Macht es noch einmal, Schweden

Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell bleibt seiner Linie treu. Bild: Frankie Fouganthin/CC BY-SA-4.0

Die Regierung verschärft die Empfehlungen, setzt aber weiter auf Vernunft und Solidarität anstatt auf Verbote

Panikmache und Aktivismus konnte der schwedischen Gesundheitsbehörde bisher keiner vorwerfen. Seit sich die Krankenhäuser wieder mit Covid-Patienten füllen, sind deren Ermahnungen aber dringlicher geworden. Und in fünf Regionen, für mehr als die Hälfte der Bevölkerung, gelten bereits Regeln, die verdächtig nach "Lockdown Light" klingen - nur eben freiwillig. "Wir müssen uns genauso solidarisch zeigen wie im Frühjahr", mahnt Staatsepidemiologe Anders Tegnell.

So viele Menschen wie noch nie lassen sich in Schweden testen, zuletzt mehr als 160.000 pro Woche von 10,3 Millionen Einwohnern. Aber die positiven Ergebnisse sind auch so hoch wie noch nie. Am Mittwoch gab es 3396 neue Covid-19-Diagnosen. Die meisten kurieren sich zuhause aus, aber zunehmend mehr Patienten benötigen Behandlung im Krankenhaus (jüngster Stand laut Pressekonferenz 391 stationäre Patienten plus 59 auf der Intensivstation).

Noch hält sich die Zahl der damit Verstorbenen in Grenzen, aber in Schweden erinnert man sich noch gut an das Frühjahr. Niemand möchte diese Situation wieder haben. Erst im Juli hatten sich die Intensivstationen wirklich geleert. Und viele Krankenhäuser konnten erst nach dem Sommer damit beginnen, die Operationen nachzuholen, die im Frühjahr verschoben werden mussten. Laut Expressen wurden nun im Danderyd-Krankenhaus in Stockholm bereits wieder Abteilungen geschlossen, weil die Zahl der Covid-Patienten steigt und das Personal gebraucht wird.

Die neuen Empfehlungen raten dringend davon ab, sich in irgendwelche Innenräume außer den eigenen vier Wänden zu begeben

Damit die Zustände aus dem Frühjahr nicht wiederkehren, sind in fünf Regionen inzwischen die neuen regionalen Empfehlungen in Kraft, die zu stärkeren Einschränkungen aufrufen. Dazu gehören die drei Großstadtregionen Stockholm, Västra Götaland mit Göteborg und Skåne mit Malmö, aber auch Uppsala und Östergötland. Sie gelten zunächst für drei Wochen, mit Ausnahme von Uppsala, wo sie als erstes verhängt und nun auf vier Wochen verlängert wurden. Diese Entscheidung fällt die Gesundheitsbehörde nach Beratung mit den Regionen, diese sind auch für die Krankenversorgung vor Ort zuständig. Eine feste Obergrenze dafür gibt es nicht, sondern die Lage wird individuell bewertet. Die sechs Regionen haben zusammen rund 6,5 Millionen Einwohner - damit befindet sich schon mehr als die Hälfte der Schweden in diesem verschärften Zustand.

Die neuen Empfehlungen raten dringend davon ab, sich in irgendwelche Innenräume außer den eigenen vier Wänden zu begeben - also von Läden, Einkaufszentren, Fitnessstudios, Museen oder Bibliotheken. Man darf natürlich weiter Lebensmittel einkaufen oder zur Apotheke.

Abgeraten wird auch von Konferenzen, Konzerten, Vorstellungen und Sportwettkämpfen, insbesondere dort, wo Teilnehmer aus dem ganzen Land zusammenkommen. Lediglich Kinder unter 15 sind davon ausgenommen.

Man möge am besten persönlich und nah nur diejenigen treffen, mit denen man zusammenwohnt - und auf keinen Fall Feste veranstalten oder besuchen.

Ein Teil der Regionen rät auch davon ab, den ÖPNV zu benutzen. Andere verzichten auf diesen Punkt. Die Infektionsschutzärztin von Stockholm sagte dazu in der Pressekonferenz, in ihrer Region sei es schwer, ohne den ÖPNV auszukommen - aber sei man flexibel, möge man zu einer Zeit fahren, in der man Abstand halten kann. Eine Pflicht zum Mund-Nasen-Schutz kommt in diesen Maßnahmen nicht vor.

