Macht Hindenburg Platz?
In Münster streiten die Bürger vehement über die Benennung eines Platzes
Die dieses Jahr vom Stadtrat beschlossene Umbenennung des innerstädtischen Hindenburgplatzes in Schlossplatz beeinträchtigt viele Bürger in ihrem Heimatempfinden. Erinnerungskultur sei nicht gleichbedeutend mit Ehrung. Im September stimmen die Münsteraner daher in einem Bürgerentscheid über eine mögliche Rückbenennung ab. Das Sommerloch-Thema könnte in einem Schildbürgerstreich enden.
Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg hätte gute Chancen gehabt, in die deutsche Geschichte als größter Unsympath einzugehen. Während des Ersten Weltkriegs entmachtete er faktisch den Kaiser und kontrollierte Deutschland über die von ihm geführte Oberste Heeresleitung in einer Art Militärdiktatur. Hindenburg gefiel sich mit menschenverachtenden Bonmonts wie dem, er hätte während der Schlacht bei Tannenberg gut geschlafen. Der geforderte Kadavergehorsam kostete allein in der Schlacht um Verdun über 300.000 und in der Schlacht an der Somme eine Million Menschenleben - ohne jeden Sinn.
Sein Versagen, für das Millionen Menschen im Ersten Weltkrieg mit dem Tod bezahlten, kaschierte Hindenburg mit der Dolchstoßlegende. Weil die Deutschen nicht auf ein solches politisches Talent verzichten wollten, wählten sie 1925 den inzwischen greisen Antidemokraten zum Staatsoberhaupt. Wie es sich für Politiker gehört, leistete sich Hindenburg Korruptionsskandale und sparte trickreich Steuern. Dass Hindenburg dann doch nicht die zentrale Hassgestalt der deutschen Geschichte wurde, verdanken wir u.a. einem "böhmischen Gefreiten", den Hindenburg 1933 als seinem Nachfolger inthronisierte.
Ehrung für Kriegstreiber in der Friedensstadt
Während Hindenburgs Name heute in erster Linie mit einem verunglückten Zeppelin verbunden wird, benannte man seinerzeit auch etliche Plätze nach dem Menschenschinder, so auch 1927 am damals wichtigen Militärstützpunkt Münster. Auf dem mitten in der Stadt gelegenen Hindenburgplatz fand auch die lokale Bücherverbrennung statt, sowie NSdAP-Paraden im Nürnberg-Stil. Auf jenem bis heute praktisch unbebauten Gelände pflegen Jahrmärkte und Zirkusse zu gastieren, so dass insbesondere auch Elefanten regelmäßig Gelegenheit wahrnahmen, sich auf dem Hindenburgplatz zu erleichtern und auf diese Weise dem menschenverachtenden Militaristen würdig zu gedenken. Bereits 1947 hatte man beschlossen, sich der Benennung zu entledigen, den Beschluss jedoch nicht umgesetzt. Anlässlich der 350-Jahr-Feier des in Münster geschlossenen Westfälischen Friedens wies 1998 jemand darauf hin, dass Hindenburg vielleicht doch nicht so ganz der angemessene Namensgeber für einen Platz einer Friedensstadt sei. Doch damals stimmten im Stadtrat sogar SPD und GRÜNE gegen eine Umbenennung.
Der Absturz des Hindenburgs
Im März 2012 hatte der Rat dann ein Einsehen und beschloss mit Unterstützung von CDU-Bürgermeister Markus Lewe (der hierfür Kritik von Traditionalisten aus den eigenen Reihen in Kauf nahm) die Umbenennung in "Schlossplatz". Doch manch Münsteraner kamen Tränen, als er nicht mehr das vertraute Straßenschild genießen konnte. Gar von "Bilderstürmerei" ist die Rede, man vermisse ein Heimatgefühl. Das hätte mit der Person Hindenburgs gar nichts zu tun, Erinnerungskultur müsse nicht gleichbedeutend mit Ehrung sein. Und da Sturheit in Westfalen nun einmal als Tugend gilt, formierte sich die Initiative Pro-Hindenburgplatz und dann der Verein "Ja zum Hindenburgplatz e.V.", der auf seiner Website allerdings kaum Informationen bietet, und fordert eine Rückbenennung.
Dennoch hatten Traditionalisten 15.123 Unterschriften zusammengetrommelt und durchgesetzt, dass die Münsteraner die Ratsentscheidung im September durch einen Bürgerentscheid revidieren können. Die Unterschriften für die Rückbenennung stammten nicht nur häufig von Rentnern, sondern überraschend auch von vielen Studierenden. Die Kosten für den Bürgerentscheid werden 285.000,- € betragen. Und als sei die anachronistische Huldigung Hindenburgs noch nicht peinlich genug: Die Pro-Hindenburgplatzler könnten durchaus Erfolg haben.
Eigentlich aber sieht man auf den von der Initiative verwandten Fotos meistens das am Platz befindliche Schloss, was der gegenwärtigen Namensgebung entspräche. Auch einen heimatlichen Bezug Hindenburgs zu Münster scheint es nicht zu geben, dort errang er 1925 gerade einmal 30% der Stimmen. Die Historiker der Universitätsstadt Münster haben einer Ehrung des Antidemokraten Hindenburg eine klare Absage erteilt. Ob ausgerechnet Heimatgefühle und Patriotismus, die Hindenburgs Soldaten den Weg in den Tod wiesen, in diesem Zusammenhang wohl ein geschicktes Argument sind?
"Hindenburg-Jugend"
Zu den Befürwortern der Rückbenennung gesellte sich inzwischen eine ominöse Hindenburg-Jugend, von der allerdings kolportiert wird, es handele sich in Wahrheit um vaterlandslose Gesellen, die den nächsten Dolchstoß vorbereiteten. Vor ein paar Wochen montierte ein Künstler eigenmächtig ein Straßenschild mit dem Schriftzug "Dem Hindenburg seine Frau ihr Platz". (Soweit dieser Vorschlag die Namensbestandteile "Ihr Platz" enthält, dürften die Markenrechte derzeit insolvenzbedingt preiswert zu haben sein.) Offenbar hat noch niemand erwogen, den Ort auf den Namen "Parkplatz" zu taufen, was der derzeitigen Funktion am ehesten entspräche. Und vielleicht sollte man dann auch so konsequent sein, und das Schloss in "Hindenburg" umbenennen. Dann jedenfalls wäre die sich abzeichnende Blamage der Stadt wohl perfekt. (Markus Kompa)