Luftaufklärung

Drohnen und die Zukunft des Journalismus

Dass aus neuen, zunächst militärisch genutzten Technologien immer wieder neue Medien entstanden sind, ist heute eher vergessen. Radio etwa wurde in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges erprobt, UKW diente zunächst zur Koordinierung von Panzern und wurde erst viel später zur Übertragung von Radioprogrammen genutzt; tragbare Tonbandgeräte wurden früh von Propagandakompanien auf Praxistauglichkeit geprüft. Militärische Bedürfnisse und Entwicklungen beeinflussten die Entstehung von Fernsehen, Internet oder GPS (Global Positioning System). Gegenwärtig kann man beobachten, wie die vor allem militärisch genutzten Drohnen langsam auch ins zivile Leben einziehen und Medien und Journalismus zu beeinflussen beginnen. Drone Journalism Arrives titelte 2011 die New York Times und ABC wusste: Drone Journalism takes off. In Deutschland spricht man vom "Drohnenjournalismus".

AR.Drone / ARDrone von Parrot. Bild: Parrot

Anfang Juni 2012 hielt Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) auf einem Symposium eine vielbeachtete medienpolitische Rede. Er beschrieb, wie sich durch neue Technologien auch die Medien, die Medienpolitik und der Journalismus verändern. Und nannte als Beispiel für diese technisch verursachten Wandlungen ausgerechnet ein Phänomen, von dem in Deutschland bisher kaum jemand Notiz genommen hatte, das eigentlich überhaupt "noch keinen Einzug in deutsche Redaktionen gefunden" hatte: Drohnenjournalismus.

Drohnen, auch UAV (Unmanned, Uninhabited oder Unpiloted Aerial Vehicle ) oder neuerdings UAS (Unmanned Aircraft Systems) genannt, sind unbemannte Luftfahrzeuge. Drohnen fliegen seit mehr als 40 Jahren über Kriegsgebieten. Sie wurden bisher vor allem militärisch und zunächst wohl vor allem zur Luftaufklärung aus großer Höhe eingesetzt. Die Bundeswehr etwa nutzte 1998 Drohnen vom Typ CL 289 im Kosovo. Seit 2010 liefert die unbewaffnete Heron 1 Luftbilder aus Afghanistan. Diese Drohne kann 24 Stunden in der Luft bleiben und 8.000 Kilometer über dem "Zielgebiet§ kreisen. Kürzlich blickte man auf 10.000 Flugstunden zurück

Seit 2002 werden in Pakistan, Afghanistan und Jemen auch bewaffnete Drohnen eingesetzt. Mehr als 300 Mal - so vermutet das Londoner Bureau of Investigative Journalism, das die Zählung seit 2004 aufgenommen hat - soll es in Pakistan zu "US-Drohnen-Attacken" gekommen sein, zwischen 2.500 und 3.200 Menschen sollen dabei umgekommen sein. Gezielt durch Drohnen getötet wurde 2009 etwa der pakistanische Talibanführer Baitullah Mehsud.

Es gibt inzwischen eine Vielfalt von Drohnen und Drohnentypen. Für eine zivile Nutzung oder gar für die Massenmedien waren die ferngesteuerten oder programmierten Militärdrohnen deshalb entweder unzugänglich oder viel zu teuer. Gegenwärtig findet eine breite und langfristig ausgerichtete Neubewertung von Drohnen statt. Ihre militärische Bedeutung steigt, die neue Obama-Doktrin setzt verstärkt auf unbemannte Luftobjekte. Die UAV-Flotte der amerikanischen Luftstreitkräfte soll bis 2047 erheblich ausgebaut werden (Verdeckte Einsätze, Drohnenangriffe, Spezialeinheiten …). An einer europäischen Drohne, die ab 2020 einsatzbereit einsatzbereit sein soll, wird gearbeitet. Und auch die Bundeswehr - bisher auf geleaste Exemplare angewiesen - möchte seit geraumer Zeit eigene, auch bewaffnete unbemannte Flieger.

2015 wird in den USA der nur militärische Gebrauch von Drohnen endgültig enden, die EU will mitziehen (EU will zivilen Luftraum für schwere Drohnen öffnen). Die militärische Technologie soll für den zivilen, kommerziellen Gebrauch freigegeben werden - ohne dass über ihre möglichen Aufgaben zwischen Aufklärung, Überwachung und Spy bereits Klarheit besteht (US-Drohnenbranche veröffentlicht Verhaltenskodex). Erste Prognosen gehen davon aus, dass 2020 rund 30.000 nichtmilitärische UAVs unter Amerikas Himmel fliegen werden . Ein neuer riesiger Markt mit neuen Dienstleistungen scheint also möglich.

Die (bisher wenigen) kommerziell genutzten Drohnen sind in der Regel kleiner und billiger als ihre militärischen Brüder, scheinen aber immer leistungsfähiger zu werden. Bereits 2010 wurde die kleine ferngesteuerte Drohne MD4-200 (47.000 Euro teuer) zur Überwachung der Proteste gegen die Castor-Transporte genutzt (Mehr Polizeidrohnen im Anflug).

Daneben gibt es auch schon heute - eher dem traditionellen Modellflugzeug als der leistungsstarken Hightechdrohne nahe - Minidrohnen für den privaten Gebrauch. Eine ist der Quadrocopter Paront AR. Das eher spielzeugartige Gerät ist bei Amazon für rund 200 Euro zu erhalten. In den USA gibt es bereits eine regelrechte Amateurbewegung, die über 10.000 autonome, selbst zusammengebaute Drohnen besitzen soll.