Ein Betriebsverbot für die angesprochenen Läden und Einrichtungen ist dies nicht. Jedes Unternehmen ist aufgefordert, für eine sichere Umgebung zu sorgen, und jeder Kunde/Besucher ist aufgefordert, selbst darüber zu urteilen, ob es dort sicher ist und wie wichtig ihm dieser Besuch/Kauf ist. Restaurants können allerdings geschlossen werden, wenn sie die Bestimmungen zum Infektionsschutz nicht einhalten. Einige Einrichtungen haben bereits die vorübergehende Schließung verkündet.

Festhalten an der 50-Personen- Grenze

In Schweden gilt seit Ende März konsequent die 50-Personen-Obergrenze für öffentliche Veranstaltungen. Jüngst beschloss die Regierung nach Abstimmung mit der Gesundheitsbehörde allerdings zwei Veränderungen: Etablissements mit Tanzfläche fallen als Veranstalter "öffentlicher Tanzveranstaltungen" nun auch unter die 50-Personen-Regel, von der Restaurants mit Sitzangebot ausgenommen sind. Es gab zu viele Bilder von Nachtclubs mit Gedränge. Sportveranstaltungen, Theater oder Konzerte sollten dagegen wieder bis zu 300 Personen zulassen dürfen, solange man dort sitzen und Abstand wahren kann. Damit sollte eine Lösung geschaffen werden, die auch die Kultur und die Vereine durch den Winter bringt und Ungerechtigkeiten gegenüber dem Restaurantbetrieb beseitigt.

Die sechs Regionen Skåne, Stockholm, Västra Götaland, Östergötland, Uppsala und Blekinge haben allerdings bereits entschieden, dass sie angesichts der Lage bei der 50-Personen-Obergrenze bleiben - alles andere sei das falsche Signal. Es ist zu erwarten, dass in nächster Zeit noch weitere Regionen die Maßnahmen verschärfen.

Inwieweit hilft es Schweden, dass dort so viele Covid-19 bereits gehabt haben und zumindest einige Monate lang immun sein sollten? Tegnell verweist darauf, dass die Entwicklung in Schweden nun langsamer gegangen sei als in anderen Ländern und die Sterblichkeit immer noch gering sei. Tatsächlich gehört Schweden zurzeit in Europa zum "unteren Drittel" in Bezug auf die Fallzahlen. Norwegen, Finnland und Estland sind noch viel besser dran, haben sich aber auch schon vor Wochen abgeschottet beziehungsweise strenge Quarantäneregeln bei der Einreise eingeführt.

Im Frühjahr gelang es den Schweden, durch ein freiwilliges diszipliniertes Verhalten die Entwicklung von einer bereits fortgeschrittenen Virusverbreitung zu wenden. Anders Tegnell und seine Kollegen hoffen nun auf eine ähnliche Wirkung, um zu vermeiden, dass es erneut zu Verhältnissen wie im Frühjahr oder noch schlimmer kommt. Ende April lagen bis zu 558 Covid-19-Kranke auf den Intensivstationen, was mehr ist, als das Land normalerweise an Kapazität hat. Es war massiv umgerüstet worden, um alle aufzunehmen. Schweden gehörte zeitweise zu den Ländern mit den meisten Todesfällen pro Kopf, und es wird immer noch darüber diskutiert, ob damals alle eine angemessene Versorgung bekommen haben. Ende November wird dazu der erste Teilbericht der von der Regierung eingesetzten Coronakommission erwartet.

Im Frühjahr war die Situation allerdings neu, die täglichen Zahlen schockierend und die Schweden hatten wie alle anderen die Hoffnung, dies sei vorübergehend - obwohl auch Tegnell und seine Kollegen mit einem neuen Anstieg im Herbst rechneten und stets davon sprachen, die Maßnahmen müssten langfristig aushaltbar sein. Wie andere auch sind die Schweden jetzt müde geworden, wollen nicht mehr alles aufschieben und mögen oder dürfen nicht mehr zuhause arbeiten. Die schärferen lokalen Empfehlungen sind deshalb auch ein Signal an die Arbeitgeber, dies wieder vermehrt praktizieren zu lassen. Es bleibt abzuwarten, ob es noch einmal möglich ist, mit einem Appell an die persönliche Vernunft und Solidarität, aber ohne kleinteilige Verbote, Bußgelder und alltäglichen Maskenzwang die Entwicklung zu drehen. (Andrea Seliger)