Lunarer Moonwalk

Aldrins Ausstieg – fotografiert von Neil Armstrong. Bild: NASA

Anmerkungen zur ersten bemannten Mondlandung vor 40 Jahren

Am 20. Juli 1969 wirbelte die US-Landefähre „Eagle“ kurz vor dem Touchdown viel Staub auf – auch in symbolischer Hinsicht. Einige Stunden später betraten mit Neil Armstrong und Buzz Aldrin die ersten Menschen den Erdtrabanten und markierten die größte Zäsur der Kulturgeschichte, ja, die bisherige größte Zäsur in der Wissenschafts- und Technikgeschichte überhaupt. Während viele so genannte historische Ereignisse in 1000 Jahren längst wieder in Vergessenheit geraten sein werden, wird die erste Apollo-11-Mission auch nach dem Jahr 2969 in lebhafter Erinnerung bleiben, weil sie langfristig gesehen den Aufbruch der Menschheit ins All symbolisiert. Kurzfristig hingegen hat dieser vermeintliche Aufbruch nicht in ein neues Zeitalter, sondern in eine Sackgasse geführt.

Man wird Schiffe ohne Ruder bauen, so dass die größten von einem Mann zu steuern sind. Und unglaublich schnelle Fahrzeuge, vor die kein Tier gespannt werden muss. Und fliegende Maschinen. Und solche, die ohne Gefahr bis auf den Grund der Meere und Ströme tauchen können.

Philosoph und Naturforscher Roger Bacon, 13. Jahrhundert

Der böse Geist der Mondlandungslüge (engl. Moon Hoax, Moon Fake) schwebt immer noch wie ein Damoklesschwert über dem imaginären Haupt der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA, auch wenn diese nun erste Fotos der Apollo-Landefähren veröffentlicht hat, die im Juli mit dem LRO-Satelliten gemacht wurden (Erste Bilder der Apollo-Landefähren auf dem Mond).

Die unendliche Moon-Hoax-Geschichte

Nach wie vor behaupten die lunaren Verschwörungstheoretiker, die Apollo-Mondlandungen (vorzugsweise die erste) seien allesamt auf hollywoodmäßige Art und Weise in finsteren Militärhangars inszeniert und gefilmt worden, weil die NASA Anno Domini 1969 nicht über das notwendige technische und wissenschaftliche Know-how verfügt habe, Menschen zum Erdtrabanten und wieder zurück zu befördern.

Neil Armstrong auf dem Mond. Moon-Hoax-Anhänger bezweifeln seine dortige Anwesenheit. Bild: NASA

Die Moon-Fake-Liste der potenziellen Indizien, die für eine böswillige Mystifikation der NASA sprechen, ist lang, ideenreich, fantasievoll und entbehrt nicht einer gewissen Faszination, lässt sich aber, wie Thomas Eversberg vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) völlig zu Recht anmerkt, selbst schnell ins Reich der Legenden verweisen:

Die Moon-Hoax-Befürworter müssen stichhaltige Beweise vorlegen. Dies ist aber nicht der Fall. Jedes ihrer Argumente kann Punkt für Punkt widerlegt werden.

Während unter den apodiktischen Moon-Fake-Befürwortern und unnachgiebigen Gegnern seit etlichen Jahren vor und hinter den Kulissen ein Glaubenskrieg tobt, dessen Ende nicht absehbar ist, gehen Experten, Astronauten und Raumfahrtenthusiasten mehrheitlich davon aus, dass das große Apollo-Schauspiel wirklich auf dem Mond und nicht etwa in einem abgelegenen Filmstudio unter militärischer und CIA-Aufsicht über die Bühne gegangen ist.