Ob Zeppelin, Flugzeug, Hubschrauber oder Satellit: Seit es technisch möglich geworden ist, wurde das Bild (oder der Film) von oben von den Massenmedien für ihre Berichterstattung genutzt. Der (teure) Blick von oben hat sich eher langsam in den medialen Alltag "eingeschlichen" - und verspricht vor allem eins: den neutralen Überblick.

Es waren vor allem Bilder und Filme aus Helikoptern, die eine ganz neue, nur wenigen tatsächlich einnehmbare Sichtweise in die Medien und vor allem ins Fernsehen brachten - und die tief in unsere Wirklichkeitskonstruktion eingriffen. Die Kriegsberichterstattung - vermeintlich noch nicht embedded - fand bereits während des Vietnamkrieges in nicht unerheblichem Ausmaß aus Hubschraubern statt. So konnte spektakulär auf die Schlachtfelder geschaut werden.

Bereits 1994 wurde US-Footballidol O. J. Simpson von Kamerateams (paparazziartig) aus Helikoptern gefilmt, als er versuchte über eine Autobahn zu fliehen - die Bilder von der Flucht wurden live im Fernsehen übertragen. Damals klagten Polizei oder Rettungsdienste noch über Behinderungen ihrer Arbeit, Journalismusprofessoren über die Verschwendung journalistischer Ressourcen.

Doch das Helikopterbild setzte sich durch: Naturkatastrophen, große Radrennen, Marathonläufe oder Fußballturniere sind ohne Hubschrauberfotos (und Propellersurren) heute kaum noch denkbar. Als kürzlich ein Amokschütze in Aurora bei Denver (USA) während einer Batman-Filmvorführung ein Blutbad anrichtete, lieferten Hubschrauber die Überblicksbilder fürs Fernsehen, während die Reporter die Augenzeugen befragten. Selbst der Steisand-Effekt beruhte - ursprünglich - auf Helikopterfotos. Sie machten das bisher Unsichtbare sichtbar.

Daneben gibt es die - gezoomten - Satellitenbilder (aktuell etwa über die Lage in Syrien) oder die Bilder der (fixierten) Überwachungskameras. Auch sie zeigen die Welt von oben und dringen immer stärker in die Medien und ihre Berichterstattung ein.

Drohnenjournalismus ist ein neues, inhaltlich bisher kaum hervorgetretenes Phänomen - aber was die ersten Pioniere gegenwärtig zu etablieren versuchen, hat mit den militärischen oder "aufklärenden" Funktionen wohl nur wenig zu tun. Ihnen geht es viel eher darum, mit ersten Drohnenbildern den Markt der - teuren - Helikopterbilder und -filme aufzufrischen und aufzumischen.

Drohnenjournalismus ist gegenwärtig vor allem Fotojournalismus. Er will billiger sein und in Bereiche vordringen, die Hubschraubern verschlossen sind. Und er soll die journalistische Arbeit ungefährlicher machen. Direkten Gefahren muss sich kein Drohnenjournalist mehr aussetzen.

Die ersten drohnenjournalistischen Versuche fanden wohl in den USA statt:

  • Anfang 2001 machte die speziell für das iPad entwickelte Robert Murdoch-Zeitung The Daily exklusiv einen mit einer Drohne gemachten Film öffentlich. Er zeigt die durch einen Tornado zerstörten Teile der Stadt Tuscaloosa (Arizona).
  • Am 11. November 2011 schwebte ein kleiner Quadrocopter der Firma Robokopter über einer - eskalierenden - Demonstration in Warschau (Polen). Die Bilder zeigen offenbar die Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten am polnischen Unabhängigkeitstag. Ihre ästhetische Perspektive war neu, von oben, nicht von der Seite. Und so erlangten die Filmsequenzen über YouTube und die polnischen Massenzeitungen einige Popularität. Sie gelten inzwischen als beispielhaft.
  • In Russland ließ der Blogger Stanislaw Sedow eine Minidrohne, einen ferngesteuerten Helikopter Panoramaaufnahmen der Demonstrationen nach den Wahlen im Dezember 2011 machen. Sie waren live im Internet zu sehen und wurden über Ridus, eine Agentur für Bürgerjournalismus vermarktet (Russische Protestbewegung zeigt Putin die Harke). Drohnenjournalismus hat hier also auch eine alternative Konnotation.
  • Anfang 2012 schickten Reporter der australischen TV-Sendung 60 Minutes eine Drohne über ein Flüchtlingslager auf Christmas Island . Man hatte ihnen zuvor den Zutritt verwehrt.
  • Schließlich wurde in den USA Ende 2011 das Drone Journalism Lab gegründet. Es ist - obwohl es Drohnenjournalismus erst in Rudimenten gibt - die erste universitäre Ausbildungsstätte, die gezielt Drohnenjournalisten ausbilden und eine Ethik ihres Handels entwickeln will.

Doch obwohl ABC bereits ein "Age of Drone Journalism" ausgerufen hat und der Drohnenjournalismus bei manchem Enthusiasten und Pionier als neues "Buzzword" gilt: Über einige wenige kleine Bespiele ist man - auch weil der rechtliche Rahmen noch nicht wirklich klar ist - noch nicht wirklich hinausgekommen. Aber das dürfte sich bald ändern.

Kommentare lesen (49 Beiträge)
Anzeige