Mach mal Pause

Die "Überflüssigen" veröffentlichen eine Broschüre mit "medizinischem Wissen" zum Krankfeiern

Die Presseeinladung hörte sich geheimnisvoll an. Die Pressekonferenz könne womöglich einen Polizeieinsatz provozieren, wurden die Journalisten gewarnt. Die Polizei ließ sich dann allerdings nicht blicken im Berliner „Haus der Demokratie“. Dafür waren dort eine Menge Menschen mit weißen Masken und roten Kapuzenpullis mit der Aufschrift Die Überflüssigen. Das ist der Namen einer Gruppe, die sich erstmals bei den Sozialprotesten gegen Hartz IV mit spektakulären Aktionen zu Wort gemeldet hatte.

In dieser Tradition stand auch ihre jüngste Aktion. Sie haben ein Büchlein mit dem Titel Diagnose Kapitalismus - Therapie Pause vorgestellt, das „medizinisches Wissen zur Überwindung von Arbeitszwang und Behördendrangsal“ weitergibt. Damit haben sie eine Broschüre wieder zugänglich gemacht, die 1980 unter dem Titel Wege zu Wissen und Wohlstand – lieber Krankfeiern als gesund schuften für Schlagzeilen sorgte. Dafür war aber hauptsächlich die Justiz verantwortlich.

Am 30.11.1980 wurde das Büchlein zum ersten Mal beschlagnahmt. Insgesamt gab es über 80 Hausdurchsuchungen bei Buchhändlern, Verlagen sowie alternativen Projekten, die die Handreichung für ein gesundes Leben angeblich verbreiteten. Begründet wurde die Polizeimaßnahme mit dem „Aufruf der Begehung von Straftaten“, weil die Broschüre schließlich Tipps gibt, wie man eine Krankheit simuliert, um sich ein Attest zu besorgen.

Die Überflüssigen begründen die Wiederauflage der Broschüre mit politischen Gründen. Der Krankenstand sei heute so niedrig wie nie zuvor. Viele Arbeitnehmer würden sich trotz Fieber und Schmerzen zum Arbeitsplatz schleppen, weil sie Angst um ihren Job haben. Oft können sich die Menschen auch die Krankheit einfach nicht mehr leisten. Gerade für die wachsende Zahl von Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen, ohne Anspruch auf Krankengeld und Lohnfortzahlung im Krankheitsfalle, bedeutet eine längere Arbeitsunfähigkeit oft Verschuldung und Angst ums Überleben.

Eine Entwicklung, die der Mediziner Wolfgang Fabricius vom Berliner Gesundheitsladen an Hand von Diagrammen untermauerte. Nicht das Krankfeiern sei das Problem, sondern die zunehmende Zahl von Menschen, die sich krank zur Arbeit quälen und damit ihre Gesundheit noch zusätzlich ruinieren. Daher könne er die Wiederauflage der Gesundheitsbroschüre nur begrüßen, bekräftigte Fabricius.

Die Auflage scheint mit 2000 Exemplaren recht begrenzt. Doch die Broschüre ist vollständig im Internet zu finden. Dort können auch Interessierte Erfahrungen austauschen, die sie mit dieser und jener Krankheit gemacht haben, sowie weitere Krankheitstipps vorschlagen. Anders als in den 80er Jahren würde eine Beschlagnahme so wohl eher zu einer stärkeren Verbreitung beitragen. (Peter Nowak)

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