Schließlich haben die „Moon-Hoax’ler“ immer noch keine überzeugend schlüssige Erklärung (von Beweisen natürlich ganz zu schweigen) dafür vorgelegt, wie es überhaupt möglich gewesen sein soll, eine derart große Verschwörung zu initiieren, ohne dass davon ein Teil der damals 400.000 Mitarbeiter der NASA und die Medien Kenntnis bekommen hätten? Wie hätte man eine solche Lüge, die nebenher bemerkt die größte der Wissenschafts- und Technikgeschichte gewesen wäre, über Dekaden hinweg vertuschen können, ohne dass davon der sowjetische oder chinesische Geheimdienst Wind bekommen hätte? Immerhin verfügten die Sowjets während des Kalten Krieges über ein hervorragend organisiertes Netzwerk von Agenten und Wirtschafts- und Technikspionen. Diese hätten im ureigensten Interesse Hinweise oder Indizien für solch ein perfides globales Täuschungsmanöver gefunden. Nicht vergessen werden darf zudem, dass sich die Sowjets mit den Amerikanern auch während und nach den Apollo-Missionen ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Vorherrschaft im Orbit lieferten. Es ging um viel Prestige und um die viel beschworene nationale Ehre.

Bild: NASA

Im Zeitalter des Space Race galt es eben, den politischen Klassenfeind auszubooten, ihn mit militärischen oder Weltraummissionen die Grenzen des eigenen Systems vor Augen zu führen und aufzuzeigen, wer in technisch-wissenschaftlicher, aber auch in politischer Hinsicht schlichtweg der Überlegenere ist.

Da die Führungsriege der Sowjetunion den amerikanischen Erfolg damals bekanntlich nur mit Murren zur Kenntnis nahm, hätte sie im Wissen um eine inszenierte Mondlandung nicht gezögert, alle Fakten auf den Tisch zu legen und den angeblichen historischen Triumph des politischen Feindes mit Freuden zu relativieren. Das Sprachrohr des Systems, die allgegenwärtige Tageszeitung Prawda („Wahrheit“) hätte damals mit Sicherheit gerne ihrem Namen alle Ehre gemacht. So gesehen spricht das Schweigen des sowjetischen Blätterwaldes eine recht deutliche Sprache.

Unverrückbare Wahrheit

Das wirklich Einzige, was an der ersten Apollo-Mission damals „gefaked“ war, waren Neil Armstrongs vor 40 Jahren erstmals intonierte, historische Worte „It's a small step for man, but a giant leap for mankind“ („Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein Riesenschritt für die Menschheit“).

Buzz Aldrin, der zweite Mann auf dem Mond, bei der Arbeit. Bild: NASA

Denn der prosaische Satz, der wie ein spontaner Gefühlsausbruch wirkte, war in Wirklichkeit eine im Vorfeld wohl überlegte und en detail abgesprochene Äußerung, ein präparierter Spruch für die Geschichtsbücher. Was zwischen 500 Millionen und 1 Milliarde Menschen 1969 live, besser gesagt mit einer Zeitverzögerung von zirka 1,2 Sekunden zu hören und zu sehen bekamen, wurde zugleich zu einem geflügelten Wort, das heute in der Tat in (fast) allen Geschichtsbüchern zu finden ist.

Die erste Mondlandung avancierte – im unzulässigen Superlativ formuliert – zum „historischsten“ Ereignis in den Annalen der Menschheitsgeschichte. Keine andere geschichtliche Begebenheit wirkte so nachhaltig, markierte eine derart tiefe positive und zugleich breite Zäsur. Selbst die Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus 1492, für sich gesehen natürlich ein singuläres historisches Ereignis, aber global betrachtet eben nur eine Wiederentdeckung eines Kontinents, den schon Jahrhunderte zuvor unbekannte Seefahrer mehrfach frequentierten, kann mit der Apollo-Mission 11 nicht konkurrieren. Denn vor 40 Jahren betraten Menschen im wahrsten Sinne des Wortes erstmals „Neuland“. Sie setzten ihre Füße auf einen außerirdischen „Kontinent“, den keiner zuvor je betreten hatte. Der Mensch verließ erstmals die Erde, betrat einen fremden Himmelskörper und sah seine Heimatwelt mit eigenen Augen – als funkelnden blauen Smaragd. Selbst der erste Mars-Astronaut, der in naher Zukunft durch den Staub des Roten Planeten watet, wird mit Armstrongs Schritten nicht Schritt halten können. Aus historischer Perspektive wird die erste bemannte Mars-Mission im Schatten der Mondlandung stehen.

