"Ludium Generale"

Ein neuer Masterstudiengang will Medienwissenschaft und Spiele-Informatik verknüpfen

Im Wintersemester 2015/2016 startet an der Universität Bayreuth ein neuer Masterstudiengang mit dem Namen "Computerspielwissenschaften". Er soll der Ankündigung der Hochschule nach "neue Perspektiven für Forschung und Praxis eröffnen". Telepolis hat den Studiengangsmoderator Jochen Koubek gefragt, was Interessenten, die sich bis zum 15. Juli bewerben können, dort erwartet.

Herr Professor Koubek - wodurch unterscheidet sich der Masterstudiengang Computerspielwissenschaft an der Universität Bayreuth von anderen Angeboten, wie es sie beispielsweise an der Technischen Universität Kaiserslautern und an vielen anderen Hochschulen gibt?
Jochen Koubek: Das von Ihnen zitierte Angebot ist eine Stellenanzeige des Fachbereichs Elektrotechnik und Informationstechnik im Bereich Games Engineering für Serious Games. Wir bieten einen Studiengang an, bei dem Medienwissenschaft und Informatik zusammenarbeiten; es ist also davon auszugehen, dass es sich um gänzlich verschiedene Zugriffe auf das Thema handeln wird.
Die Studien-Angebote an anderen Einrichtungen haben regelmäßig einen starken Fokus entweder auf Technik, wahlweise auch auf Designfragen. Es fehlt aber nahezu immer ein dezidiert wissenschaftlicher Anteil, sei es in der Informatik oder in der Medienwissenschaft. Das liegt auch daran, dass Hochschulen, insbesondere die privat finanzierten, traditionell wenig Forschung betreiben, sondern sehr stark auf marktkonforme Ausbildung ihrer Studierenden konzentriert sind.
Es gibt auch Studienangebote mit medienwissenschaftlichem Blick. Hier fehlt es dann aber an einer Zusammenarbeit mit der Informatik. Das Besondere an unserem Studiengang ist die Kombination, die in dieser Form einmalig sein dürfte, zumindest im deutschsprachigen Raum.
Was sind die medienwissenschaftlichen Inhalte?
Jochen Koubek: Hier geht es um Fragestellungen, wie Computerspiele als Medium funktionieren, welche medialen Figurationen zum Einsatz kommen, und wie sie in der Konzeption von Computerspielen angewandt und reflektiert werden können. Es geht um die Fähigkeit, Computerspiele im Kontext digitaler Kulturen zu situieren und kritisch zu reflektieren.
Darüber hinaus geht es uns um eine wissenschaftlich reflektierte Gestaltung von Spielen, was stärker in die Design-Praxis reicht (Game Design, nicht Art Design) und hier zur Handlungsfähigkeit anleiten soll.
Mit welchen Theorien arbeiten Sie da zum Beispiel?
Jochen Koubek: Da kommen Konzepte aus den Analysebereichen Bild-/Visualtiät Narration/Narrativität, Dramaturgie/Performativität, Raum/Räumlichkeit, Figur/Avatar zum Tragen.
Im Design arbeiten wir mit den mehr praktisch orientierten Autoren der Game Studies und versuchen, ihr Handlungswissen in konkreten Projekten zu vermitteln, anzuwenden und gleichzeitig kritisch zu hinterfragen.
Und was lernen die Studenten im technischen Teil des Studiengangs?
Jochen Koubek: Da ist die Informatik zuständig. Hier geht es auf der theoretischen Seite um Fragen aus den Bereichen Computergrafik, Software Engineering, Künstliche Intelligenz, Mensch-Computer-Interaktion, Animation und Simulation.
Auf der mehr praktisch ausgelegten Seite geht es aus Informatik-Sicht um Fragen der algorithmischen Umsetzung von Spielkonzepten, um die Integration bestehender Spiele-Engines und um die Lösung spielspezifischer Probleme z.B. für vernetzte Spiele, Browsergames et cetera.
Die Professoren des Masterstudiengangs Computerspielwissenschaft. V.l.n.r. Prof. Dr. Jochen Koubek, Prof. Dr. Christine Hanke und Prof. Dr. Michael Guthe. Christine Hanke und Jochen Koubek sind Medienwissenschaftler mit theoretischem und angewandtem Zugang zum Medium. Michael Guthe ist verantwortlich für die Informatik-Anteile, wobei neben den Veranstaltungen aus seiner Arbeitsgruppe noch zusätzliche Angebote aus dem Informatik-Master als Wahlpflichtmodule in den Master einfließen.
Was ist das "Ludium Generale"?
