Macht Auslesedruck in Schulen krank?

Pädagogen und Mediziner befürchten, dass Zeit- und Leistungsdruck in der Schule immer häufiger zu gesundheitlichen Problemen führen

In wenigen Wochen beginnt der Countdown. Für zahlreiche Schülerinnen und Schüler entscheidet sich, wohin ihre schulische Laufbahn führen wird, und möglicherweise hat dieser nächste Schritt schon einschneidende Konsequenzen für ihren gesamten beruflichen Werdegang. Denn das deutsche Schulsystem, so bezeugen es zahlreiche nationale und internationale Vergleichsstudien, zeichnet sich neben seinem Hang zur sozialen Auslese vor allem durch die mangelnde Durchlässigkeit aus, die es Kindern und Jugendlichen in vielen Fällen unmöglich macht, die einmal beschlossene Zuweisung nachträglich zu korrigieren.

Was Eltern und Schülern nun bevorsteht, schildert Klaus Wenzel, Präsident des einflussreichen Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), in dem rund 55.000 Pädagogen organisiert sind:

Viele Eltern halten ihre Kinder während dieser Zeit verstärkt zum Lernen an, damit die Noten ausreichen. Was die Schule an Förderung nicht bieten kann - weil Zeit und Personal fehlen - muss teuer erkaufte Nachhilfe ersetzen. Am Ende fiebern Eltern und Schüler dem Termin regelrecht entgegen. Die Frage des Übertritts bestimmt den Alltag. Sie nimmt bisweilen hysterische und schicksalhafte Züge an.

Klaus Wenzel

Wenzel hat sich mit dem Leiter des Heckscher-Klinikums für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie;;http://www.heckscher-klinik.de in München, Franz Joseph Freisleder, zusammen getan, um vor der Aufteilung einer neuen Schülergeneration auf Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien nachdrücklich darauf hinzuweisen, dass der Auslesedruck Krankheitssymptome verursacht, „die die Gesundheit von Kindern nachhaltig gefährden“. Wenzel und Freisleder sehen „Stresssymptome wie Übelkeit, Bauchweh, Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme oder Schlafstörungen“ als Folgen eines permanenten Zeit- und Leistungsdrucks, der die Kinder von der Grundschule bis ans Ende ihrer schulischen Laufbahn und darüber hinaus begleitet.

Nach ihrer Einschätzung werden Lehrer und Eltern in Deutschland „viel zu früh“ gezwungen, Entscheidungen über die Bildungsbiographien ihrer Schüler und Kinder zu treffen. Aus Angst, jetzt nicht die richtigen Weichenstellungen vorzunehmen, komme es vielfach zu voreiligen Entschlüssen, übertriebenen Leistungsanforderungen und einer massiven Einschränkung der kindlichen Freizeitaktivitäten, die nicht nur hinter den unmittelbar schulischen Herausforderungen, sondern auch hinter Hausaufgaben, Unterrichtsvorbereitungen oder Nachhilfestunden zurückstehen müssen.

Ähnlich hatte sich im vergangenen Juni bereits der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung, Ludwig Eckinger, geäußert.

Der Druck zur Selektionsentscheidung muss entfallen. Wenn hinter jeder Leistungsmessung die Notwendigkeit der Einsortierung und der sozialen Zuweisung steht, erzeugt das Ängste der Rechtfertigung und der Nachweispflicht bei Lehrerinnen und Lehrern, Ängste der Etikettierung und des Statusverlusts bei Schülerinnen und Schülern und Ängste der Dezimierung von Zukunftschancen ihrer Kinder bei den Eltern.