Bild des zurückgebliebenen Laserreflektors. Das Laser-Reflektor-Experiment ist das einzige der ALSEP-Module (Apollo Lunar Surface Experiments Package), das seit den Apollo-Missionen Daten vom Mond liefert. Aus der Lichtlaufzeit lässt sich die aktuelle Entfernung zum Mond bis auf wenige Zentimeter genau bestimmen und zugleich belegen, dass die Apollo-Astronauten einst tatsächlich auf dem Mond gewesen waren. Bild: NASA

Kein neues Raumfahrtzeitalter

Gewiss, der 20. Juli 1969 (21. Juli 1969, 3.56 Uhr MEZ) hat retrospektiv gesehen keineswegs den Sprung der Menschheit in ein neues Raumfahrtzeitalter eingeleitet, den Neil Armstrong mit seinem geflügelten Wort so pathetisch beschworen hatte. Schließlich währte das Mondabenteuer nur dreieinhalb Jahre, hüpften im Zeitraum Juli 1969 bis Dezember 1972 im Rahmen sechs verschiedener Missionen gerade einmal 12 Menschen auf dem Erdtrabanten. Seit nunmehr knapp 37 Jahren bestaunte keine Menschenseele mehr den tiefschwarzen Mondhimmel. Keiner erblickte die bizarre von Kratern durchzogene wüstenartige Landschaft, den fein mehligen Sandstaub und das fremdartig hellstrahlende Sonnenlicht mit eigenen Augen.

Die Fahne weht, weil irgendein Idiot während der nächtlichen Fotosession in der Area 51 glattweg vergessen hat, die Eingangstüre richtig zu schließen. Aber vielleicht war der Übeltäter ja auch der Ventilator, der mal wieder auf Hochtouren lief. Komisch eigentlich, dass die Fahne weht, aber kein Mondstaub aufgewirbelt wird. Bild: NASA

Während die sowjetische Sputniksonde 1957 das unbemannte und der Kosmonaut Juri Gagarin 1961 das bemannte Raumfahrtzeitalter einleiteten, begann aus heutiger Sicht mit der Apollo-11-Mission mitnichten irgendeine neue Raumfahrtära. Die Apollo-Missionen ebneten weder den Weg zu einer permanent bemannten Mondbasis noch erwiesen sie sich als das erhoffte Sprungbrett zum Mars. Im Gegenteil – die Mond-Missionen symbolisierten den Beginn der großen Krise der bemannten Raumfahrt. Sie führten allen Enthusiasten unvermissverständlich vor Augen, was technisch machbar ist, wenn der Wille die tragende Säule einer Idee ist – und was halt nicht realisierbar ist, wenn die erste Begeisterung verfliegt und die finanziellen Ressourcen versiegen, weil irdische Probleme den Blick auf das Außerirdische verstellen.

Als sich am 12. Dezember 1972 Eugene Cernan vom Mond verabschiedete, konnte zu diesem Zeitpunkt noch keiner ahnen, dass er der letzte Mensch des 20. Jahrhunderts sein sollte, der seinen Fuß auf einen fremden Himmelskörper setzt und das amerikanische bemannte Raumfahrtprogramm so schnell auf Nimmerwiedersehen im Haushaltsloch der NASA verschwinden würde.