Jochen Koubek: Das ist ein frei wählbares Studienangebot, ähnlich wie das Studium Generale. Der Unterschied ist hier die Prüfungsform: Während die Modulprüfungen beim SG innerhalb der Fachlogik des jeweiligen Kurses stattfinden, gibt es beim Ludium Generale die Möglichkeit, aus dem Gelernten einen Forschungsbericht bzw. ein Spielkonzept zu erstellen. Ziel ist es, vielfältige Anregungen von außen in den Studiengang zu holen, die von den Studierenden in die eigenen Überlegungen und Projekte überführt werden können.
Wir bieten vier Spezialisierungen an: jeweils zwei medienwissenschaftliche und zwei informatische, wobei sie je nach bevorzugtem Weltzugang einen theoretischen oder einen praktischen Weg verfolgen. Der Media Scholar (Games) ist ein Medienwissenschaftler mit Games-Schwerpunkt, der z.B. in einer medienwissenschaftliche Promotion fortgeführt werden kann. Der Computer Scientist (Games) ist das entsprechende Pendant in der Informatik. Game Designer und Game Developer sind auf Projektarbeit spezialisiert, sie werden das Medium praktisch weiterentwickeln.
Grafik: Universität Bayreuth
Warum wurde der Studiengang in Bayreuth eingerichtet?
Jochen Koubek: Weil meine Kollegen und ich in Bayreuth arbeiten. Und weil es der Universität Bayreuth darum geht, überregional interessante Studienangebote anzubieten, die sich mit zukunftsweisenden Themen befassen. Computerspiele sind insofern eine Marktlücke, weil das Thema, wie eingangs erwähnt, bislang eher spezialisiert angeboten wird und die Institutionalisierung einer breiten, wissenschaftlichen Auseinandersetzung noch fehlt.
Wie ist das Wohnungs- und Jobangebot in Bayreuth?
Jochen Koubek: Das Jobangebot in der Spielbranche meinen Sie?
Auch das
Jochen Koubek: Die oberfränkische Spielindustrie ist noch im Aufbau, wir hoffen, hier einen wichtigen Beitrag leisten zu können. Bayern hat bereits eine lebendige Spieleindustrie, eine staatliche Förderstruktur und ist dabei, seine Position als wichtiger Standort in Deutschland auszubauen. Im Werk1 werden Initiativen und Projekte, Firmengründungen und Fortbildungen rund um das Thema Games in Bayern gebündelt. Der FFF hat eine sicherlich noch ausbaufähige, aber durchaus relevante Förderung von jungen Spielefirmen im Fokus.
Die Mietpreise für Studentenwohnungen in Bayreuth sind mir nicht bekannt, im Vergleich zu München dürfte es aber deutlich entspannter sein. Ansonsten gibt es immer die Möglichkeit, über einen Platz im Studentenwohnheim oder in einer WG die finanzielle Belastung zu senken.
Sie erwähnen in der Bekanntmachung des neuen Studiengangs besonders die Hard- und Softwareausstattung, wie sieht die genau aus?
Jochen Koubek: Neben den branchenüblichen Softwarepaketen haben wir ein Fernseh- und ein Ton-Studio mit Motion-Capture-System, die insbesondere für die Produktion von Spiel-Assets genutzt werden können. Für ein universitäres Angebot ist die Bayreuther Medienwissenschaft technisch hervorragend ausgestattet.
Mit welchen Spieleherstellern arbeiten Sie zusammen?
Jochen Koubek: Wir haben Kontakte zu verschiedenen Firmen, derzeit vor allem, um unsere BA-Studierenden in Praktika zu vermitteln. Kontakte bestehen z.B. zu Daedalic, Microsoft oder zu Ravensburger Digital, aber auch von Handy-Games, Upjers oder White Pony wurden bereits Projekte gesponsert. Von Zeit zu Zeit gibt es Fachvorträge von Firmenvertretern. Zusammen mit dem MA-Studiengang wollen wir unser Netzwerk an Industriekontakten weiter ausbauen, neben dem Werk1 hilft uns hier das Mediennetzwerk Bayern, das sich vor allem um regionale Vernetzung bemüht.
Wie beurteilen sie die Jobsituation für die ersten Absolventen? Mit welchem Verdienst können sie rechnen?
Jochen Koubek: Die Jobsituation in der Spieleindustrie sieht sehr gut aus, die meisten unserer BA-Absolventinnen und Absolventen könnten bereits eine Tätigkeit aufnehmen. Die Verdienste sind Verhandlungssache, wie immer in der Kreativindustrie. Meistens ist das Einstiegsgehalt geringer als in anderen Brachen, aber nirgendwo besteht die Möglichkeit, so rasch in verantwortungsvolle Positionen aufzusteigen wie im Games-Bereich.
Uns geht es aber in erster Linie nicht um Ausbildung für die Spielefirmen, sondern um die Weiterentwicklung des Mediums. Das wirkt sich langfristig auch auf bessere und innovative Produkte aus, zunächst aber sollen unsere Studierenden das Medium Computerspiel in seinen Ausdrucksmöglichkeiten verstehen, konzipieren und weiterentwickeln.
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