Ludwig Eckinger

Fast zeitgleich wies der bildungspolitische Sprecher der bayerischen SPD-Landtagsfraktion, Hans-Ulrich Pfaffmann, darauf hin, dass Leistungs- und Auslesedruck ohnehin nur Teilprobleme sind. Überdies litten alle Beteiligten an chronischem Lehrermangel und übervollen Klassen, zu kleinen Klassenzimmern, früher Selektion und mangelnder individueller Förderung. Wenzel und Freisleder sehen in dieser schwierigen Situation nur eine Lösungsmöglichkeit: Die Eltern sollen eigenverantwortlich entscheiden, auf welche Schule sie ihr Kind schicken wollen.

Sie tragen auch die Verantwortung. Die Grundschule begleitet und berät intensiv. Ferner muss garantiert sein, dass in der Wahrnehmung von Eltern und Wirtschaft alle zur Auswahl stehenden Schularten gleichwertig sind. Und es muss dafür gesorgt werden, dass an jeder Schulart so intensiv gefördert werden kann, dass jeder Schüler an der von ihm bzw. seinen Eltern gewählten Schulart verbleiben kann. (…) Deshalb brauchen alle Pädagogen mehr Zeit und alle Schüler mehr individuelle Förderung.

Klaus Wenzel

Im benachbarten Österreich werden übrigens ähnliche Beobachtungen gemacht. 20 Prozent aller Schüler bräuchten hier eine psycho-therapeutische Behandlung, glaubt Eva Mückstein, Präsidentin des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie. Bereits zwei Drittel aller Kinder fühlten sich durch Druck und Stress „massiv belastet“ und empfänden den Schulalltag, der von Leistungs- und Konkurrenzdruck, aber auch von Mobbing und Gewalt geprägt sei, inzwischen als größte Belastung.

Dabei gilt es zu bedenken, dass der Auslese- und Leistungsdruck mit dem Eintritt in die gewünschte Schulform keineswegs abnimmt, sondern sich unter den Bedingungen vermeintlicher Reformbemühungen (Stichwort: G8) noch verschärfen kann.

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband und das Heckscher-Klinikum stützen ihre Thesen unter anderem auf die Befunde des Kinderbarometers. Die vom PROSOZ Herten ProKids-Institut im Auftrag der LBS-Initiative „Junge Familie“ durchgeführte Untersuchung fand zunächst nur in Nordrhein-Westfalen statt, wurde im vergangenen Jahr aber auf sechs weitere Bundesländer (Bayern, Baden-Württemberg, Bremen, Hessen, Niedersachsen, Sachsen) und über 6.100 Schulkinder im Alter zwischen 9 und 14 Jahren ausgeweitet.

Demnach stufen es 81 Prozent der Kinder als „sehr wichtig“ ein, später einen „guten Beruf“ zu haben. Im Mittelwertvergleich aller hier abgefragten Zukunftsaspekte liegt der Berufswunsch an erster Stelle - vor der eigenen Familie, dem eigenen Haus oder dem eigenen Auto. In der Rangfolge der Wertvorstellungen rangiert „gut in der Schule sein“ weit vor „die neusten Trends mitmachen“, „gut aussehen“, aber auch deutlich vor „offen zu Menschen sein, die anders sind“ oder „mit anderen teilen“.

Besonders signifikant sind die Antworten auf die Frage nach der größten aktuellen Angst. Hier rangiert die Angst vor schulischem Versagen (31 Prozent) mit einem gewaltigen Abstand vor sämtlichen Alternativen. Weder Monster (1 Prozent) noch Krieg (2 Prozent), der eigene Tod oder körperliche Gewalt (je 4 Prozent) können jungen Menschen ähnliche Angstgefühle einflößen, und in Bayern liegt dieser Wert mit 39 Prozent tatsächlich deutlich über den Vergleichsgrößen in Bremen (24 Prozent) oder Niedersachsen (27 Prozent).

In dieser Situation wird die Schule zur Probebühne sozialer und arbeitsmarktpolitischer Verteilungskämpfe, glauben Wenzel und Freisleder. Sie mutiert zur bloßen „Sortieranstalt“, die ihre Zöglinge in Bildungsgewinner und Bildungsverlierer trennt. Für letztere verschwindet mit der angestrebten Schulform auch die Hoffnung auf erfolgversprechende Berufsperspektiven.

