergemäht. (Peter Mühlbauer)

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