Machtkampf im UK: Johnson legt nach Sex-Dossier "tote Katze auf den Tisch"

Boris Johnson Foto: EU2017.EE. Lizenz: CC BY 2.0

Jacob Rees-Mogg stellt sich öffentlich hinter seinen Rivalen

David Lidington, der Kabinettschef der britischen Premierministerin Theresa May, hat am Wochenende auf dem Politik- und Wirtschaftsforums im italienischen Cernobbio bekannt gegeben, dass es eine Brexit-Einigung mit der EU sehr wahrscheinlich erst nach dem im Oktober stattfindenden Parteitag der Tories in Birmingham geben wird. Man rechne, so Lidington, zwar mit einem Einvernehmen bis November, lasse für den Fall, dass sich das nicht erzielen lässt, auch Pläne für einen so genannten "harten" Brexit ohne Anschlussverträge ausarbeiten.

Manche Beobachter glauben, dass Premierministerin Theresa May durch diese Verzögerung ihren in Birmingham gefährdeten Posten etwas länger behalten kann. Andere, wie etwa der stellvertretende Labour-Vorsitzende Tom Watson, rechnen dagegen damit, dass ihr wichtigster Rivale Boris Johnson nun schneller aus seiner Deckung kommt und eine Gegenkandidatur verkündet. Das hat Johnson bislang noch nicht gemacht - stattdessen gab er bekannt, dass sich er und seine Frau nach 25 Jahren Ehe trennen werden.

Die Sunday Times konnte diese Geschichte mit einem ihr zugespielten Dossier aus May-Kreisen ausschmücken, in dem man Johnsons Affären gesammelt hatte: Von seinem Abenteuer mit dem It-Girl Petronella Wyatt (die in Anspielung auf Johnsons Abstammung von einem osmanischen Diplomaten meinte, sein Verhältnis zur Monogamie sei "ausgesprochen orientalisch") über ein lediges Kind mit einer Londoner Kunsthändlerin aus der höheren Gesellschaft bis hin zu seiner aktuellen Liebschaft, einer 30-jährigen Spin-Doktorin seiner Partei, die man in Hotpants und auf einem Auto tanzend fotografiert hatte.

Johnson reagierte auf dieses Dossier, indem er - metaphorisch gesprochen - eine "tote Katze auf den Tisch legte": Er lenkte die Aufmerksamkeit davon mit etwas ab, das noch aufmerksamkeitstauglicher war: Mit einer Kolumne, in der er meinte, Theresa May habe sich vom EU-Chefunterhändler Michel Barnier "einen Sprengstoffgürtel um die britische Verfassung legen lassen" und ihm den Auslöser dafür ausgehändigt.

Das warf jedoch, wie unter anderem der Spectator anmerkt, eines seiner grundsätzlichen Probleme erneut auf: Mit solchen Äußerungen kommt Johnson im Volk gut an - aber nicht unbedingt in der Tory-Elite. Dort sprach beispielsweise Alan Duncan "vom abscheulichsten Moment der modernen britischen Politik" und meinte, wenn sie nicht jetzt schon das "politische Ende" von Johnson mit sich bringe, dann werde er dafür sorgen, dass das später der Fall sein wird.

Johnsons wichtigster Rivale Jacob Rees-Mogg reagierte ganz anders und meinte, er habe Boris Johnson vor zwei Jahren als britischen Brexit-Chef-Verhandler bevorzugt, weil er glaubte, dass er diese Sache "außerordentlich gut" erledigen könne, und sehe keinen Grund dafür, warum das jetzt nicht mehr so sein soll. Wäre Johnson Premierminister, so Rees-Mogg, dann hätte man aus einer Position der Stärke heraus verhandelt und würde kein "Chequers-Durcheinander", sondern die Annäherung an einen "klareren, saubereren Brexit" haben. Gefragt, ob das bedeute, dass er May stürzen will, sagte der Politiker allerdings nur: "Ich glaube, Boris ist absolut Erste Klasse, aber es ist grade keine Stelle frei".

Mit solchen Äußerungen bewirbt sich der affärenfreie Katholik freilich viel effektiver um den Posten des Premierministers, als wenn er Johnson wegen seines altmorgenländischen Verhältnisses zur Monogamie oder wegen seines Sprengstoffgürtel-Vergleichs angreifen würde. Scheitert May, weil sie bei der EU entweder zu unvorteilhafte oder gar keine Nachfolgeverträge heraushandelt, könnte Rees-Mogg deshalb leicht der lachende Dritte sein, der sowohl für ihre Anhänger als auch für die Johnsons ein Kompromisskandidat wäre. In Sozialen Medien kommt der bis ins Exzentrische traditionell gekleidete ausgesprochen geistreiche Redner (der Scoop als sein Evelyn-Waugh-Lieblingsbuch nennt) bereits jetzt besser an als Johnson.

Schafft es der, May selbst abzulösen, wird Jacob Rees-Mogg als Innenminister gehandelt. Gefragt, was er dort als erstes ändern würde, nannte er im Juli das Verringern des Spalts zwischen politischen Entscheidern und Bürgern, der in den letzten Jahrzehnten durch Agenturen und andere Bürokratien immer breiter und intransparente geworden sei. Außerdem sprach er sich dafür aus, Visa-Obergrenzen für in Großbritannien gesuchte Berufsgruppen wie Ärzte abzuschaffen und im Gegenzug durch Grenzkontrollen dafür zu sorgen, dass keine Einwanderer kommen, die das Sozialsystem belasten. (Peter Mühlbauer)

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