Schon deshalb sind Hauptschüler die Verlierer des Bildungssystems und werden auch als solche angesehen. Dort sammeln sich - so das Klischee - die „Ausgegrenzten“, „Absteiger“ und Kinder von Migranten. Zu den Verlierern des Systems zählen jährlich rund 50.000 Wiederholungsschüler, 15 bis 20 Prozent der Schulwechsler und Schulabbrecher, 37 Prozent der Kinder, die sich in einer „armutsnahen Lage“ befinden und vor allem jene acht Prozent der Schüler ohne Schulabschluss.

Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband

Der Bayerische Philologenverband (bpv), der rund 22.000 Mitglieder vertritt und sich die „Weiterentwicklung des gegliederten Schulwesens“ ganz oben auf die Fahnen geschrieben hat, beurteilt die Lage naturgemäß anders. Für seinen Vorsitzenden Max Schmidt ist der Vorstoß des Lehrerinnen- und Lehrerverbandes nur ein Versuch, das „bayerische Schulsystem kaputt zu reden, und so reagierte der Studiendirektor aus Bruck am vergangenen Dienstag in ungewöhnlich scharfer Form.

Die heutige Presseerklärung des BLLV ist ein einziges Dokument verbandspolitischer Verantwortungslosigkeit. Die völlig überzogene Anklagerhetorik, mit der hier versucht wird, die Arbeit der bayerischen Lehrkräfte zu diffamieren, ist unerträglich. Das zerrbildhafte Verzeichnen unseres Schulsystems durch den BLLV-Präsidenten dient einzig dem Versuch, die Gesamtschule in Bayern mit aller Gewalt herbeizureden. Da seinem Präsidenten offensichtlich vernünftige Argumente für die Gesamtschule fehlen, verlegt er sich auf das böse Spiel von Panikmache und Verunsicherung.

Max Schmidt

Im zweiten, argumentativeren Teil seiner Stellungnahme verweist Schmidt auf eine Studie des Dortmunder Instituts für Schulentwicklungsforschung und sucht damit - wie schon der bayerische Kollege – sein statistisches Heil in Nordrhein-Westfalen. So sei „beim weitaus größten Teil“ der Schüler am Ende der vierten Klasse die Vorfreude das prägende Erlebnis, nur 7,7 Prozent machten sich in dieser Phase Sorgen um den bevorstehenden Schulwechsel.

Die Einheitsschule ist nicht die Lösung für unsere schulpolitischen Probleme, sie wäre vielmehr der Kern einer von vielen ungeahnten Problemlawine. Statt sich darauf zu konzentrieren, Ängste zu schüren, sollten alle Beteiligten sich daher auf das Ziel konzentrieren, im Rahmen unseres bestehenden Schulsystems wirklich etwas für unsere Schülerinnen und Schüler bewegen zu können. Vernünftige Ideen, wie die individuelle Förderung verstärkt werden kann, gibt es schon jetzt für jede Schulart.

Max Schmidt

Die Studie, auf die sich der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbandes beruft, wurde im Juni 2007 veröffentlicht und kommt tatsächlich zu den beschriebenen positiven Ergebnissen. Allerdings wehrten sich die Bildungsforscher schon im vergangenen Sommer explizit gegen Fehldeutungen des bayerischen Verbandes. Da sie im Wesentlichen „motivational/emotionale und leistungsbezogene Entwicklungen“ untersucht hätten, seien Aussagen über die Qualität des Schulsystems auf der Basis ihrer Daten überhaupt nicht möglich. Folgerichtig wollte das Dortmunder Institut festgestellt wissen, „dass in der Presseerklärung des bpv zwar die Forschungsresultate (fast) korrekt aus der dpa-Pressemitteilung übernommen wurden“, diese jedoch „in einer Weise kommentiert und interpretiert werden, die aus wissenschaftlichen Gesichtspunkten absolut unzulässig ist“.