Lunare Spritztour mit Eugene Cernan. Bild: NASA

Zugegeben, der wissenschaftliche Ertrag der sechs erfolgreichen bemannten Apollo-Mondlandungen war nur mäßig bis durchschnittlich. Hinzu kam, dass das Interesse der Bevölkerung von Apollo-Mission zu Apollo-Mission schwand. Nur das Drama der Apollo-13-Mission, die für alle drei Astronauten hätte durchaus tödlich enden können, hielt die Welt noch einmal in Atem; danach wurde es sukzessive still um die bemannte Raumfahrt. Der Reiz des Neuen war dahin – der Mond als Reiseziel seiner Faszination entledigt. Nur einige blecherne Forschungssonden verewigten sich auf dem Erdtrabanten – in Gestalt von kleinen Kratern. Seither ist der Mond ein verwaister Satellit der Erde. Die bemannte Raumfahrt zog sich in den Erdorbit zurück, wo sie bis heute dahinvegetiert.

Frühestens in der nächsten Dekade werden Menschen dem Mond erneut die Aufwartung machen; dann höchstwahrscheinlich keine Amerikaner, sondern eher Chinesen. Das „Space Race“ um den Mond geht in die nächste Runde. Dieses Mal begnügen sich die Mondreisenden aber nicht mehr allein mit Gesteinsproben. Ihr Interesse gilt dann vielmehr einer permanent besetzten Mondstation und den hiesigen beträchtlichen Rohstoffvorkommen, die später einmal zu lunaren Exportschlagern avancieren sollen.

Die erste Mondbasis wird wohl nur wenig Komfort bieten können. Bild: ESA

Langfristig die größte Zäsur aller Zeiten

Wenn unsere Nachkommen die heutige Diskussion über den Sinn und Unsinn der bemannten Raumfahrt nur noch mit einem milden Augurenlächeln quittieren und die Apollo-11-Mission Jahrhunderte zurück liegt, wird ihre historische Bedeutung umso größer sein. Denn je tiefer der Homo sapiens sapiens ins All vordringt, desto mehr rücken seine historischen Wurzeln ins Bewusstsein. Als Christoph Columbus 1492 den amerikanischen Kontinent betrat, konnte er sich ebenso wenig ein Bild über die Folgen seiner Entdeckung machen wie wir heute über jene der ersten bemannten Mondmission. Columbus’ Schritte auf dem neuen Land hatten radikale Konsequenzen – sowohl für Europa als auch im Besonderen für die Ureinwohner. So werden die Historiker der Zukunft Armstrongs ersten Schritten fraglos eine noch größere Bedeutung zuschreiben als uns heute bewusst ist.

Erst wenn der Mensch – angetrieben von der unversiegbaren Quelle „Neugier“, beflügelt von wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn und motiviert von ökonomisch-ökologischen Zwängen (Überbevölkerung, Ressourcen-Knappheit) – den Sprung weg vom Orbit ins All wagt, den Mond und Mars besiedelt sowie erste interstellare Sonden entsendet, wirkt die historische Dimension der Apollo-Mission unmittelbar.

Bild: ESA

Mag sein, dass gegenwärtig viele Menschen rund um den Globus von dem 40. Jahrestag der ersten Mondlandung Notiz nehmen; feiern und entsprechend würdigen werden ihn dagegen nur wenige. Dies wird späteren Generationen vorbehalten bleiben. Es werden vor allem jene sein, für die die bemannte Raumfahrt so selbstverständlich ist wie für uns die Fortbewegung via Flugzeug. Sie mögen vielleicht auf dem Mond oder Mars leben und wie einst die Apollo-Astronauten die Erde als blauen Smaragd bewundern.

Müssten diese in 1000 Jahren jedoch einmal davon Zeugnis ablegen, welches Ereignis in den Annalen der Menschheitsgeschichte das in ihren Augen oder Sensoren (es könnten ja auch Roboter sein) bedeutsamste ist, werden sie unter Garantie die erste Mondmission zur Sprache bringen. Moon-Hoax wird dann längst vergessen sein. Die erste Mondmission vom Juli 1969 jedoch nicht, weil sie 3009 ein unmittelbarer Teil allgegenwärtiger Geschichte ist. Ein Teil der Geschichte des „Homo spaciens“.

Armstrongs erste Schritte und sein legendärer Spruch auf Youtube

(Harald Zaun)

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