Luftverschmutzung erhöht das Risiko für Verkehrsunfälle

Bild: Ruben de Rijcke/CC-BY-3.0

Nach einer Greenpeace-Studie liegt die gesundheitsgefährdende Stickstoffdioxid-Konzentration in deutschen Städten oft deutlich höher als der Grenzwert, jedes Mikrogramm erhöht nach einer britischen Studie die Unfallhäufigkeit

Mit dem Fahrradboom wird gerne gefragt, wie sich eine starke Luftverschmutzung auf die Gesundheit der Menschen auswirkt, die mit dem Fahrrad fahren und dabei deutlich mehr Luft und Schadstoffe einatmen als die übrigen Verkehrsteilnehmer und Stadtbewohner. Zumal bekannt ist, dass die Feinstaubbelastung die Mortalität erhöht oder allgemein die Lebenszeit verkürzt. Gerade erst hat Greenpeace die Belastung der Atemluft durch Stickstoffdioxid (NO2), das vor allem von Dieselfahrzeugen stammt, in 13 deutschen Städten messen lassen - mit nicht erfreulichen Ergebnissen.

40 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft sollten nach der EU-Richtlinie im Jahr nicht überschritten werden, meist sind es mehr. Folge der Luftbelastung ist ein erhöhtes Risiko vor allem für Asthmaerkrankungen und Herzinfarkte. Die Städte messen die Belastung nicht durch ein übermäßig dichtes Netz an Stationen. "Die Hälfte der bislang ausgewerteten 137 Luftmessstationen in Städten liefert im Neun-Monats-Mittel Daten, die den erlaubten Jahreswert von 40 Mikrogramm überschreiten", schreibt Greenpeace. Wissenschaftler der Universität Heidelberg messen mit dem Messgerät NO2 ICAD, das auch auf dem Anhänger eines E-Bikes angebracht werden kann, an Orten, die nicht von den Messstationen erfasst werden, und nicht nur an verkehrsreichen Straßen, sondern auch auf Fahrradwegen und Kinderspielplätzen.

Ob die negativen Folgen des Atmens beim Radfahren von den positiven durch die körperliche Bewegung kompensiert werden oder es auch besser ist, sich radelnd zu bewegen, als zu gehen, hinter dem Steuer zu sitzen oder mit den Öffentlichen zu fahren, ist nicht ganz klar. In der Regel gingen Studien bislang davon aus, dass die Vorteile trotz erhöhter Belastung überwiegen (Ist Radfahren bei hoher Luftverschmutzung in Städten gesundheitsgefährdend?). Schon vor Jahren wurde allerdings festgestellt, dass sich in den Lungen von Fahrradfahrern in größeren Städten höhere Konzentrationen an Rußpartikeln finden als in denen von Fußgängern (Vom Fahrradfahren in den Städten).

Nach einer Studie von Lutz Sager vom Grantham Research Institute on Climate Change and the Environment an der London School of Economics beeinträchtigt das von Dieselmotoren stammende Stickstoffdioxid aber nicht nur Lunge und Kreislauf, sondern auch das Gehirn. Nach seinen Untersuchungen erhöht die Luftverschmutzung auch kausal die Zahl der Unfälle. Schon eine geringe Erhöhung der NO2-Konzentration in der Atemluft führt zu einem Anstieg der Autounfälle, weil vermutlich die Fahrer, obgleich sie sitzen und weniger einatmen als die Fahrradfahrer, von dem Giftstoff benebelt werden und an Konzentration und kognitiver Leistungskraft einbüßen. Sager verweist in dem Kontext auf Studien, nach denen erhöhte Feinstaub- und Kohlenmonoxidkonzentrationen die kognitive Leistung von Schülern beeinträchtigen. Aber er kann natürlich nicht andere Folgen wie schlechtere Sicht oder Ablenkungen wie eine triefende Nase ausschließen.