Vielmehr seien die Probleme, die durch frühe schulische Auslese und die soziale Chancenungleichheit entstehen, von Studien wie PISA oder IGLU „hinreichend empirisch“ belegt worden.

So wird auf Basis von Leistungstestergebnissen deutlich, dass durch die Mehrgliedrigkeit des Schulsystems differenzielle Lernumgebungen (…) geschaffen werden, die zu einer Verschärfung sozialer Disparitäten und zu einem Schereneffekt in der Leistung beitragen (…). Durch die frühe Aufteilung werden gerade Hauptschülern damit in hohem Maße Bildungs- und Zukunftschancen genommen.

Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung

Bundesweit scheint das Thema Bildungspolitik auch auf der Schulebene eine immer größere Rolle zu spielen. Bei der jüngsten Bürgerschaftswahl in Hamburg konkurrierte ein leicht modernisiertes, aber immer noch gegliedertes Schulsystem, das von der regierenden CDU protegiert wurde, mit dem Modell „Schule für alle“, das vor allem die GAL favorisierte. Wenn es nach den Grünen ginge – und vielleicht sitzen sie ja bald wirklich auf der Hamburger Regierungsbank –, sollen ab dem Schuljahr 2010/2011 die Schüler bis zur neunten Klasse zusammen bleiben.

Der Vorteil: Die Leistung aller steigt und die Besten werden noch besser. Das zeigen die Erfolge skandinavischer Länder bei PISA. Schlummernde Talente werden nicht frühzeitig aussortiert, Superhirne und BastlerInnen lernen länger voneinander und die Kinder erfahren früh, dass sie alle gleich viel wert sind.

Initiative „9 macht klug“

Andernorts überholt die Praxis bereits die vielfach ideologischen Grabenkämpfe. So hat der Landeselternrat der Gesamtschulen in Nordrhein-Westfalen vor kurzem darauf hingewiesen, dass die Gesamtschulen des Landes auch 2008 wieder mehr als 15.000 Kinder ablehnen müssen, weil ihnen entsprechende Kapazitäten fehlen. Nach dem Willen der Eltern hätten 25 Prozent aller Viertklässler an einer Gesamtschule angemeldet werden sollen, knapp 9 Prozent können nicht aufgenommen werden.

In Bremen wollen 31 Prozent der Eltern, dass ihre Kinder eine Gesamtschule besuchen. Das sind noch deutlich weniger als die Anhänger des Gymnasiums aufzubieten haben (51 Prozent), aber schon wieder zwei Prozent mehr als im vergangenen Jahr. In Hessen spielte dagegen der Umstand, dass gerade einmal 13 Prozent der Schüler der Sekundarstufe I und II an integrierten Gesamtschulen unterrichtet werden (können) eine wichtige, für die regierende CDU nicht eben vorteilhafte Rolle.

Gleichzeitig erfreuen sich allerdings auch die Privatschulen in Deutschland über wachsendes Interesse und größere Schülerzahlen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes besuchten im Jahr 2006/07 rund 892.000 Schülerinnen und Schüler private Schulen - 2,2 Prozent mehr als im Vorjahr Der Anteil der Privatschüler liegt damit bundesweit bereits bei 7,3 Prozent. In Nordrhein-Westfalen beträgt der Anteil der Schülerinnen und Schüler in privaten Gymnasien bei allen Gymnasiasten bereits 16,5 Prozent. Im Saarland stellen Privatschüler 14 Prozent der mutmaßlichen künftigen Abiturienten, in Rheinland-Pfalz liegt ihr Anteil bei 13,8 Prozent.

Die mittelfristige Gestaltung des deutschen Schulsystems dürfte die Gemüter folglich weit über die nächsten Koalitionsverhandlungen hinaus beschäftigen.

Anzeige