Der Wissenschaftler teilte Großbritannien in 32 Regionen auf, die jeweils 7700 Quadratkilometer umfassten, also eine sehr grobe Einteilung, und schätzte die Auswirkung der Luftverschmutzung zwischen 2009 und 2014 im Hinblick auf die Häufigkeit der registrierten Verkehrsunfälle ab. In der Zeit gab es fast 900.000 Verkehrsunfälle, die mit Zeit und Ort angegeben sind. Die Daten zur Luftverschmutzung stammen vom Automatic Urban and Rural Network (AURN) mit insgesamt 198 Messstationen. Von 150 erhielt der Wissenschaftlicher tägliche Messergebnisse, von denen 134 Stickstoffdioxid und 75 Feinstaub unter PM10 erfassen. Mit Wetterdaten wurden zudem die Tage ermittelt, in denen es eine Inversionswetterlage in den Regionen gab, wodurch die durchschnittliche Luftverschmutzung ansteigt und die Stickstoffdioxidkonzentration um fast 5 Prozent gegenüber Tagen ohne Inversion ansteigt, wenn man andere Effekte der Wetterlage berücksichtigt, die Luftverschmutzung und Unfälle beeinflussen können.

Wenn die durchschnittliche NO2-Konzentration nur um 1 Mikrogramm pro Kubikmeter steigt, nimmt die durchschnittliche Zahl der Unfälle pro Tag um 2 Prozent zu, so das Ergebnis der Studie. Mit jedem weiteren Mikrogramm erhöht sich die Unfallzahl entsprechend. Städte sind natürlich davon am meisten betroffen, weil es hier am meisten Verkehr und die höchsten Schadstoffbelastungen gibt. Die Region, in der Westlondon liegt, weist mit 48,0 Mikrogramm mit einer Standardabweichung von 14:3 Mikrogramm die höchste NO2-Konzentration aus. Würde man hier nach seinen Berechnungen die Schadstoffkonzentration um 30 Prozent reduzieren, könnte man die Zahl der Unfälle um 5 Prozent pro Tag senken.

Eine der Schwächen der Studie liegt vor allem darin, wie auch der Autor einräumt, dass kausal nicht ermittelt werden kann, ob die Zahl der Unfälle ausschließlich mit einer steigenden NO2-Konzentration wächst oder ob dabei etwa auch PM10-Feinstaub, Schwefeldioxid, Ozon oder Kohlenmonoxid eine Rolle spielen, die u.a. auch von Dieselmotoren abgegeben werden. Der Autor vermutet aber, dass NO2 oder andere gasförmigen Substanzen sich kausal sehr viel stärker als Feinstaub auf die Zahl der Unfälle auswirken. Nicht berücksichtigt wurden auch Langzeitfolgen der Belastung, da nur Tageswerte mit Unfallzahlen korreliert wurden.

Das zusätzlich zu anderen gesundheitlichen Folgen erhöhte Unfallrisiko, das allerdings nicht zwischen den von Fußgängern, Auto- oder Fahrradfahrern verursachten unterscheidet, sollte für den Autor wegen der mit Verkehrsunfällen verbundenen hohen Schadenskosten, den Verletzten und Toten die Motivation erhöhen, die Luftverschmutzung entschiedener zu senken, besonders in den Städten. Wenn in Deutschland jährlich 47.000 Menschen vorzeitig aufgrund der Aussetzung an Feinstaub sterben sollen, dann scheint der Druck der politischen Öffentlichkeit auf die Politik nicht allzuhoch zu sein, zumindest die Werte der EU-Richtlinie durch verkehrsberuhigende Maßnahmen einzuhalten.

Nach Greenpeace wird in München an 13 der 22 Messpunkte der Grenzwert von 40 Mikrogramm überschritten, berichtet die Süddeutsche. Bei 5 Messfahrten mit dem Fahrrad durch München lag die durchschnittliche Belastung bei 72 Mikrogramm, des öfteren auch über 200 Mikrogramm, ab dem Stickstoffoxid giftig wird. In München, so die Greenpeace-Studie, bestehe "eine sehr hohe gesundheitsgefährdende Belastung für Radfahrer", was auch auf andere Städte zutreffe, in denen die mit dem Fahrrad ermittelten Werte deutlich höher als die stationär gemessenen sind. Möglicherweise ist das erhöhte Unfallrisiko eher Anlass, die Luftverschmutzung zu verringern, da hier auch die Autofahrer betroffen sind?

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